Die Lage am Freitag Liebe Leserin, lieber Leser,


es gibt jetzt einen Grund, einen klitzekleinen Grund, warum ich es interessant fände, gewänne Donald Trump die Wahl in den USA. Ich würde gern beobachten, wie Frankreichs Präsident Hollande würgen muss, wenn er Trump die Hand schüttelt. Denn das hat er ja gesagt: Er bekomme "Brechreiz" bei diesem Mann. Außenminister Steinmeier hat Trump gestern einen "Hassprediger" genannt, und das wäre auch eine spannende Grundlage für die deutsch-amerikanischen Beziehungen in einer Ära Trump. Für den habe ich nicht das Geringste übrig, aber wäre es nicht eleganter, sein Niveau zu vermeiden? Zudem habe ich den leisen Verdacht, dass es nicht unbedingt Zufall ist, wenn sich die Rhetorik in der Woche verschärft, in der Trumps Chancen zu sinken scheinen. Wie würde man über ihn reden, wäre er Präsident? Hoffentlich erfahren wir das nicht.

Lodernder Hass

Titelbild
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Heft 31/2016
Wie Deutschland sich gegen den Terror wehren kann

Kürzlich saß ich mittags in Kladow auf der Terrasse eines Ausfluglokals, und nebenan saßen zwei Rentnerpaare, bürgerliche, wohlhabende Rentner, die darüber schimpften, dass für sie nichts getan würde, für die Flüchtlinge hingegen ALLES. Man kennt das. Dann rief einer der Männer aus: "Und wenn jemand der Künast oder der Roth ein Messer in den Rücken rammen würde, würde ich dem gratulieren." Vorher hatten die vier über den Tweet von Renate Künast geredet; sie hatte die Frage gestellt, ob die Polizei den Attentäter von Würzburg wirklich habe erschießen müssen. Claudia Roth wurde einfach so hinzuaddiert. Mir war nicht klar gewesen, dass der Hass in bürgerlichen Kreisen so lodert. Auch übel: meine Stille. Ich hätte unbedingt etwas sagen müssen. Beim nächsten Mal, hoffe ich.

DPA

Endlich Synchronschwimmen

Ab heute, das wissen Sie, wird von Ihnen erwartet, dass Sie sich für Judo und Synchronschwimmen interessieren und fest davon ausgehen, dass die Sieger lupenreine Dopingverweigerer sind. Denn heute beginnen offiziell die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro, wo auch der kleine Sport großer Sport sein soll und der unsaubere Sport wie sauberer behandelt wird. Eine gigantische Illusionsmaschine. Aber, ehrlich gesagt, ich mache mit, ich gönne mir das, schaue mir Judo und Synchronschwimmen, nein, Synchronschwimmen dann doch nicht, aber Judo und Volleyball im Fernsehen an und jubele über deutsche Medaillen, als würden deutsche Sportler niemals dopen. Wird super.

DPA

Seismograf AfD

Die SPD beginnt heute mit dem Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern. Dort wird im September ein neuer Landtag gewählt. Das klingt nach einem Termin, der höchstens Mecklenburger und Vorpommern interessieren könnte. Aber es gibt ja die AfD. Und wegen der AfD ist jede Landtagswahl ein Ereignis, das man mit einer gewissen Sorge betrachtet. Wie hoch ist die Prozentzahl diesmal? Erschreckend hoch? Oder erträglich? Das Wahlergebnis der AfD, egal wo, ist zum wichtigsten politischen Seismografen der Bundesrepublik geworden. Absurd eigentlich.

Gewinner des Tages

Manchmal liest man Zeilen, die treffender nicht sein können, zum Beispiel diese hier: "Wir wählen Repräsentanten, die unsere Angst verwalten. Sie können nichts anderes. Sie sind selbst voller Angst, weshalb sie unsere Befürchtungen zielsicher erkennen, antizipieren und erzeugen. Angst und Macht sind wie siamesische Zwillinge. Je mehr Angst wir haben, desto größere Feiglinge wählen wir. Sie opfern alles, um ihre Macht nicht zu verlieren. Sie opfern uns, unser Land, unseren Kontinent. Sie werden uns Größe versprechen, doch am Ende bleiben wir zurück 'with our fucking countries'. Die werden immer kleiner werden, immer mehr 'our' und immer mehr 'fucking'". Der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk hat das geschrieben, mein Gewinner des Tages. Den ganzen Text können Sie heute Abend im digitalen SPIEGEL lesen, morgen im gedruckten.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag.

Herzlich

Ihr Dirk Kurbjuweit

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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
StefanZ.. 05.08.2016
1. Treffende Zitate vom Gewinner des Tages
Unsere Repräsentanten-Demokratie zeigt uns in der jetzigen Zeit deutlich woran sie krankt. Sie ist z.B. nicht in der Lage die tatsächlichen Bedürfnisse der Bevölkerung ernst genug zu nehmen und ohne eigene persönliche Agenda, Parteischablonenprogramm, usw. rational abzudecken. Vom Arbeitsplatz ist wahrscheinlich jeder von uns gewohnt, dass Situationen eines Conflict of Interest peinlichst vermieden werden müssen. Und zur gleichen Zeit schließen wir unsere Augen vor diesem riesengroßen strukturellen Konflikt in unseren Regierungen und Parlamenten. Können wir Demokratiereformvorschläge hin zu einer modernen Direktdemokratie von den deutschen Regierungen und Parteien erwarten? Ähem, hüstel. Wir leben im Jahr 2016, es gibt längst die Technik um den nächsten Schritt zu tun. Wenn unsere Regierungen zu Verwaltern gemacht würden, die sich zu jeglichen signifikanten Entscheidungen kurzfristigst angesetzte Rückfragen bei den Wählern einholen würden, dann könnten wir wesentlich gesündere Verhältnisse in unserer deutschen Gesellschaft schaffen. Die gegenwärtig Überfrustrierten (wie die vom Ausflugslokal) schaukeln ihre Meinungen wohl nicht zuletzt deshalb so hoch und extrem, weil sie sich von den Mächtigen über zu lange Zeit ignoriert, entmündigt und verachtet vorkommen.
stefan.p1 05.08.2016
2. Da kann ich nur sagen:
Gehen Sie mal öfters in Kladow einen Kaffee trinken, Herr Kurbjuweit! Da werden Sie erkennen müssen das diese Rentner nicht die einzigen sind , die so denken! Und Schuld daran ist nicht nur Merkels Politik sondern auch die kritiklose Hof - Berichterstattung der Medien. Vielleicht merken Sie jetzt wie weit Sie sich von der Bevölkerung entfernt haben. Bei Merkel habe ich die Hoffnung schon lange aufgegeben.
ronald1952 05.08.2016
3. Zum thema Hass,
ich lebe in Hessen und musst auch feststellen das dieser Hass auch hier wiet verbreitet ist.Die Ursachen liegen auf der Hand, Schröders Agenda, die Rettung der Banken, Gabriel der uns mit Haut und Haaren gerne Verkaufen würde.Das war die eine Ursache die andere ist wohl die Tatsache das auch gerade die Medien die Manschen nicht mehr so richtig Aufklären,Aufklären darüber was hier wirklich passiert.Woher kommt denn der Ausdruck Lügenpresse?Außerdem findet hier Landauf,Landab so eine Art Selbstkonditionierung statt wo sich viele Menschen sagen die Politker lügen alle, Sie sind korrupt und machen für uns nichts, nur für Banken und Konzerne. Es ist alles in eine sehr gefährliche Schieflage gekommen in der keiner mehr dem anderen Traut.Wen wundert es da das immer mehr Menschen in Rage kommen, wobei ich persöhnlich fürchte das die meisten nicht mal wissen von was Sie da reden oder wie es weitergehen soll.Hauptsache ein ,,Starker" kommt und richtet alles. Und wenn dann alles gerichtet ist, müssen wir wieder alles auf bauen wie nach 45. schönen Tag noch,
chuckal 05.08.2016
4. Die Stille
ist nicht auch übel, Herr Kurbjuweit, Sie ist noch viel übler!
nickleby 05.08.2016
5. Deutschland in Not
Herr Kurbjuweit sieht das vollkommen richtig. Unsere Regierung hat durch ihre Politik Deutschland in Gefahr gebracht. Frau Merkel ist einen uneinsichtige alte Frau, die nur noch Unglück bringt. Der österreichische Kanzler trifft genau die Stimmung. Wir brauchen eine europäische Politik und keine Politik für Afrika, Asien oder die Türkei. Tschechien und Ungarn sagen klar und deutlich : Flüchtlinge unerwünscht.
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