"Newsweek"-Debakel Zehn tödliche Wörter

Nach weltweiten anti-amerikanischen Protesten hat die Zeitschrift "Newsweek" einen Bericht über angebliche Koranschändungen im Gefangenenlager Guantanamo zurückgezogen. In den USA ist jetzt eine Diskussion über die Verantwortung von Journalisten und die Verwendung anonymer Quellen entbrannt.
Von Georg Mascolo

Brennende amerikanische Flaggen, bisher 17 Tote, wütende Muslime in aller Welt, das Renommee eines der führenden amerikanischen Nachrichtenmagazine schwer beschädigt und ein ganzer Berufsstand in Erklärungsnot - mehr Wirkung haben zehn Wörter wohl selten gehabt.

Geschrieben hat sie Michael Isikoff, einer der Stars des Magazins des US-Magazins "Newsweek". Ein kleiner Kerl mit großer Brille, immer in Bewegung und für seine Recherchen preisgekrönt. Für die Ausgabe des 9. Mai hatte Isikoff, zusammen mit seinem Kollegen John Barry eine kurze Meldung über neue Erkenntnisse einer internen Untersuchung auf dem US-Militärstützpunkt Guantanamo verfasst. Danach habe einer der Vernehmer den Koran eines der dort festgehaltenen Häftlinge in der Toilette heruntergespült. Ein alter Gewährsmann in der Regierung, so sagt es Isikoff, habe ihm die Geschichte gesteckt.

Keine große Sache für den Magazin-Mann und offenbar auch nicht für das US-Verteidigungsministerium, dem "Newsweek" vor der Veröffentlichung eine Kopie des Artikels mit Gelegenheit zur Stellungnahme gezeigt haben will. Reaktion: Keine.

Niemand dementierte auch nachdem das Magazin auf dem Markt war, andere US-Medien reagierten kaum. Angesichts der sonstigen Vorkommnisse in dem Häftlingslager schien die Koran-Geschichte noch harmlos - gerade erst hat der ehemalige Armeedolmetscher Erik Saar ein Buch geschrieben, nachdem weibliche Verhörexperten ihre Brüste an einem Häftling rieben und ihn mit roter Farbe beschmierten, von der sie behaupteten, es sei Menstruationsblut.

Über Koran-Schändungen hatten zudem schon andere Medien unter Berufung auf freigelassene Gefangene berichtet. Diesmal aber löste die kurze Notiz, für deren Verbreitung radikale Prediger schnell sorgten, gewalttätige Proteste von Gaza bis Afghanistan aus. "Beschützt unser heiliges Buch," skandierten die Demonstranten, heftiger als nach dem Abu Ghureib-Folterskandal sind die Reaktionen. Es gab Tote und US-Außenministerin Condoleezza Rice musste eilig erklären, wie sehr Amerika den Islam schätze.

Erschrocken über den Aufruhr und die späte Erklärung der US-Regierung, man wisse nichts von einer solchen Koran-Schändung, fragte Isikoff am vergangenen Samstag noch einmal bei seiner Quelle nach. Da war der sich nur noch sicher, etwas von einem Koran in der Toilette gelesen zu haben, aber nicht mehr, dass der Vorfall in Guantanamo stattfand.


"Newsweek" hat sich inzwischen bei den Opfern der Unruhen und den US-Soldaten, die durch den Hass in der muslimischen Welt in Gefahr geraten, entschuldigt. "Wir bedauern, dass wir uns bei einem Teil unserer Geschichte getäuscht haben," schreibt "Newsweek"-Herausgeber Mark Whitaker in der neuesten Ausgabe. Die US-Botschaften in der islamischen Welt erhielten Order aus Washington, das Dementi so schnell wie möglich zu verbreiten, um die Gewaltwelle zu beenden.

Aber was das Ende dieser kleinen hässlichen Geschichte sein könnte, droht inzwischen nur der Beginn einer noch größeren zu werden. Trotz des "Newsweek"-Dementis gehen die Proteste weiter, in der an Verschwörungstheorien reichen muslimischen Welt, gilt das Dementi als von der US-Regierung erzwungen. "Wir werden uns dadurch nicht täuschen lassen," erklärte der afghanische Geistliche Sadullah Abu Aman. "Damit will sich Amerika nur vor unserem Zorn schützen." Staaten der arabischen Liga haben die Entweihung des Korans verurteilt, muslimische Geistliche haben gar mit der Ausrufung eines Heiligen Krieges gedroht.

So heftig wie in der islamischen Welt sind inzwischen auch die Reaktionen in den USA. Mit Isikoff und seinem Magazin müssen sich jetzt Journalisten überall in den USA vorhalten lassen, dass die Praxis des Gebrauchs anonymer Quellen fragwürdig sei. Umstritten ist diese schon lange, die "New York Times" hat den Gebrauch solcher Zitate gerade erst eingeschränkt. Jetzt droht die Debatte das ohnehin auf einem Rekordtief angekommene Vertrauen der Amerikaner in ihre Medien weiter zu beschädigen. "Wegen dieses Scheißkerls sind Menschen gestorben," sagt Pentagon-Sprecher Larry DiRita über den unbekannten "Newsweek"-Informanten.

Michael Isikoff ist ziemlich zerknirscht, aber einen Fehler bei seiner Arbeit sieht er nicht: "Ich hatte eine Quelle, jeden Grund ihr zu trauen und wir haben das Pentagon um Stellungnahme gebeten," sagt er. "Es gibt keinen Verstoß gegen journalistische Standards."

Isikoff will weiterrecherchieren, ob seine Geschichte nicht doch stimmt. Wahrscheinlich ist das nicht, denn trotz übler Quälereien, den Koran haben Vernehmer in Guantanamo nach Angaben von Insidern stets respektiert, nachdem einmal ein versehentlich von einem Wärter fallengelassenes Exemplar einen Aufstand in einem der Zellenblöcke auslöste. Seither dürfen nach einer eigens erlassenen Vorschrift auch nur Muslime in US-Diensten den Koran bei Zellendurchsuchungen berühren.