Die Lage am Dienstag Liebe Leserin, lieber Leser,


heute spricht Donald Trump vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen. Der amerikanische Präsident ist nicht eben ein Freund internationaler Organisationen, insofern wirkt sein Auftritt ein bisschen so, als würde der Chef der Metzger-Innung vor dem Jahrestreffen des Vegetarier-Verbandes sprechen. Die Abneigung ist gegenseitig.

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Heft 38/2017
Eine Gebrauchsanweisung

Andererseits hat das Amt Trump flexibel werden lassen. In Washington geht seit Tagen das Gerücht um, die USA könnten vielleicht doch am Pariser Klimaabkommen festhalten, Außenminister Rex Tillerson sagte zuletzt: "Wir möchten produktiv sein, wir möchten hilfreich sein." Produktiv und hilfreich waren bisher nicht Worte, die einem im Zusammenhang mit der amerikanischen Regierung eingefallen sind. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Dröhnendes Schweigen

REUTERS

Nach Wochen des Schweigens und Verleugnens hat sich heute Burmas mächtige Frau Aung San Suu Kyi zur Lage von Hunderttausenden muslimischen Rohingya geäußert, die vor der Gewalt des Militärs nach Bangladesch geflohen sind. In den vergangenen Tagen wurde viel darüber gerätselt, warum Suu Kyi zu den Verbrechen in ihrem Land praktisch nichts sagt. Hatte sie nicht die Macht, sich gegen das Militär durchzusetzen? Oder blieb die Politikerin stumm, weil sie sich das Wohlwollen der buddhistischen Nationalisten erhalten wollte? Was immer der Grund war: Der Ruf der Frau, die über Jahrzehnte dem Militärregime in ihrem Land gewaltfreien Widerstand entgegensetzte und die deshalb 1991 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, ist schon jetzt nachhaltig beschädigt.

Schnelle Schlagzeile

DPA

Freundschaften in der Politik sind ein rares Gut, besonders in Wahlkämpfen werden sie auf eine harte Probe gestellt. Das merken gerade Martin Schulz und Sigmar Gabriel. Gabriel hat für Schulz auf Kanzlerkandidatur und SPD-Vorsitz verzichtet, nicht aber auf seine Leidenschaft für die schnelle Schlagzeile. Seit Schulz die Sozialdemokraten führt, scheint Gabriel von dem Willen beseelt, der Partei zu beweisen, dass ihm in Sachen Wahlkampf keiner etwas vormacht. Schon gar nicht der Parteichef. Gerade hat Gabriel in der "Bild" der Union vorgeworfen, die Sorgen der Bürger in der Flüchtlingskrise nicht ernst zu nehmen. Egal, was Schulz sagt, Gabriel will offenbar immer einen Tick lauter sein. Man kann das engagiert nennen - oder egoistisch.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Verliererin des Tages...

REUTERS

... ist Theresa May. An diesem Freitag will die britische Premierministerin ihre große Brexit-Rede halten, aber von einem geordneten Austritt des Königreichs aus der EU kann nach wie vor keine Rede sein. Erst veröffentlichte Außenminister Boris Johnson einen langen Zeitungsartikel, in dem er in Sachen Brexit eine deutlich andere Tonlage anschlug als seine Chefin. Dann versetzte May den britischen Chefunterhändler für den Brexit, Oliver Robbins, völlig überraschend und verstärkte damit noch den Eindruck, in der britischen Regierung wisse die eine Hand nicht, was die andere tue. Der Brexit, von dem sich so viele Briten eine goldene Zukunft erhoffen, ist in der Praxis vor allen ein gigantisches Selbstbeschäftigungsprogramm für die Londoner Politik.

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.

Ihr René Pfister

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insgesamt 4 Beiträge
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thequickeningishappening 19.09.2017
1. # Gabriel - Schulz
Gabriel hat auf Kanzlerkandidatur und Parteivorsitz verzichtet, na warum wohl? 100% Schulz macht den Kandidaten und bekommt nach der Schlappe ein Ministerpoestchen oder auch nicht und Gabriel schwebt über den Dingen! Er bleibt Außenminister oder geht in die Wirtschaft!
Papazaca 19.09.2017
2. Aung San Suu Kye: Welche Macht hat sie denn?
Bei aller Kritik an Aung An Suu Kye stellt sich doch nicht nur die Frage, was sie nicht sagt, sondern was sie wirklich sagen kann. Diese Frage wurde bisher in den Medien kaum beantwortet. Wenn sie sich gegen das Militär stellen würde, ist sie vielleicht weg. Ändern würde sich dann noch weniger. Die Frage bleibt bisher unbeantwortet, ist aber wesentlich.
uffta 19.09.2017
3. Für die Katz
Zitat: "Gerade hat Gabriel in der "Bild" der Union vorgeworfen, die Sorgen der Bürger in der Flüchtlingskrise nicht ernst zu nehmen. Egal, was Schulz sagt, Gabriel will offenbar immer einen Tick lauter sein. Man kann das engagiert nennen - oder egoistisch." Ich würde es als nicht glaubhaft bezeichnen, da die Kritik zu spät kommt und die eigene Einsicht fehlt. Ohne Wahlkampf wäre das Thema gar totgeschwiegen worden.
i.dietz 19.09.2017
4. Moin Herr Pfister
kann es sein, dass der Friedensnobelpreis manchmal etwas zu früh verliehen wird ? Noch Dienstag-Mittwoch-Donnerstag-Freitag-Samstag- Abend schlafen gehen, dann ist dieser Wahlk(r)ampf endlich vorbei ! Übrigens, das "Kumpelhafte" des Herrn Schulz geht mir immer mehr auf die Nerven ! Schönen Tag noch
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