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20. November 2017, 15:35 Uhr

Ex-Vizepremier Clegg über den Brexit

"Boris Johnsons Ego ist außer Kontrolle"

Ein Interview von

Aus Eitelkeit und Starrsinn treiben die britischen Konservativen den Brexit voran - da ist sich Nick Clegg sicher. Hier spricht der ehemalige Vizepremier über seine Hoffnung, das Land doch noch zu retten.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Clegg, Sie schreiben, die Stimmung im Land kippe allmählich gegen den Brexit. Kann es sein, dass das Wunschdenken ist?

Clegg: Nein. Die Briten bezweifeln zunehmend, dass der Brexit so leicht und fluffig werden wird, wie man ihnen weisgemacht hat.

SPIEGEL ONLINE: Aber Umfragen zeigen, dass EU-Freunde und EU-Gegner noch immer etwa gleichauf liegen.

Clegg: Weil viele glauben, der Brexit lasse sich eh nicht mehr verhindern. Das ist eine sehr britische Haltung: Wir haben es vermasselt, jetzt ist es zu spät. Wir müssen den Leuten erklären, dass noch immer Zeit ist, umzukehren.

SPIEGEL ONLINE: Die düsteren Vorhersagen nach dem Referendum sind bislang nicht wahr geworden. Die Arbeitslosigkeit in Großbritannien ist so gering wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Ist der Brexit am Ende gar nicht so schlimm?

Clegg: Der Brexit ist ja noch gar nicht vollzogen. Die wirtschaftlichen Folgen werden wir erst in Jahren spüren. Aber manches ist jetzt schon zu sehen: Das Pfund ist abgestürzt, Urlaube sind für Briten letzten Sommer schon 20 Prozent teurer geworden, die Menschen zahlen mehr für ihre Einkäufe. Und ich fürchte, wenn wir wirklich aus dem Binnenmarkt und der Zollunion ausscheiden sollten, dann werden die Folgen noch viel gravierender. Das wird kein Abstieg in die zweite Liga - wir werden durchgereicht werden.

SPIEGEL ONLINE: Eine der Grundannahmen in Ihrem Buch ist, dass die Leute vernünftigen Argumenten folgen werden. Sind wir nicht längst weit entfernt von jeder Vernunft?

Clegg: Was stimmt, ist, dass der Ärger über die bestehenden Verhältnisse insbesondere seit 2008 stetig zugenommen hat. Mangelnder Wohnraum, schrumpfende Sozialleistungen: Die Finanzkrise hat tiefe Narben hinterlassen. Die Leute sind deshalb extrem wütend - das ist emotional, aber nicht unbedingt unvernünftig.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben als Vizepremier den radikalen Sparkurs doch fünf Jahre lang mitgetragen.

Clegg: Unsere Austeritätspolitik war weniger strikt als die in vielen EU-Ländern. Die wirklich schwerwiegenden Fehler haben die Konservativen seit 2015 begangen. Das ist weitergegangen als alles, was ich jemals mitgetragen hätte, und hat zahllose Menschen zu Recht frustriert. Mein Unmut gilt daher auch nicht den Wählern, die für den Brexit gestimmt haben.

SPIEGEL ONLINE: Sondern?

Clegg: Den Lügnern, die den Menschen gesagt haben, der Brexit wird das Paradies. Allen voran Michael Gove und Boris Johnson. Sie lügen bis heute einfach weiter.

SPIEGEL ONLINE: Außenminister Johnson scheint überzeugt davon zu sein, dass Großbritannien wieder in alter Größe erstrahlen wird, wenn es Europa ohne jede Zugeständnisse den Rücken kehrt.

Clegg: Johnsons Ego ist so außer Kontrolle, seine Sehnsucht nach Anerkennung so unersättlich, dass er alles glaubt, was ihm nutzt. Er hat bis heute nicht verwunden, dass einer wie David Cameron, der in der Hackordnung des Eton-College hinter ihm rangierte, vor ihm Premierminister werden konnte.

SPIEGEL ONLINE: Und deswegen setzt er die Zukunft seines Landes aufs Spiel?

Clegg: Oh ja, was ist schon das Land im Vergleich zu einem derart olympischen Ego? Und er ist ja nicht der Einzige. Man kann den Narzissmus, der die konservative Partei im Griff hat, gar nicht überschätzen. Sie leben inzwischen in einer Welt, die sich ausschließlich um sich selbst dreht. Diese Eitelkeit erlaubt es ihnen nicht, zuzugeben, dass sie einen Irrweg eingeschlagen haben. Und sie erlaubt ihnen auch nicht, einzuräumen, dass der Brexit mehr Kompromisse notwendig macht, als sie immer behauptet haben. Und weil sie das nicht akzeptieren können, bleibt ihnen als einzige Alternative zu sagen: Ach, dann lasst uns das ganze Ding gegen die Wand fahren und anderen die Schuld daran geben.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen die Europäer?

Clegg: Passen Sie genau auf, was in den nächsten Monaten passieren wird: Johnson, Gove, die "Daily Mail" werden immer groteskere Vorwürfe gegen Deutschland, Brüssel, Frankreich erheben. Das ist die letzte Zuflucht dieser Lügner, denn ihnen gehen allmählich die Lügen aus.

SPIEGEL ONLINE: Wird Theresa May noch sehr viel länger im Amt bleiben?

Clegg: Da bin ich ziemlich sicher. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Konservativen an der Macht bleiben werden, wenn sie jetzt den Regierungschef austauschen. Es würde Neuwahlen geben. Vergessen sie nicht: Die Tories haben keine Mehrheit mehr, May kann nicht einfach den Schlüssel zu Downing Street wie ein Geburtstagsgeschenk weiterreichen. Man kann Wähler nicht auf Dauer ignorieren.

SPIEGEL ONLINE: Also hält die bloße Angst vor einer sozialistischen Regierung die Konservativen in Schach?

Clegg: Ja. Das Land ist gerade in einem unerträglichen Zustand. Die Konservativen sind an der Macht, aber unfähig zu regieren. Und die Labour-Partei badet in Selbstgefälligkeit, obwohl sie auch völlig zerstritten ist. Eine hoffnungslose Situation.

SPIEGEL ONLINE: Ist es Zeit für eine neue Partei?

Clegg: Na ja, eine Partei zu gründen ist nicht so einfach.

SPIEGEL ONLINE: Schauen Sie nach Frankreich.

Clegg: Okay, nehmen wir an, jemand aus der Labour-Partei würde tun, was Emmanuel Macron in Frankreich tat und aus seiner sozialistischen Familie ausbrechen, dann könnte das sehr erfolgreich sein.

SPIEGEL ONLINE: Wären Sie dabei?

Clegg: Ich bin nicht mehr in der Politik. Wenn es sich lohnt, werde ich aber mit jedem zusammenarbeiten, um zu stoppen, was aus meiner Sicht ein Desaster für mein Land wäre. Ich will, dass das hier das großzügige, erfindungsreiche, lustige und internationale Land bleibt, das ich liebe.

SPIEGEL ONLINE: Eine weitere Annahme in Ihrem Buch ist, dass die Europäische Union wirklich gewillt ist, sich zu reformieren. Sind Sie da sicher?

Clegg: Nein, bin ich nicht. Aber ich hoffe, dass die nächste deutsche Bundesregierung versteht, dass sie eine etwas aktivere Rolle in der EU spielen muss. Ich denke, die Tage, den weniger wirtschaftsstarken EU-Mitgliedern beizubringen, dass sie sich an die Regeln halten müssen, sind allmählich vorüber. Es muss jetzt etwas kreativer werden.

SPIEGEL ONLINE: Niemand hat Angela Merkel je bescheinigt, eine übermäßig kreative Politikerin zu sein.

Clegg: Aber sie hat nichts zu verlieren, sie wird nicht noch einmal antreten. Sie sollte anfangen, an ihrem politischen Erbe zu arbeiten. Ich fürchte, wenn es in Europa so weiterginge wie bisher, würden wir den Populisten endgültig die Tür öffnen.

SPIEGEL ONLINE: Nehmen wir an, die EU wird ohne Großbritannien tatsächlich eine reformierte und starke Einheit. Warum sollte sie die britischen Querulanten zurückwollen?

Clegg: Oh, ich kann mir gut vorstellen, dass es in Berlin, Brüssel, Paris oder Rom viele Menschen gibt, die sagen, wir haben den ersten Brexit-Schock überstanden, es lohnt sich nicht, sie jetzt wieder zurückzuholen. Ich hoffe, klügere Leute realisieren, dass es immer besser sein wird, ein Land von der Bedeutung Großbritanniens im eigenen Klub zu haben.

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