Die Lage am Donnerstag Liebe Leserin, lieber Leser,


es sind noch fünf Tage bis zur US-Wahl, und nach der jüngsten FBI-Affäre ist das Hillary-Lager am Rande der Panik. Plötzlich scheint Trump wieder eine echte Chance zu haben. Ist die Panik gerechtfertigt? Wahrscheinlich nein: Das Rennen ist eng, Clinton liegt aber vorne. Auch für Trump gibt es Wege zum Sieg, sie sind jedoch schmal - er ist darauf angewiesen, dass die Umfragen grundlegend falsch liegen. Clinton ist in den für sie entscheidenden Bundesstaaten sowohl in den Umfragen wie bei der Mobilisierung der Wähler im Vorteil.

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Heft 44/2016
Der erste Wutbürger

Der Zahlenguru Nate Silver schätzt Clintons Chancen aktuell auf rund 70 Prozent ein. Die Wahrscheinlichkeit, dass Trump nicht Präsident wird, entspricht demnach etwa der Überlebenschance, die man beim Russisch Roulette hat, wenn der Revolver drei Kammern hat und eine Patrone enthält.

Ein paar Anmerkungen noch zum Thema Umfragen: Journalisten neigen dazu, einzelne Resultate herauszupicken und aufzublasen. Clinton zwölf Punkte vorn! Jetzt Trump plötzlich vorn! Das ist eine schlechte Idee. Hilfreicher sind die Durchschnittswerte verschiedener Umfragen. Zudem: Wir haben in diesem Wahljahr massive Umschwünge erlebt, insbesondere nach Medienereignissen wie Trumps Skandalvideo oder Clintons FBI-Geschichte. Es ist aber unwahrscheinlich, dass jedes Mal so viele Menschen in so kurzer Zeit ihre Meinung geändert haben. Die Zahlen schwanken in solchen Situationen manchmal stark, die Ausgangslage verändert sich aber nicht grundsätzlich.

Was heißt das? Vermutlich war Clinton nie ganz so weit vorne, wie es zeitweise schien, vermutlich entspricht aber auch der zweistellige Umschwung in Richtung Trump nicht der Wirklichkeit, den eine Umfrage jüngst zeigte. Sicher ist: Die Unsicherheit über den möglichen Wahlausgang ist heute weit größer als 2008 oder 2012. Die Entwicklungen zum aktuellen Wahlkampf finden Sie hier im Blog bei SPIEGEL ONLINE.

Terrorverdächtiger in Berlin festgenommen

Das Berliner LKA hat in der Nacht einen 27-jährigen Syrer festgenommen, der im Verdacht steht, "Mitglied einer ausländischen terroristischen Vereinigung zu sein". Der Mann hält sich seit 2015 in Deutschland auf, die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe hat die Ermittlungen übernommen. Ob er einen Anschlag plante, war in der Nacht noch nicht bekannt. Wir halten Sie bei SPIEGEL ONLINE auf dem Laufenden.

AP

Merkel kritisiert Türkei

Es sind Worte in einer Klarheit, wie man sie von Bundeskanzlerin Angela Merkel selten hört, wenn es um die Türkei geht: Es sei "für mich und die ganze Bundesregierung in höchstem Maße alarmierend, dass das hohe Gut der Presse- und Meinungsfreiheit immer weiter eingeschränkt wird", sagte sie in Berlin. Am Montag waren der Chefredakteur und zwölf Mitarbeiter der oppositionsnahen Zeitung "Cumhuriyet" verhaftet worden. Die deutliche Kritik kam spät, aber immerhin kam sie. Das Problem: Deutschland und Europa haben gegenüber der Türkei im Moment kein wirksames Druckmittel.

DPA

Frankreich und die sieben Präsidentschaftskandidaten

Auch in Frankreich wird nächstes Jahr ein Präsident gewählt. Während François Hollande so enorm unpopulär ist, dass fast alle Sozialisten ihn beknien, auf keinen Fall noch einmal anzutreten, ist das Kandidatenfeld bei den Konservativen klarer: Heute findet die zweite von insgesamt drei TV-Debatten der bürgerlichen Kandidaten statt. Auch wenn Sie Französisch sprechen, gibt es keinen Grund, einzuschalten. Schon die erste Debatte war mit sieben Teilnehmern äußerst ermüdend. Der Favorit für die Vorwahl, die am 20. und 27. November stattfindet, ist weiterhin der ehemalige Premierminister Alain Juppé, hinter ihm folgt in deutlichem Abstand der ewige Nicolas Sarkozy.

DPA

Mubarak und sein Prozess

In Kairo soll heute der Berufungsprozess gegen den ehemaligen Präsidenten Hosni Mubarak stattfinden - falls er nicht wieder verlegt wird. Er war schon dreimal angesetzt, aber jedes Mal aus seltsamen Gründen wieder verschoben worden. Einmal war es aus Sicherheitsgründen angeblich unmöglich, den mittlerweile 88-jährigen Ex-Autokraten vom Krankenhaus, in dem er lebt, in den Gerichtssaal zu bringen. Im Verfahren geht es um die Verantwortung für die tödlichen Schüsse auf Demonstranten vor fünf Jahren. Zuletzt war Mubarak freigesprochen worden.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Gewinnerin des Tages...

... ist ausnahmsweise eine Sprecherin des chinesischen Außenministeriums - ihr Name: Hua Chunying. Während die "Schlitzaugen"-Sprüche des deutschen EU-Kommissars Günther Oettinger in Deutschland teilweise mit einer Mischung aus Schulterzucken und "So ist er halt, unser Oetti" aufgenommen werden, wundern sich im europäischen Ausland viele: darüber, dass der höchste deutsche Vertreter in Brüssel erstens rassistisches Vokabular verwendet und zweitens kein Problem darin sieht. Aber auch in China wundert man sich. Frau Hua, die Sprecherin, sagte: Oettingers Bemerkungen zeigten, dass manche westliche Politiker "ein tiefsitzendes und unerklärliches Gefühl der Überlegenheit" hätten. Sie fügte hinzu: "Wir hoffen, dass sie lernen, wie man andere als gleichwertig ansieht und mit Respekt behandelt."

Auf meinem Handy erreicht mich soeben eine amtliche Frostwarnung für Hamburg. Der Winter kündigt sich an. Ich wünsche Ihnen einen nicht allzu frostigen Donnerstag.

Herzlich,

Ihr Mathieu von Rohr

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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
i.dietz 03.11.2016
1. Guten Morgen
die US-Wahl - hoffentlich ist das ganze Polit-Show endlich vorüber ! Syrischer Terrorist in der BRD festgenommen ! Ich bin immer noch sprachlos, wieso so viele "böse" Buben in die BRD einreisen konnten ! Merkel kritisiert die Türkei ? Sehr sehr spät und sehr sehr schwach ! Das war keine Kritik, das war ein Kritikchen ! In Frankreich wird auch schon wieder gewählt, überall das gleiche Polit-Schauspiel, gespickt mit einst sträflich abgewählten Kandidaten - Sarkozy ! Merke: es wird nie so viel gelogen wie: vor der Wahl - im Krieg - und nach der Wahl ! In diesem Sinnen einen schönen Tag
gehirngebrauch 03.11.2016
2. deutschland verdummt
was der begriff "schlitzäugig" mit der rasse des menschen zu tun hat erschließt sich mir nicht. unter solchen gesichtspunkten könnte man jeden plattfuß zum trampeltier erklären. ist dann eine mit silikon getunte lippe auch gleich eine afrikanerlippe ?
kalim.karemi 03.11.2016
3. Was für ein schwachsinniger Vergleich
Dass Clinton gewinnt liegt bei einer Wahrscheinlichkeit von 70%, Trumps's Chancen bei 67%. Nach ihrem aufgeführten Vergleich wohlgemerkt. Demnach steht es pari. Der deutschen Presse zufolge, ist das also ein kaum einholbarer Vorsprung, alles klar.
panamalarry 03.11.2016
4. Trump wird mit 66% Wahrscheinlichkeit Präsident?
Zumindest wenn man der Allegorie"Russisches Roulette" Glauben schenken soll (...wird so ein bildliches Beispiel wirklich Allegorie genannt? Vielleicht doch n bischen früh für Schlaumeierei...).
visavis 03.11.2016
5. Mathematik früh am Morgen...
Die Chancen für Trump, gewählt zu werden, stehen bei ca. 30%. Die Überlebenschancen beim Russich Roulette (3 Kammern, 1 Patrone) stehen bei ca. 70%. Einen Revolver mit drei Kammern gibt es nicht. Zwei Patronen in den sechs Kammern wären möglich. Unabhängig davon stehen die Überlebenschancen für uns Europäer deutlich besser wenn die Kriegstreiberin Clinten nicht gewählt wird. Sie ist es, die mit einem Krieg geben Russland spielt.
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