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03. August 2016, 19:46 Uhr

Nicaragua

Familienherrschaft in Rosarot

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Nicaraguas Präsident Ortega will seine Ehefrau zur Stellvertreterin machen. Die Esoterikerin gilt schon jetzt als Strippenzieherin der Regierung. Einige im Volk sehen in ihr nichts Gutes.

Politisch ambitionierte Paare gibt es überall auf der Welt. In den USA kämpft Hillary Clinton gerade um die Präsidentschaft, nachdem sie schon als First Lady mit ihrem Mann Bill im Weißen Haus residierte. In Argentinien folgte auf Néstor Kirchner seine Frau Cristina im Präsidentenamt.

In Nicaragua hat Staatschef Daniel Ortega nun verkündet, er werde zur Wahl im November mit seiner Ehefrau als Vizepräsidentin antreten. Ein "Symbol für die Gleichheit der Geschlechter" sei das, lobte Ortega sich selbst.

Und Gattin Rosario Murillo verkaufte die Nominierung so: "Wir Frauen sind Kämpferinnen. Wir streben danach, dass Frauen Führungspositionen einnehmen."

Feminismus, das klingt gut, zumal in Lateinamerika, wo Frauen bereits in zahlreichen Ländern regiert haben. Nur scheint es dem Paar Ortega-Murillo weniger um Gleichberechtigung von Frauen zu gehen als vor allem darum, die Macht der Familie an der Staatsspitze zu sichern und auszubauen:

Laureano wurde schon mal mit einer Rolex fotografiert, die laut "New York Times" 47.000 US-Dollar gekostet hat. Auch sonst darben Familie und Freunde des früheren Guerillero Ortega nicht. Sie sollen in luxuriösen Häusern residieren und teure Autos fahren. Der Clan hat sich zudem ein eigenes Medienimperium aufgebaut.

Im Zentrum dieses Clans steht Rosario Murillo. Sie ist bislang Regierungssprecherin, zudem "Sonder-Außenministerin" und gilt als wahre Macht im Land. Seit Jahren regiert sie als Schattenpräsidentin. "Einflüsterin und graue Eminenz" - so hat die "Neue Zürcher Zeitung" sie einmal genannt.

Mehrere öffentliche Gebäude ließ die Präsidentengattin in ihrer Lieblingsfarbe Rosa streichen. Wahlplakate sind ebenso wie die Präsidentenwebsite in Rosa bis Pink gehalten. Ortega und seine Familie hielten Nicaragua "in einer Art rosaroter Diktatur fest im Griff", schrieb die "FAZ" vor zwei Jahren.

Einstige Weggefährten haben sich abgewandt. Verrat und einen autoritären Führungsstil wirft etwa die Schriftstellerin und Aktivistin Gioconda Belli dem Paar vor. Sie war einst mit Murillo befreundet, doch das ist lange her. In den zurückliegenden Jahren sehe sie in ihrer Heimat die "systematische Zerstörung der demokratischen Errungenschaften der vergangenen beiden Jahrzehnte", so Belli.

Ortega war einer der Comandantes, die 1979 den Aufstand der Sandinisten gegen Diktator Anastasio Somoza anführten. 1990 wurden sie abgewählt, 2007 kam Ortega erneut an die Macht, auf demokratischem Weg. Er gewann auch die Wahl vier Jahre später. Nach und nach haben seine Frau und er die demokratischen Institutionen ausgehebelt. Sandinisten kontrollieren inzwischen Justiz, Parlament und Exekutive. Kritiker sagen, Ortega regiere wie Somoza, nur ohne Folter.

Bereits bei den Wahlen 2011 kritisierten Beobachter der Organisation der Amerikanischen Staaten und der EU Unregelmäßigkeiten und massive Behinderungen ihrer Mitarbeiter. Eigentlich darf Ortega nach zwei Amtszeiten hintereinander nicht noch einmal als Präsident antreten, aber er ließ einfach die Verfassung ändern, sodass er unbegrenzt wiedergewählt werden kann. Zugleich bringt er seine Frau in Stellung als mögliche Nachfolgerin.

Die esoterische Murillo wird im Volk auch "La Bruja" genannt, "die Hexe". Angeblich lässt sie sich von einem Schamanen beraten. Beim Amtsantritt ihres Mannes hielt sie dem Kabinett einen Vortrag über Astrologie, fünf Stunden lang. "Murillo hält sich für Daniels Hohepriesterin", sagte die Frauenrechtlerin Sofia Montenegro vor einigen Jahren dem SPIEGEL, eine ehemalige Sandinistin: "Die Macht ist ihr zu Kopf gestiegen."

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