Sarkozy-Comeback Monsieur Blingbling drängt zurück ins Rampenlicht

Frankreichs Ex-Präsident Sarkozy setzt an zum Comeback. Erst will er die konservative Partei neu erfinden, sich dann als über den Lagern stehender Kandidat für den Élysée-Palast positionieren. Wenn da nur nicht die lästigen Skandale wären.

Von , Paris


Seit Monaten orakelten seine Freunde, seit Wochen häufen sich die Hinweise. Am Ende blieb nur die Frage, wie Nicolas Sarkozy seine Rückkehr aus dem politischen Rentnerleben in Szene setzen würde - im TV, per Kommentar oder Interview in Regionalzeitungen oder nur per Kommuniqué?

Nun kommt die Ankündigung per Facebook: "Ich bin Kandidat für die Präsidentschaft meiner politischen Familie", schrieb er wenige Tage vor dem Bewerbungsschluss für die Führung der konservativen Partei UMP. Für ihn und seine Anhänger ist die Spitzenposition in der Partei freilich nur der erste Schritt auf dem langen Weg zur Rückeroberung des Élysée. Bis zuletzt hatte er abgewartet und auf den richtigen Moment gelauert.

Präsident François Hollande, der seine Landsleute gerade per Pressekonferenz, was Regierungserfolge angeht, auf 2017 vertröstet hat, liefert die Steilvorlage: miserable Wirtschaftsdaten, eine zweite Regierungsumbildung, Affären im Kabinett. Dazu kommt die Rache von Hollandes Ex-Lebensgefährtin Valérie Trierweiler, die den Präsidenten schlecht aussehen lässt. Sarkozy will nun der Retter der Nation werden, sich als Alternative sowohl zu Hollande als auch zu Marine Le Pen präsentieren, der Chefin des Front National.

Seit der Ex-Präsident vor zweieinhalb Jahren gegen Hollande unterlag, hatte er immer wieder mit Andeutungen von sich reden gemacht. Mal mit Seitenhieben auf seinen sozialistischen Nachfolger im Élysée-Palast, mal mit Kritik an der Führung der eigenen Partei. Die verstrickt sich seit seinem Rücktritt in Finanzaffären und Führungskämpfen.

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Sarkozy: Präsident Bling-bling plant das Comeback
Nein, die Rolle als Polit-Rentner lag ihm nicht. Dabei hatte der geschlagene Präsident nach der Niederlage 2012 noch gesagt: "Nach 35 Jahren in politischen Ämtern, fünf an der Spitze des Staates, wird mein Engagement für mein Land sich künftig anders gestalten." Sein Ziel: "Geld machen."

Das tat er mit Geschick, egal ob in den USA, Lateinamerika oder den Golfstaaten - Sarkozy gab den "Elder Statesman", er trat bei Banken, Foren und Diskussionen auf und ließ sich das gut bezahlen. Zugleich brachte er sich in Frankreich immer wieder in Erinnerung. Mal nutzte er Besuche in der Provinz, eine Ordensverleihung oder ein Sport-Event, dann zeigte er sich bei Konzertauftritten von Ehefrau Carla Bruni - und nicht sie, sondern Sarkozy zeichnete Autogramme, zur Freude der Hochglanzmagazine. "Postkarten", nannten seine Gefolgsleute die.

"Der Motor der Rückkehr heißt aber Pflicht"

Die politische Zurückhaltung hielt nicht lange. "Die Frage ist nicht, ob ich will oder nicht", ließ er 2013 durchsickern: "Ich kann nicht nicht zurückkommen." Bei einem TV-Interview im Juli ging es dann nur noch um den richtigen Zeitpunkt: "Die Frage, ob ich auf die Politik verzichte, stellt sich nicht für mich." Er gab sich selbstlos: "Die erste Präsidentschaftskampagne macht man immer aus Lust und Begehren. Der Motor der Rückkehr heißt aber Pflicht."

Fragt sich nur, mit welchem ideologischen Kraftstoff die Kampagne "Sarkozy II" laufen soll: Das Remake muss sich inhaltlich von der Kampagne aus dem Jahr 2012 unterscheiden, der Kandidat mehr mitbringen als nur Ehrgeiz und den Wunsch nach Revanche. Es wird nicht reichen, gegen die "unkontrollierte Woge der Immigration" zu pöbeln.

Statt sich auf das wertkonservative Wählerreservoir zu berufen, will Sarkozy sich als Präsident jenseits der Lager positionieren, als Landesvater über dem Parteienstreit. "Ich schlage vor, die Partei durch und durch neu zu gestalten, um binnen drei Monaten die Voraussetzung für eine breite Sammlungsbewegung zu formieren, die sich an alle Franzosen wendet, ohne Parteilichkeit, jenseits der traditionellen Gräben, die heute nicht mehr der Realität entsprechen."

Sarkozy will die Partei umstrukturieren

Der Weg dorthin ist steinig. Sarkozy ist in ein halbes Dutzend Affären verwickelt und im Visier juristischer Untersuchungen. Es geht um unlautere Wahlkampffinanzierung, illegal verteilte Aufträge, heimlich abgehörte Telefongespräche. Die Verfahren haben den Politiker nachhaltig in Verruf gebracht: Fast zwei Drittel der Franzosen, so eine Umfrage von Harris-Interactive vor drei Wochen, äußern sich negativ über eine Neuauflage der Kandidatur.

Der größte Widerstand formiert sich jedoch innerhalb der konservativen Partei. Dort haben eine ganze Reihe von UMP-Promis ihre Ambitionen auf Spitzenpositionen angemeldet, allen zuvor die Ex-Premiers Alain Juppé und François Fillon. Um Sarkozy die Rückkehr ins Rennen zu erschweren, haben sie die Latte für den Chefposten hoch gelegt. Nach ihren Plänen soll der Parteitag Ende November festlegen, dass der UMP-Chef nicht mehr automatisch den Präsidentschaftskandidaten gibt. Stattdessen soll die Auswahl - wie bei den Sozialisten - basisdemokratisch per Vorwahl stattfinden.

Dem Risiko will sich Sarkozy nur ungern stellen. Er plant daher, sich per Akklamation zum Parteichef wählen lassen, nur um anschließend die UMP mit den Zentristen der UDI zu fusionieren: Im Umlauf sind Namen wie "Union der Einheit" oder "Sammlungsbewegung". Und damit würde Sarkozy nicht nur die Konservativen politisch neu aufstellen, er würde auch das Ausleseverfahren für die Präsidentschaftskandidatur nach seinen Wünschen gestalten.

Sein Freund und ehemaliger Sprecher Franck Louvrier feilt bereits an den passenden Slogans. Er gibt die Parole vor: "Kandidat für die Führung der UMP zu sein, bedeutet auch Kandidat für die Präsidentschaftskandidatur zu werden."

Den Ehrgeiz jedenfalls hat der Ex-Präsident, den Wunsch nach Revanche: "Es ist stärker als er selbst", titelte das Magazin "Le Point". Und zitierte Sarkozy: "Ich kann mich nicht abfinden damit, das Land der Wahl zu überlassen - zwischen der Tragödie des Front National oder einem abgehalfterten Sozialismus."

Für den amtierenden Sozialisten hat Sarkozy nur noch Spott übrig. "François Hollande wird enden - geteert und gefedert."

insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
RalfHenrichs 19.09.2014
1.
Sarkozy - der Rettungsanker für Hollande.
Wächter Orbs 19.09.2014
2.
Wenn die Bevölkerung die alte Regierung abwählt, weil sie die Gesetze der globalen Vernetzung fürchtet, jedoch eine Regierung wählt, die noch machtloser erscheint, besinnt man sich zurück, auf das, was man hatte....
DMenakker 19.09.2014
3.
Was bleibt denn? Die Konservativen haben ansonsten niemanden, der die Wahl gewinnen könnte. Hollande ist zweifelsohne der größte europäische Politikversager des 3. Jahrtausends ( was vom allerersten Tag an auch zu erwarten war, aber das ist ein anderes Kapitel ). Entweder man lässt das Land also temporär an die Nazi-Tante fallen oder Sarkozy kommt zurück. Andere Möglichkeiten gibt es nicht. Im Vergleich zu dem, was auf dem Spiel steht, sind die Skandälchen zu vernachlässigen. Auch wenn es schade ist, keinen unbelasteten Politiker ins Rennen schicken zu können.
arrache-coeur 19.09.2014
4.
Zitat von Wächter OrbsWenn die Bevölkerung die alte Regierung abwählt, weil sie die Gesetze der globalen Vernetzung fürchtet, jedoch eine Regierung wählt, die noch machtloser erscheint, besinnt man sich zurück, auf das, was man hatte....
Sarkozy war nicht machtlos, eher das Gegenteil. Weil er aber innenpolitisch ebenfalls versagte, und das langsame Siechtum der französischen Gesellschaft inkl. deren Wirtschaft nicht ausreichend durch unpopuläre Reformen bremsen konnte oder wollte, verstieg er sich wie viele andere versagende Staatsoberhäupter in aussenpolitischen Abenteuern.
helle_birne 20.09.2014
5. Ein schwacher, von
Skandalen begleiteter Präsidentschaftskandidat der Konservativen wie Sarkozy wird bei der Präsidentschafts- und bei den Parlamentswahlen 2017 in Frankreich dem Front National zum sicheren Sieg verhelfen. Was dann mit Frankreich und Europa wird, mag ich mir lieber nicht ausdenken ...
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