DIE LAGE am 7.3.2016 Liebe Leserin, lieber Leser,

heute wird Kanzlerin Angela Merkel in Brüssel ihr eigenes Scheitern unterschreiben. So jedenfalls sieht es der Entwurf zur Abschlusserklärung der EU-Staatschefs vor, die heute Nachmittag dort zusammenkommen. Die "irregulären Migrationsströme längs der Balkanroute" seien versiegt, heißt es dort. "Diese Route ist nun geschlossen." Aus der Sicht Merkels ist so gut wie alles eingetreten, was sie verhindern wollte: Zahlreiche Grenzen im Schengenraum sind geschlossen, in Griechenland herrscht Flüchtlingsnotstand, Europa streitet. Und um wenigstens einem Ziel näher zu kommen, dem Schutz der europäischen Außengrenzen, muss sie eine Türkei hofieren, die die Pressefreiheit mit Füßen tritt.

Am Wochenende marschierte die türkische Polizei in die Redaktionsräume der regierungskritischen Zeitung "Zaman" ein. Ob das ein Thema war, als Merkel gestern Abend mit Ministerpräsident Ahmet Davutoglu zusammensaß? Ab heute Vormittag tagen jedenfalls Europas Staats- und Regierungschefs mit dem Türken, danach folgt der eigentliche Rat. Meine Kollegen Florian Gathmann und Peter Müller analysieren vorab auf SPIEGEL ONLINE, was von dem Gipfel zu erwarten ist.

Foto: Andreas Arnold/ dpa

Schicksalsfrauen

Die Leitartikler des Wochenendes waren sich einig: Die Landtagswahlen in drei Bundesländern am kommenden Sonntag werden in der deutschen Politik ein Beben auslösen, dessen Erschütterungen bis nach Berlin zu spüren sein werden. Die Ränder werden stark, die Mitte schwächer. Die Etablierten gegen die Populisten links und rechts, das könnte der künftige Frontverlauf auch in der deutschen Politik sein.

Ob die Bilanz am Ende für die Kanzlerin oder den Vizekanzler schlimmer ausfällt, dürfte sich in Rheinland-Pfalz entscheiden. Bleibt dort Malu Dreyer Ministerpräsidentin, rettet sie womöglich den SPD-Vorsitzenden, er hätte dann wenigstens einen Sieg zu feiern. Liegt dagegen am Ende Julia Klöckner vorn, würde das den Putschgelüsten gegen Merkel in der Union einen Dämpfer versetzen. Nach Umfragen liegen Dreyer und Klöckner fast gleichauf. Mit ihnen entscheidet sich womöglich das Schicksal des Berliner Spitzenpersonals. So viel Frau war noch nie in der deutschen Politik.

Foto: NATALIA KOLESNIKOVA/ AFP

Töchter gegen Putin

Auch die russische Politik wird weiblicher. Allerdings nur die außerparlamentarische Opposition. Mein Kollege Matthias Schepp beschreibt im aktuellen SPIEGEL, wie die Töchter der Reformpolitiker aus den Neunzigerjahren heute gegen Wladimir Putin kämpfen: drei Engel gegen Putin. Sie kämpfen für die Ideale ihrer Väter, für ein modernes Russland, für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie: Schanna Nemzowa, Tochter des vor einem Jahr ermordeten Oppositionellen Boris Nemzow. Maria Gaidar, Tochter des ersten postsowjetischen Ministerpräsidenten Jegor Gaidar. Und Xenia Sobtschak, Tochter des ehemaligen St. Petersburger Bürgermeisters Anatolij Sobtschak. Der hatte allerdings in den Neunzigerjahren einen politischen Ziehsohn: den heutigen Kremlherrn.

In Deutschland ist in diesen Tagen noch eine Frau gegen Putin unterwegs. Nadeschda Tolokonnikowa von Pussy Riot stellt ihr Buch vor: "Anleitung für eine Revolution". Heute Abend liest sie in Berlin im Maxim Gorki Theater. Meine Tochter und ich gehen hin.

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Gewinner des Morgens

Er ist nicht wirklich ein Gewinner, aber für mich ist er der Held des Morgens, wenn auch ein trauriger. Gestern gab Pfarrer Olivier Ndjimbi-Tshiende in seiner Sonntagspredigt bekannt, dass er sich eine neue Gemeinde suchen werde. Der Pfarrer im oberbayrischen Zorneding hatte Morddrohungen erhalten, nachdem er rassistische und fremdenfeindliche Äußerungen des örtlichen CSU-Personals kritisiert hatte. Als "unser Neger" war der Mann aus dem Kongo verunglimpft worden. Für mich hat Ndjimbi-Tshiende das christliche Abendland verteidigt - gegen die CSU.

Foto: Michael Kappeler/ picture alliance / dpa

Geburtstag

Hans-Werner Sinn, Ökonom und bis zu seinem heutigen 68. Geburtstag Präsident des Ifo-Instituts.

Mit herzlichem Gruß, Ihre

Christiane Hoffmann, stellvertretende Leiterin Hauptstadtbüro DER SPIEGEL

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