Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,


ein Anschlag per Lkw in Nizza; ein Anschlag per Axt in Würzburg; ein Parteitag, bei dem ein narzisstischer Demagoge, dessen einzige Stärke dieser gewaltige Klang seines Namens ist, zum Präsidentschaftskandidaten ernannt wird; dann diese Woche der Dunkelheit in der Türkei; und nun die Toten von München. Das ist die Bilanz der vergangenen zehn Tage, die wie eine weitere Verdichtung eines ohnehin intensiven Jahres wirkt. Ist die Weltlage schlimmer als je zuvor? Nein, auch frühere Zeiten waren kriegerisch und tödlich, und es gab die Angst vor dem Atomschlag, auch die Angst vor dem Terror der RAF, vieles andere mehr, das allerdings langsam aus der kollektiven Erinnerung verschwindet.

Ist die Welt also wieder einmal aus den Fugen geraten? Ja, an allzu vielen Schauplätzen sieht es so aus. Politische Fehler wie verlogene, halbherzige oder unterlassene Interventionen im Irak, in Libyen oder Syrien haben sowohl Terrorismus als auch Völkerwanderungen in Gang gebracht. Die Globalisierung hat Kontinente, Länder, Städte aufgeteilt in Gewinner und Verlierer, und die Verlierer können die Produkte der Globalisierung, Smartphone und Social Media, nutzen, um ihre Wut zu organisieren.

Die Gewalttat in München mit zehn Toten wurde nach Angaben der Polizei von einem 18 Jahre alten Deutsch-Iraner verübt. Er beging danach Selbstmord. Die Hintergründe sind noch unklar. Alle aktuellen Entwicklungen dazu lesen Sie hier bei SPIEGEL ONLINE.

Ein Präsident wird zum Diktator

Es ist trostlos, was meine Kollegen erzählen, die für die Titelgeschichte des neuen SPIEGEL in Ankara, Istanbul und Diyarbakir recherchiert haben. Zweierlei geschieht parallel: Ein Präsident wird zum Diktator und träumt von Massenhinrichtungen und Säuberungswellen; und ein Mob zieht durch die Straßen, der alles Freie, Lustige, Westliche, sowieso alles Weibliche niederdrücken und missionieren will. Recep Tayyip Erdogan benutzt die Islamisten in seinem Streben nach Allmacht, und die Islamisten benutzen Erdogan, weil er die Autokratie baut, die sie anstreben. Darum ähnelt Istanbul inzwischen eher Bagdad oder Kairo als Berlin oder New York: Permanenter Stress und permanente Angst prägen die Stadt. "Es ist atemberaubend zu erleben, mit welcher Geschwindigkeit dieses Land Errungenschaften der Demokratie verliert", meldet unser Redakteur Maximilian Popp aus Ankara.

"Es war einmal eine Demokratie" - den neuen SPIEGEL finden Sie gedruckt ab heute am Kiosk und in digitaler Form hier.

Im Video: "Nichts ist mehr normal" - Popp über die Bombardierung des Parlaments und die aktuelle Lage in der Türkei

DER SPIEGEL

Donald Trump weiß nichts über die Welt

Und welche Worte kann es eigentlich noch für diesen Donald Trump geben? Wer seine 75 Minuten lange Rede hörte, glaubte ja nicht, dass das alles noch die Wirklichkeit von 2016 sein kann. Der Mann lügt. Der Mann weiß nichts über die Welt. Der Mann hat keine Ahnung, welche politischen Strategien es für Amerikas Wirtschaft oder Amerikas Bildungssystem geben könnte. Sein Rezept ist das simpelste aller politischen Rezepte: Er beschreibt eine Welt wie jene aus "Game of Thrones", in der jederzeit überall jeder jeden umbringt. In "Game of Thrones" sagt Sansa Stark zu Jon Snow: "No one can protect me. No one can protect anyone." Und Trump sagt nun zu Amerika: Migranten bedrohen dich, Schwarze bedrohen dich, die Welt bedroht dich - doch ich bin dein Führer, ich rette dich, "I alone can fix this". Das ist tatsächlich alles, mehr hat Trump nicht drauf. Doch manchmal, in der Türkei beispielsweise, werden eindimensionale Männer dann doch von einer Mehrheit gewählt.

REUTERS

Ist das möglich? Kann Trump gewinnen? Unser Reporter Philipp Oehmke beschreibt im neuen SPIEGEL den gefallenen Helden der Datenwelt Nate Silver und die Kunst der Wahlprognose und auch deren Abgründe. Es geht um Umfragen, Vorhersagen, auch um den heiklen Versuch, persönliche Daten von Wählern zu sammeln und für den Wahlkampf zu nutzen. Oehmkes Geschichte finden Sie hier im neuen Heft; und auf SPIEGEL ONLINE in unserem neuen Angebot SPIEGEL Plus.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

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Gewinner des Morgens...

... sind die Obamas. Acht Jahre im Weißen Haus gehen zu Ende, und in Amerika werden schwarze Bürger von Polizisten erschossen, und schwarze Scharfschützen ermorden Polizisten. Auch Guantanamo existiert weiterhin, wie vor acht Jahren. Aber dieser Präsident hat gekämpft, er hat alles versucht, was ihm eingefallen ist; und Fehler und Niederlagen gehören nun einmal zu jedem Beruf und, vermutlich, zu jedem Leben. Den Humor, die intellektuellen Reden, den Stil dieses Präsidenten werden wir schon bald vermissen. Und wenn ich mir Bill Clinton als künftigen First Husband vorstelle oder wenn ich mir Melania Trump an Donalds Seite ins Weiße Haus denke, dann fehlt mir auch Michelle Obama, die Meisterin des Karaoke, schon heute ganz fürchterlich.

Die Welt mag in diesen Tagen ein ernsthafter Ort sein, aber doch nicht ganz und gar. Im neuen SPIEGEL geht es übrigens, auch, um das Seelenleben von Bäumen und Tieren; um Unterwäsche; oder um Raketenrollschuhe und andere Seltsamkeiten des Straßenverkehrs.

Eine anregende Lektüre und ein vergnügliches Wochenende!

Herzlich

Ihr Klaus Brinkbäumer

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insgesamt 118 Beiträge
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Seite 1
attis 23.07.2016
1. Guter Obama,
den Friedensnobelpreis hast Du Dir verdient. Inmitten von furchtbaren Menschen und noch furchtbareren Menschenmassen hast Du Deine Seele bewahrt. Manche Menschen denken, Frieden kommt, wenn man Frieden außen installiert. Nee, Frieden ist, wenn der Frieden im Innern nicht erschüttert. So wie bei Dir, bislang bester Präsident aller Zeiten. All diejenigen, die Dir im Geiste nicht die Hand gereicht haben, haben dem Frieden nicht die Hand gereicht. Du bist nicht gescheitert. Durch Dich sind die Dämonen erkenntlich geworden. Sogar Putin weiß das - niemandes Verachtung trifft ihn mehr als Deine. Weil er weiß, dass Deine Seele rein ist.
Immanuel K. 23.07.2016
2. Zumindest müßte sich niemand mehr...
fragen, ob sein Gegenüber das Richtige oder das Falsche glaubt, wenn wir endlich die Religionen überwinden würden - das größte Elend, was sich Menschen gegenseitig in den letzten tausenden von Jahren angetan haben, war jawohl überwiegend im Namen der Frage des richtigen odere falschen Glaubens...
clearglass 23.07.2016
3. Man ist zutiefst betroffen und
entsetzt von diesem mörderischen Anschlag. Man fühlt und trauert mit den Angehörigen. Dass offenbar Jugendliche getötet und selbst Kinder verletzt wurden lässt einen fassungslos werden. Das Gift sickert in unsere Gesellschaft, verursacht von einer menschenverachtenden Ideologie, die Aussagen einer Religion so auslegt, dass sie einem Menschen das Paradies verspricht, wenn er menschliches Leben vernichtet und Leid über seine Mitmenschen bringt...... Die Politik ist jetzt gefordert. Viel zu sehr setzen manche Politiker auf Halbwahrheiten, Heile-Welt- und Täter-ist-nicht-Schuld-Sprech. Solange bösartige Propaganda im Namen einer Religion versprechen kann und darf, dass Mord selig mache, solange wird es Verrückte, Verführte, Verbohrte, Verrannte aber auch Selbstgerechte und Hoffaertige geben, die diesen dämonischen, teuflischen Propagandisten glauben.
danduin 23.07.2016
4. Westen ist chaotischer geworden
Wir hatten Russland vernachlässigt, wir lassen uns von der Türkei erpressen und müssen uns fragen ob wir es auch hier vernachlässigt haben unsere Werte dorthin besser zu vermitteln. Wir haben vernachlässigt Stabilität in Nordafrika zu schaffen. Wir haben faktisch unsere Nachbarschaft vernachlässigt. Die Engländer wurden auch desinformiert und unzureichend aufgeklärt. Wir sind nicht fähig unsere EU-Außengrenze zu sichern. Anstatt die Massenwanderung der Flüchtlinge geordnet nach Europa zu organisieren, Ihnen Unterkünfte in ganz Europa zu bieten auf Grundlage eines politische Asyls. Liefen Sie einfach von Afrika nach D. Wann gab es denn dass jemals, dass Leute einfach nach Europa ziehen können ohne Papiere und ohne Ordnung walten zu lassen. Ich kann nicht mal von Stadt zu Stadt ziehen, ohne dass das Amt Papiere von mir haben möchte. Und wenn ich in die USA oder Australien, dann geht das auch nicht so einfach. Die spinnen die Politiker in Europa.
swerd 23.07.2016
5. swerd
Hallo ! Wir brauchen noch mehr " Geschenke " lt. Katrin Eckhard. Diese vom Glauben verblendeten Menschen sollten endlich Beleg sein fuer eine massive Einschraenkung aller islamistischen oeffentlichen Bekundungen. Angefangen beim Kopftuch bis zur Behauptung, nicht islamglaeubig - unglaeubig.
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