Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,


was lernen wir nun aus Donald Trumps Welttournee? Auf der Oberfläche bietet Trump seit Monaten und bot Trump darum auch in diesen Reisetagen beste Unterhaltung. Wenn man also über den Mann staunen und lachen will... wie großartig. First Lady Melania schlägt tatsächlich seine Hand weg! Er schubst das winzige Montenegro zur Seite, um in der ersten Reihe zu stehen, er macht das wirklich! Wie sparsam der Papst guckt! Oh, Macron geht auf ihn zu, biegt ab und küsst Merkel, und Trump sieht allen Ernstes eingeschnappt aus! All das ist Teil der Seifenoper "The Donald", und es hat durchaus seine Bedeutung, weil wir ja wissen wollen, wer die Menschen sind, die die Welt regieren, und auch solche Szenen sagen etwas aus.

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Heft 22/2017
Der letzte Wille entzweit Familien - doch es geht auch friedlich. Eine Gebrauchsanweisung

Die Hauptsache ist das alles aber nicht. Wichtiger bleibt die politische Ebene. Und dort lernen wir, dass die Nato kein gefestigtes Bündnis mehr ist.

Das Mitglied Türkei verweigert deutschen Politikern den Besuch deutscher Truppen und inhaftiert, natürlich ohne Gerichtsverfahren und ohne Grund, türkische und internationale Journalisten. Was tun? Die anderen Nato-Mitglieder winden sich, schämen sich, und wer mit deutschen Diplomaten spricht, hört Wörter wie "Eiszeit" und Sätze wie "Merkel kann Erdogan leider nicht mehr erreichen". Und das Mitglied USA ist ja nicht viel besser.

DPA

Auch Donald Trump glaubt nicht an demokratische Werte, nicht einmal an internationale Solidarität oder den Wert multilateraler Politik. Er schwärmt von Autokraten wie eben Erdogan oder Ägyptens Sisi. Er findet Saudi-Arabien "great" und die Deutschen "bad, very bad", wie mein Kollege Peter Müller recherchierte. Die Lage ist ganz schön trostlos, eher noch bedrohlich: Die meisten Außenpolitiker, all die Diplomaten Europas ertragen diesen Trump einfach nur, finden keine Anknüpfungspunkte in Washington mehr, haben noch keine alternative Strategie. Zu diagnostizieren sind Stillstand und Rückschritte im Westen, während China Bündnisse schmiedet und stärker und stärker wird.

Donald Trumps neuntägiger Ritt durch fünf Länder des Nahen Ostens und Europas war ein Kraftakt, unser Korrespondent Christoph Scheuermann begleitete Trump auf der gesamten Reise. Er beobachtete einen Präsidenten, der sich verbissen darum bemühte, von der Welt endlich als Staatsmann wahrgenommen zu werden. Vergeblich, wie Sie in diesem Video sehen können.

ullstein bild

Erbfeinde

In Deutschland werden in diesem Jahr rund 260 Milliarden Euro vererbt werden. Mit dieser Summe wären sämtliche Sozialausgaben des Bundes zu decken; oder auch die Kosten für alle Kindergärten, Schulen, Universitäten. Der letzte Wille, das Testament ist in vielen Familien schon aus Pietätsgründen ein Tabu, bis es zu spät ist - doch dann, irgendwann, wird eine Erbschaft in jeder Familie zum Thema.

Was also kommt nach der Trauer? Ein Geldsegen? Ein Fluch?

Meine Kollegen Alexander Neubacher und Britta Stuff haben für den Titel dieser Woche recherchiert, wie dramatisch, wie traumatisch die Sache mit dem Nachlass für die Angehörigen oft ist, die sich Gerechtigkeit und vor allem Aufklärung erhoffen: Hat der Vater mich geliebt? Und wenn, hat er meinen Bruder womöglich doch noch mehr geliebt? Erbende Söhne streiten sogar um Modelleisenbahnen, um den letzten Kampf um die Gunst des Patriarchen zu gewinnen.

Was tun? Ein Testament sollte aktuell sein; wenn die alte Mutter einen neuen Lebensgefährten hat, sollte sie auch ein neues Testament verfassen. Unbedingt kurz und klar sollte dieses sein. Zu Humor und Gelassenheit, auch in anderen Lebenslagen keine sinnlosen Eigenschaften, ist zu raten, damit geliebte Verwandte nicht zu Erbfeinden werden. Dies aber sagt uns eigentlich schon der gesunde Menschenverstand - sehr viel konkreter wird es im Text meiner beiden Kollegen.

Im Video: Drei Fragen an den Fachanwalt für Erbschaftsrecht Stephan Konrad

DER SPIEGEL

Politische Zeiten

Es war eine Qual, das Heft dieser Woche zusammenzustellen: so viele Texte. Denn viele Kolleginnen und Kollegen meldeten sich auch wenige Stunden vor Redaktionsschluss noch und boten diese Nachricht und jene Analyse an. Eben darum war es in Wahrheit natürlich eine Freude. Wenn der SPIEGEL in Form ist - und politische Zeiten fordern uns jedenfalls heraus -, dann entstehen Enthüllungen wie die der Kollegen Rafael Buschmann und Michael Wulzinger über die Abgründe des Profifußballs, die wir fortschreiben. Oder jene über den sagenhaften Reichtum des Erdogan-Clans, eine Recherche des europäischen Netzwerkes EIC. Dann schickt Markus Feldenkirchen von unterwegs eine politische Reportage über den glücklichen Außenminister Sigmar Gabriel, die in Wahrheit die ganze SPD erklärt. Dann besucht Mathieu von Rohr den noch immer kämpfenden Bernie Sanders, dann denkt Elke Schmitter über die öffentliche Trauer nach dem Anschlag von Manchester nach, und dann erklärt uns Volker Weidermann die Kraft der neuen deutschen Literatur, die eine Literatur der Migranten ist.

REUTERS

Wenn der SPIEGEL in Form ist, dann entsteht, hoffentlich, ein Magazin auf der Höhe seiner Zeit; und zugleich etwas Neues. Darf ich Ihnen auch SPIEGEL DAILY ans Herz legen, die smarte digitale Abendzeitung?

Und dann entsteht eine Reportage wie jene des Kollegen Takis Würger über Melanie Schmitz, das Postergirl der Identitären Bewegung in Deutschland. Die Identitäre Bewegung ist eine rechte Nachwuchsorganisation, und ihre Mitglieder sind nicht wirklich daran interessiert, mit Journalisten Zeit zu verbringen. Wer Melanie Schmitz ist und wer die Identitären sind, das beschreibt der Kollege unter anderem in diesem Video.

Youtube

Die Nachrichten der Nacht:

Gewinner des Morgens...

Getty Images

... ist der "Welt"-Korrespondent Deniz Yücel. Und Gewinner des Morgens sind alle 150 in der Türkei inhaftierten Kolleginnen und Kollegen. "Nicht nur mir geht es so, in fast allen politischen Verfahren gilt das Prinzip: erst Knast, dann Prozess", schrieb Yücel in der "Welt", von den ersten 100 Tagen im Gefängnis verbrachte er 87 in Einzelhaft. So gehen Diktaturen mit Journalisten um, wir dürfen uns daran nicht gewöhnen. #FreeDeniz

Ich wünsche Ihnen eine erhellende und unterhaltsame Lektüre und ein schönes Wochenende, herzliche Grüße

Ihr Klaus Brinkbäumer

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insgesamt 12 Beiträge
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Kurbelradio 27.05.2017
1. Lernfähigkeit
ja was sollte man aus jemanden wie Trump lernen? man sollte doch endlich mal lernen, dass man keine, für das Volk, destruktive Politik machen kann, ohne dass dann ein Trump und Konsorten "plötzlich" Präsidenten sind. Er ist doch, so schlimm wie es ist, einfach nur das Resultat davon, dass es den Menschen schlecht geht, und sie nach einem "starken Mann" gesucht, und dummerweise, auch gefunden haben. Zumindest tritt Trump als starker Mann auf, spricht den Leuten aus der Seele quasi, ohne dass die wiederrum hinterfragen, was denn wirklich so dran ist an dem was er sagt. Das spielt doch für die Wähler keine Rolle. Die sehen ihr leeres Bankkonto, während andere immer fetter werden. Das ist die Krux. Da kann man jetzt auf Trump rumhacken wie man will, ändert es doch nicht an den Brutalkapitalismus der letzten Jahrzehnte, der die Masse ausblutet. Das sollte eigentlich jeden Tag in die Schlagzeilen. Ob ein Macron da eine Hand festhält, oder ein Trump rempelt sind doch nur Begleiterscheinungen von einer durchgeknallten Mischpoke an Politikern, die gewählt wurden, weil die Wähler ausgelaugt sind.
franz.v.trotta 27.05.2017
2. Kindergarten
Lächerlich macht sich nicht Trump; lächerlich machen sich die Medien, die über jedes Wimpernzucken berichten und die Leser auch mit ebenso tiefschürfenden wie lächerlichen Interpretationen versorgen. Merkel wollte Trump provozieren. Es ist ihr gelungen.
Harrue 27.05.2017
3. Selbst Ihre Kollegen beim Spiegel sind anderer Ansicht.
"Donald Trump bemüht sich, endlich als Staatsmann wahrgenommen zu werden - vergeblich." Die sagen z.B.: "Donald Trump hat gewonnen, das lässt sich schon jetzt sagen, noch vor dem Ende seiner neun Tage langen Gewalttour durch den Nahen Osten und Europa." Trump hat jetzt schon -mit dieser einzigen Reise- die Welt ordentlich zurecht geschüttelt. Das zu leugnen zeigt nur, wer in Wirklichkeit die Federn beim Spiegel führt.
kwoik 27.05.2017
4. Trump
Wird nicht ernst genommen, die meisten ignorieren ihn doch einfach, was an vielen Gesten gut zu erkennen ist. Siehe Macron. Trump muss erst einmal liefern bevor er auf Augenhöhe wahrgenommen wird, selbst Montenegros Staatsoberhaupt wird mehr Respekt entgegen gebracht als dem schreienden Kleinkind vor der Quengelwahre.
rambazamba1968 27.05.2017
5. Was lernen wir?
dass Europa ein eigenes Verteidigungsbündnis benötigt ohne Trump und Erdogan. Die EU muss eigenständiger und selbstbewusster werden. Wenn BMW und Co. Zölle auferlegt werden, dann bekommen eben Microsoft, Apple, Google auch ihre Zölle. Man sollte sich mal die Frage stellen wie sehr viele in der USA diesen Clown Trump wählen konnte. Meine Antwort ist Bildung. Wenn man in der USA auf Eliteuniversitäten setzt und den Rest Volkes verdummen lässt, ist Trump das Ergebnis. Wenn hier die FDP seit Jahrzehnten auch von Eliteuniversitäten nach amerikanischem Vorbild für Superreiche träumt, muss man ihnen vielleicht mal was entgegensetzen. Ich will nicht irgendwann einen Gauland als Staatschef.
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