Die Lage am Mittwoch Liebe Leserin, lieber Leser,


Donald Trump hat schon viele ungeheuerliche Dinge gesagt, aber nun hat er auf verschwommene Art insinuiert, Hillary Clinton könne von Waffenbesitzern gestoppt werden, falls sie zur US-Präsidentin gewählt würde und neue Oberste Richter ernennen wollte. Trump will den seltsamen Satz nicht so gemeint haben, man kann ihn aber, wenn man ihn im Video hört, nur mit ziemlich viel Fantasie anders verstehen - was auch die erschrockenen Reaktionen der Zuhörer belegen.

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Heft 32/2016
Wie man sein Smartphone beherrscht - und Ruhe findet

Eigentlich hatte Trump gerade versucht, mit einer Rede über Wirtschaft wie ein "normaler Kandidat" zu wirken und seinen Wahlkampf neu zu starten - das funktionierte nicht einmal 24 Stunden lang. Wieder zeigt sich, dass Trump in diesem Wahlkampf die Grenzen des bisher Vorstellbaren ausweitet, zum Entsetzen auch der meisten Bürger.

In den Umfragen liegt Trump seit Tagen sehr deutlich zurück, selbst in eigentlich tief republikanischen Bundesstaaten wie Georgia, Missouri oder Utah holt Clinton auf. Der Datenanalyst Nate Silver hat errechnet, dass sie eine 87-Prozent-Chance auf einen Sieg hat. Das bedeutet nicht, dass Trump schon verloren hat, bis November kann noch sehr viel passieren. Aber jeder neue Wahnsinnsspruch des republikanischen Präsidentschaftskandidaten zeigt: Den neuen, anderen, vernünftigeren Trump, auf den manche warten, wird es nie geben.

AP

Die Schlacht um Aleppo

Russlands Präsident Putin und der türkische Präsident Erdogan verstehen sich seit ihrem Treffen in Sankt Petersburg angeblich wieder bestens, nur was den Krieg in Syrien angeht, haben die beiden nach wie vor eine komplett unterschiedliche Haltung - Russland unterstützt das Regime, die Türkei die Rebellen. Im Fall der Schlacht um die zweitgeteilte Stadt Aleppo ist die Lage gerade besonders kompliziert. Zuerst hatte das Regime die Rebellen eingekesselt. Nun haben die Rebellen - und zwar ausgerechnet die extremistische ehemalige Nusra-Front - aber auch das Regime eingekesselt, beide Seiten halten einander im Würgegriff und schneiden dem Gegner den Nachschub ab. Was geschieht als nächstes?

Vermutlich werden das Assad-Regime, Russland und Iran in den nächsten Tagen massenhaft iranische und Hisbollah-Söldner nach Aleppo beordern, um wieder die Oberhand zu gewinnen. Nur wenn Russland Assad an den Verhandlungstisch zwingen sollte, gäbe es Hoffnung auf eine Verhandlungslösung. Danach sieht es aber nicht aus.

AFP

Flüchtlinge im Mittelmeer

Europa und insbesondere Deutschland schauen wie gebannt auf den wackeligen Flüchtlingspakt mit der Türkei. Doch derweil droht auf der zentralen Mittelmeerroute eine Neuauflage der Katastrophe von 2015 - das berichten meine Kollegen Markus Becker und Matthias Gebauer. 100.244 Menschen sind nach Berechnungen der Internationalen Organisation für Migration in diesem Jahr bereits von Nordafrika aus nach Europa gekommen, viele sterben bei der Überfahrt. In Libyen gibt es niemanden, den die EU wie Präsident Erdogan in der Türkei zum Torwächter machen könnte, denn dort gibt es bekanntlich nicht einmal einen Staat. Die Flüchtlinge werden weiter kommen, Türkei-Deal hin oder her.

AP

Solidarität mit der Bundespolizei

Innenminister Thomas de Maizière besucht heute Einheiten der Bundespolizei in Bremen. Er will damit vermutlich der Kritik von SPD-Chef Sigmar Gabriel und anderen Sozialdemokraten begegnen. Die SPD wirft der CDU vor, bei der Bundespolizei zehn Jahre lang nur gespart zu haben, es fehle Geld für Hubschrauber, Personal und Ausrüstung. Dabei geht es auch um die Frage, ob die Bundeswehr bei einem Terroranschlag im Innern eingesetzt werden könnte, wie es die CDU fordert - oder ob eine gut ausgestattete Polizei im Grunde ausreicht, wie die SPD findet.

Hinfahren und sich mit den Betroffenen zeigen, das nennt man im Englischen eine "photo op" - eine Gelegenheit für inszenierte Fotos, mit denen man den Medien zeigen möchte, dass man sich um ein Problem ernsthaft kümmert. So wie de Maizière.

Weltsozialforum

In Montréal beginnt heute das Weltsozialforum, das einst als eine Art Gegen-Davos gegründet wurde, aber seit einiger Zeit an Bedeutung verliert - obwohl Globalisierungskritik durch Donald Trump, Marine Le Pen und Brexit-Fans wieder ganz groß im Kommen ist, wenn auch von der anderen Seite des politischen Spektrums. Sechs Tage lang wollen sich bis zu 50.000 Angehörige von 5000 globalisierungskritischen Gruppen aus 110 Ländern auf dem Weltsozialforum 2016 austauschen. Das sind nur halb so viele Teilnehmer wie in Porto Alegre im Jahr 2005, doch noch immer ist das Weltsozialforum das größte Treffen linker Globalisierungskritiker. Im Vorfeld gab es Streit, denn zum ersten Mal findet das Forum auf der Nordhalbkugel statt und nicht wie bisher im Süden.

REUTERS

Verlierer und Gewinner des Tages

Verlierer: die olympischen Turmspringer. Die Farbe des Wassers in ihrem Becken ist nach einem Tag ins Giftgrüne gekippt - offenbar ist es von Algen befallen worden. Gewinner: die deutschen Athleten, die ihre ersten Medaillen gewonnen haben - Gold und Silber für die Vielseitigkeitsreiter, Silber für die Schützin Monika Karsch. Noch ein Gewinner: das öffentlich-rechtliche Fernsehen, dem Olympia auch dieses Jahr wieder gute Quoten bringt. Unklar, ob Gewinner oder Verlierer: ich selbst, weil mich Olympia in diesem Jahr nach all den Skandalen nicht begeistern kann, und ich noch keinen einzigen Wettbewerb geschaut habe.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag!

Herzlich,

Ihr Mathieu von Rohr

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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
reinerhohn 10.08.2016
1. dann moechte ich mich....
.... auch zu den Gewinnern oder Verlierern zaehlen, weil ich in diesem Jahr auch noch nicht einen Wettkampf bei Olympia gesehen habe. Es tut mir wegen der vielen sauberen Sportler leid, aber es interessiert mich nicht wenn irgendwelche Zombies gegeneinander antreten, und sich die Medaillen streitig machen waehrend ungedopte Sportler meiszens hoffnungslos hinterherhinken...sorry! Schmeißt die Zombies und Herrn Bach endlich raus!
seehofer2016 10.08.2016
2. Sprachgebrauch
Und schon wieder... Assad-Regime. Es handelt sich immer noch um die syrische Regierung. Mir ist nicht bekannt, dass diese durch eine andere, der Spiegel-Redaktion genehme Administration abgelöst wurde. Damit wir uns nicht falsch verstehen- ich halte die Familie des Präsidenten nicht für einen Kirchenchor, bin kein Putin-Versteher oder AfD-Boy, und "Lügenpresse " ist auch nicht mein Thema. Aber als seriöse Presse sollten Sie sich bei der Berichterstattung nicht zu Propaganda hinreißen lassen.
micromiller 10.08.2016
3. Unsere Kanzlerin hat ihren Thomas
zum Selfie "Shooting" abkommandiert, er wird das artig erledigen. Wir gebrauchen eine intelligentere Flüchtlingspolitik, dann müssen wir unser Land nicht nach innen und außen aufrüsten. Er sollte lieber einen Schnellkursus in Kanada belegen und dort lernen wie man intelligente Zuwanderung plant.
spon-facebook-10000145486 10.08.2016
4. Tauchen jetzt olympisch?
"Verlierer: die olympischen Taucher. Die Farbe des Wassers in ihrem Becken ist nach einem Tag ins Giftgrüne gekippt - offenbar ist es von Algen befallen worden." Ging es nicht eher um die Turmspringer?
saparot2 10.08.2016
5. Das Sterben im Mittelmeer
Kann man nur verhindern, indem man alle Flüchtlinge konsequent sofort zurück bringt. Alles andere ist im Prinzip Beihilfe zu fahrlässiger Tötung. Denn mit jeden Gerät zum Flüchtling motiviert waren andere in Boote zu steigen. Eine wirklich humanitäre Geste wäre es wenn man sie vor der Abfahrt einsammeln und per Flugzeug oder Schiff nach Europa bringen würde.
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