Menschen in Venezuela über die Krise "Das Problem muss man mit Blei lösen"

Das Land im Patt, beide Lager scheinbar unversöhnlich: Die Lage in Venezuela ist dramatisch. Was macht das mit den Menschen? Hier kommen sieben von ihnen zu Wort, mit Botschaften des Friedens - und der Eskalation.

Demonstrantin in Caracas
REUTERS

Demonstrantin in Caracas

Aus Caracas berichtet


Zwei Präsidenten, zwei Parlamente - und jede Seite spricht der anderen die Legitimität ab. 20 Jahre und zwei Tage ist die "Bolivarianische Revolution" in Venezuela jetzt alt. Und nie seit dem Putsch 2002 stand sie so nah vor ihrem Ende wie jetzt. Die Opposition hat mit Juan Guaidó ein neues frisches Gesicht, die zerstrittenen Parteien scharen sich hinter dem jungen Abgeordneten der Partei "Voluntad Popular".

Und die Bevölkerung erwacht aus ihrer Apathie und protestiert wieder auf der Straße. Angeführt von den USA hat sich im Ausland eine breite Koalition geformt, die entschlossen ist, Guaidó anzuerkennen.

Aber auch Staatschef Nicolás Maduro bewies am Wochenende, dass er seine Anhänger noch mobilisieren kann. Eine Lösung scheint schwierig, zumal sich die Opposition um den selbst ernannten Staatschef Guaidó nun auf Konfrontation statt Kompromiss eingestellt hat. Und die Hardliner auf beiden Seiten werden lauter. Maduro warnt vor einem Bürgerkrieg, die USA wollen eine militärische Option nicht ausschließen.

Wie fühlen sich die Menschen mit Blick auf die Situation in ihrem Land? Der SPIEGEL hat mit einigen von ihnen auf den Straßen von Caracas gesprochen.


Carmen Escalona, 42, Reinigungskraft

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"Ich bin mit meiner ganzen Familie zur Kundgebung für Maduro gegangen am Samstag. Wir müssen die Revolution verteidigen, sie hat uns alles gegeben. Die Revolution gibt uns Lebensmittel, aber auch Würde. Ich bin eine Reinigungskraft in einer Schule, und jetzt behandeln mich die anderen gleichberechtigt. Das war früher nicht so. Vor der Revolution haben die anderen auf uns runtergeguckt. Im Moment durchleben wir die kritischste Situation, seit der Kommandant Chávez die Wahl gewann. Wir müssen die Revolution und ihre Errungenschaften verteidigen, aber immer friedlich und immer mit der Verfassung in der Hand. Dieser Guaidó, den haben doch die USA eingesetzt, den werden wir nie anerkennen. Aber wichtig ist, dass alles friedlich bleibt."


Andrés Azola, 56, arbeitet für einen chavistischen "Kommunalrat"

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"Ich bin schon früh los am Samstag zur Kundgebung für den 20. Jahrestag der Revolution. Ich komme aus dem Stadtteil Catia hier in Caracas, einem der größten der Stadt. Mich hat keiner gezwungen zu kommen. Ich bin hier, weil ich unsere Revolution verteidigen will. Ich habe schon vor 20 Jahren für Hugo Chávez gestimmt und finde noch immer, dass wir seine Revolution verteidigen müssen. Sie ist heute mehr denn je von außen bedroht, von Ländern, die es auf unsere Reichtümer abgesehen haben. Die USA und andere Staaten sind heiß auf unser Öl und unser Gold. Und sie boykottieren uns, um Nicolás Maduro wegzubekommen. Klar ist unsere wirtschaftliche Lage schlecht, aber das liegt daran, dass uns von außen Sanktionen aufgezwungen werden. Ich stehe fest hinter unserem Präsidenten und werde ihn auch verteidigen."


Luisana Santamaría, 35, Grafikdesignerin

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"Wir brauchen jede Hilfe, um uns dieses Diktators zu entledigen. Die ganze Welt muss uns helfen. Auch die USA. Sie sollen jetzt dafür sorgen, dass wir Maduro loswerden und dann sorgen wir Venezolaner hinterher dafür, dass wir die Gringos wieder loswerden. Unser Land hat sich über die Jahre langsam, aber sicher in eine Diktatur verwandelt. Wir tragen eine Mitschuld als Venezolaner, weil wir das zugelassen haben. Aber jetzt brauchen wir alle Kräfte. Eine Diktatur wird man nicht über Nacht los, das ist noch ein ganzes Stück Arbeit. Denn hier geht es längst um mehr, hier hängen Interessen des Drogenhandels und anderer illegaler Geschäfte mit drin. Diese Typen werden die Macht nicht so einfach loslassen."


Rosanna Caziello, 50, Aktivistin bei "Caracas Ciudad Plural"

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"In unserem Land sind die Werte verloren gegangen. Die Demokratie ist hinüber, der Respekt für den anderen, der ganze gesellschaftliche Zusammenhalt zerstört. Hinter unserem Verband "Caracas Ciudad Plural" stehen Organisationen der Zivilgesellschaft, wie zu Beispiel Stadtteilorganisationen. Wir machen Basisarbeit, versuchen in Workshops Werte wie Verständnis und Zuhören zu vermitteln, müssen aber leider auch in den Armenvierteln die Grundbedürfnisse befriedigen, weil Essen und Medikamente fehlen. Wir machen uns dafür stark, dass Guaidó als Präsident anerkannt wird, weil er die Verfassung hinter sich weiß. Er ist als Vorsitzender der Nationalversammlung der rechtmäßige Staatschef. Die Lösung der Krise kann nur in dem vorgezeichneten Weg liegen: Maduro muss zurücktreten, Guaidó wird Übergangspräsident, und dann gibt es Neuwahlen."


Otoniel Sánchez (Name geändert), 48, Angestellter in einem Supermarkt

"Das Problem hier muss man mit Blei lösen. Das geht nicht anders. Sonst bekommt man den Typen nicht weg. Die Situation in unserem Land ist untragbar geworden. Kinder sterben an Hunger, meine Mutter und meine Enkel sind im Ausland. Und wenn ihnen was passiert, kann ich sie nicht mal besuchen. Ich verdiene ein bisschen mehr als den Mindestlohn von 18.000 Bolívares. Wenn eine kleine Teigtasche oder ein Café schon 2500 kosten, weißt du, dass das Geld vorn und hinten nicht reicht. Hier in Venezuela musst du überlegen, ob du dir Kleidung kaufst oder Nahrungsmittel. Früher konnte ich von meinem Verdienst was zurücklegen, auf etwas sparen. Aber heute frisst die Inflation alles weg. Und wenn du dann die großen Autos der Regierung siehst und diejenigen, die da drin sitzen, dick und zufrieden, dann wirst du einfach nur wütend."


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Venezuela: Wut auf den Straßen von Caracas

María Álvarez, 42, Ärztin

"Ich bin Ärztin und sehe, wie jeden Tag Menschen sterben, die nicht sterben müssten, weil Medikamente fehlen oder Ersatzteile für lebenswichtige Geräte nicht da sind. Das sind Verbrechen gegen die Menschheit, die diese Regierung verübt. Deswegen muss sie gehen. In den vergangenen mindestens 15 Jahren sind die demokratischen Spielräume immer kleiner geworden. Es war ein schleichender Prozess. Jetzt geht es um viel mehr, als nur diesen Machthaber loszuwerden. Jetzt müssen wir sehen, dass wir die Demokratie und die Freiheit wiedergewinnen. Und dann gilt es, ein neues Venezuela aufzubauen, ein Projekt zu entwerfen, in dem Opposition und auch die Chavisten Platz haben. Denn sie sind ja schließlich Venezolaner, genauso wie wir."


Daniel Moreno, 19, Caracas

"Ich wurde ein Jahr nach dem Amtsantritt von Hugo Chávez geboren. Ich kenne keine andere Regierung als die, die jetzt an der Macht ist. Erst war es Chávez und nun Maduro. Ein Wechsel würde dem Land schon mal guttun. Wirklich hart ist es für alte Menschen und für Kranke. Meine Eltern sind gebürtige Kolumbianer. Ein Teil meiner Familie lebt im Ausland. Auch ich habe drüber nachgedacht wegzugehen, wie so viele meiner Freunde. Aber wenn ich ehrlich bin, habe ich hier vieles, was ich in Bogotá nicht hätte. Zum Beispiel kosten die Universitäten nur einen Bruchteil von dem, was sie in Kolumbien kosten. Ein Problem ist das Nachtleben. Das geht halt hier nicht so wie in anderen Ländern. Geld dafür ist knapp, und es ist hier in Caracas auch zu gefährlich, nachts draußen zu sein."



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westin 04.02.2019
1. Stimmt nicht
Zitat:Das Problem muss man mit Blei lösen.Diese Aussage stimmt nicht. Die Oposition will die Gringos nicht,.auch keinen Regimechange:ab min 23:00 https://www.youtube.com/watch?v=FHQzoIDyuUU
chjuma 04.02.2019
2. Ich bin zwar kein Hellseher....
Aber was passiert, wenn die USA eine "Opposition" anführt, kann man sich im Irak, in Syrien und in Afghanistan genauestens ansehen. Wenn die Venezolaner das so wollen... Diese These ist allerdings für mich nur schwer vorstellbar...
pecaracas 04.02.2019
3.
Die Linken werden jetzt sagen, dass die Beitraege pro Guaido getuerkt sind, waehrend die pro Maduro korrekt sind. Andere Argumente hat unsere verbohrte Linke nicht. Ich hoffe nur, dass es zu keinem Blutvergiessen auf keiner kommt, es ist die Jugend, die leidet.
rskarin 04.02.2019
4. Maduro
Maduro hat ja auch keine Ahnung von Politik. Der dachte in seiner Naivität, daß ein Wahlsieg als Legitimation in der Demokratie genügt! Hätte der doch am Beispiel Chile 1973 schon sehen können, dass immer auch noch die Zustimmung der USA erforderlich ist! Und jetzt hat natürlich die internationale Gemeinschaft der Guten (also USA und Vasallen) übereinstimmend festgestellt, dass Maduro keine Legitimation mehr hat, weil er keinen Rückhalt in der Bevölkerung mehr habe. Tja, das war Maduro natürlich nicht bewusst, das man das auch braucht. Er dachte, wenn der amerikanische Präsident schon keinen Rückhalt in der Bevölkerung mehr hat und trotzdem nicht abtreten muss, dann bräuchte er auch nicht abtreten. Aber da gibt's einen wesentlichen Unterschied: Maduro ist im Gegensatz zum amerikanischen Präsidenten von der Mehrzahl der Bürger seines Landes gewählt worden. Der Maduro kennt sich einfach nicht aus in der Welt!
h.hass 04.02.2019
5.
Zitat von chjumaAber was passiert, wenn die USA eine "Opposition" anführt, kann man sich im Irak, in Syrien und in Afghanistan genauestens ansehen. Wenn die Venezolaner das so wollen... Diese These ist allerdings für mich nur schwer vorstellbar...
Anscheinend behagt es Ihnen mehr, wenn die Venezolaner von dem vollgefressenen, völlig korrupten Maduro regiert werden, der sich nur durch die Unterstützung Russlands und Chinas an der Macht halten kann?
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