Frankreichs Ex-Präsident Sarkozy Carla und die Operation Comeback

Carla singt, er kassiert den Applaus: Ex-Staatschef Nicolas Sarkozy nutzt die Tournee seiner Gattin, um sich bei seinen Landsleuten als erneuter Präsidentschaftskandidat in Erinnerung zu bringen - zum Ärger seiner Parteifreunde mit einigem Erfolg.

AFP

Von , Paris


Jeder Auftritt ein fulminanter Erfolg vor vollem Haus, stehende Ovationen, Autogramme: Die Rede ist nicht von Chansoneuse Carla Bruni, die derzeit mit ihren neuen Programm durch die Konzertsäle Frankreichs tourt. Nein, nicht die 46-jährige Sängerin und ihre "Little French Songs" werden vom Publikum gefeiert, sondern Ehemann Nicolas Sarkozy: Der gescheiterte Präsident ist der gar nicht so heimliche Star ihrer Darbietungen.

"Nicolas Präsident", "Nicolas, komm zurück", skandieren die Fans, Sarkozy drückt Hände, posiert für Fotos. In Béziers braucht er zehn Minuten, um sich bis zur Garderobe seiner Frau durchzukämpfen, sein Hemd ist bis auf die Haut durchgeschwitzt. "Ich kann nichts dafür, die Menschen sind zufrieden, mich zu sehen", meint er nicht ohne Chuzpe und schiebt nach: "Carla ist auf Konzertreise. Sie hat mich fünf Jahre begleitet, da kann ich ihr mal fünf Monate zur Seite stehen."

Lille, Lyon, Nancy, Cannes: Wo immer Sarkozy an der Seite seiner singenden Gattin auftaucht, stiehlt der Polit-Rentner ihr die Show. "Zusammen unterwegs", titelt Paris Match über das Promi-Duo und erklärt die Motivation des Ex-Präsidenten: "Von Stadt zu Stadt trifft er auf die Franzosen und testet seine Popularität." Und Sarkozy genießt seine Droge, das Bad in der Menge.

Sarkozys Passion für Politik ist ungebrochen

Lange hatte sich der Ex-Präsident mit öffentlichen Auftritten zurückgehalten. Als er sich nach der Wahlniederlage vom 8. Mai 2012 in einer emotionsgeladenen Rede von seinen Mitarbeitern verabschiedete, klang es wie ein Rückzug aus der Politik. Der Ex-Staatschef hielt sich forthin mit Äußerungen zurück, nur gelegentlich gab es Seitenhiebe gegen François Hollande. Dennoch war der Sozialist im vergangenen Dezember fair genug, seinen Vorgänger mit zur Trauerfeier von Nelson Mandela einzuladen.

Es war der letzte offizielle Auftritt von Sarkozy. Aber allen Dementis zum Trotz ist seine Passion für Politik ungebrochen. Von seinem Büro in der Rue de Miromesnil pflegt er die Seilschaften aus gestandenen Volkvertretern und jungen Abgeordneten. Seine Besucher sorgen dafür, dass Kritik und Kommentare über die sozialen Netzwerke verbreitet werden, derweil Sarkozy Zurückhaltung übt.

Das Bild der Sphinx gehört zur Strategie des Kommunikationskünstlers: Carla singt, Nicolas sinnt - auf sein Comeback.

Aber nicht zu früh. Deswegen gibt es mit Blick auf die nächsten Präsidentschaftswahlen 2017 Präsenz nur in homöopathischen Dosen, dafür aber regelmäßig, um nicht als Politiker der Vergangenheit abgehakt zu werden. "Postkarten" nennt Sarkozy diese Abstecher in die Provinz: Ende Januar etwa überreichte er einem Parteifreund den Orden der Ehrenlegion - die Zeremonie im Kreis von begeisterten Fans geriet zum medialen Ereignis. Als Sarkozy eine Woche später in Paris an der Seite von UMP-Bürgermeisterkandidatin Nathalie Kosciusko-Morizet erscheint, gerät das Meeting der anstehenden Pariser Kommunalwahl fast zum vorverlegten Startschuss für die Präsidentschaftskampagne.

UMP-Anhänger schwärmen voller Nostalgie für Sarkozy

Vor allem UMP-Anhänger schwärmen voller Nostalgie für Sarkozy. Dessen Rückzug aus der Partei hat die Führungsriege der Konservativen tief gespalten. Gerade deshalb sieht die Basis den früheren Staatschef als "Mann der Vorsehung" und die einzige personelle Alternative, um den Elysée zurückzuerobern. Laut Umfragen ist er unter Sympathisanten der Rechten bei über 60 Prozent der gewünschte Spitzenkandidat.

Eine Beliebtheit, die parteiinternen Konkurrenten sauer aufstößt: Denn die negativen Hinterlassenschaften von Sarkozys fünfjähriger Amtszeit sind längst nicht aufgearbeitet. Und gerade die Generation der jüngeren Nachrücker will den nächsten Kandidaten nicht per Umfrage oder Popularität gekürt sehen, sondern durch demokratische Vorwahlen - für Sarkozy, der die Partei einst zur persönlichen Wahlkampfmaschine umbaute, schlichtweg ein Unding.

Er begleitet seine Frau indes weiter durch Frankreichs Provinzen: Konzerte mit Carla sind im März in Straßburg und Aix-en-Provence geplant. Zugleich vergisst der ehemalige Staatschef nicht, frühere diplomatische Kontakte zu pflegen - Besuche in USA, Großbritannien, Indien stehen auf der Liste. Und für den kommenden Freitag ist ein Treffen mit der deutschen Kanzlerin geplant: Ein Wiedersehen für das deutsch-französische Duo, das zu seiner Zeit ein wenig spöttisch als "Merkozy" beschrieben wurde.

Eine mögliche Kandidatur für 2017 soll in Berlin angeblich nicht zur Sprache kommen. "Ich brauche Distanz und Abstand", hatte Sarkozy unlängst noch betont. Und lyrisch neue Gerüchte genährt: "Wo das Meer einmal stand, dahin kehrt es auch zurück."

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Seite 1
seine-et-marnais 26.02.2014
1. Um Himmels Willen
Zitat von sysopAFPCarla singt, er kassiert den Applaus: Ex-Staatschef Nicolas Sarkozy nutzt die Tournee seiner Gattin, um sich bei seinen Landsleuten als erneuter Präsidentschaftskandidat in Erinnerung zu bringen - zum Ärger seiner Parteifreunde mit einigem Erfolg. http://www.spiegel.de/politik/ausland/nicolas-sarkozy-und-carla-bruni-operation-comeback-a-955306.html
Ein mit seiner Politik gescheiterter Sarkozy, ein Hollande der gegen alle Versprechungen im Wahlkampf genau die gleiche Politik macht, da freut sich eine Marine Le Pen.
holger_heinrich 26.02.2014
2. na, besten dank
ich hoffe, die franzosen erinnern sich, wer ihnen die derzeitige krise gebracht hat. nochmal 5 jahre speedozy würde frankreich endgültig ins grab bringen. entgegen der unkenrufe gegen hollande, ist mir dessen ruhige art lieber als die sprunghafte mediale inszenierung von demokratie seitens sarkozy.
Meconopsis 26.02.2014
3. Boulevardpolitik ohne Visionen
Zitat von seine-et-marnaisEin mit seiner Politik gescheiterter Sarkozy, ein Hollande der gegen alle Versprechungen im Wahlkampf genau die gleiche Politik macht, da freut sich eine Marine Le Pen.
Ich denke, Marine Le Pen würde sich nicht so sehr über eine Rückkehr von Sarkozy freuen. Er wäre nämlich imstande Stimmen im sogenannten bürgerlichen Lager zu halten, die ansonsten ihr zufallen würden. Sarkozy ist immerhin jemand, der von seiner Persönlichkeit her den Anschein erweckt, etwas anpacken zu wollen, umtriebig und durchsetzungsfähig zu sein. Eigenschaften, die einem Hollande völlig abgehen.
shokaku 26.02.2014
4. Hier könnte ein Titel stehen
Zitat von MeconopsisIch denke, Marine Le Pen würde sich nicht so sehr über eine Rückkehr von Sarkozy freuen. Er wäre nämlich imstande Stimmen im sogenannten bürgerlichen Lager zu halten, die ansonsten ihr zufallen würden. Sarkozy ist immerhin jemand, der von seiner Persönlichkeit her den Anschein erweckt, etwas anpacken zu wollen, umtriebig und durchsetzungsfähig zu sein. Eigenschaften, die einem Hollande völlig abgehen.
Richtig. Er erweckt den Anschein. Das war es dann aber auch. Wenn man aber betrachtet, was er denn wirklich umgesetzt hat, so sieht das auch nicht besser aus als bei Hollande. Sarkozy müsste sich da schon auf ein kurzes Gedächtnis des Wahlvolkes verlassen. Im 21. Jahrhundert aber durchaus möglich.
Freewolfgang 26.02.2014
5. Frankreich ist anders
Frankreich ist anders - zumindest anders als Deutschland. In Deutschland wird man - einmal im Amt - gern wieder gewählt, bis man amtsmüde ist, oder vom Stuhl fällt, oder nicht mehr kann. Helmut Kohl etwa war - auch wenn er es geleugnet hat - amtsmüde, und er konnte nicht mehr. Ebenso wäre er nie auf die Idee gekommen, nach der Niederlage gegen Schröder wieder zu kandidieren - auch wenn er international nach wie vor als kompetenter Ansprechpartner galt und seine Stimme wahrgenommen wurde, jedoch nicht in Deutschland. Hier blieb seine Rolle im Ruhestand auf die eines Redners bei Jahreshauptversammlungen von Verbänden beschränkt. Frankreich vergisst und vergibt - vor allem in Anbetracht eines glücklosen Hollande, dessen Privatleben mittlerweile ebenso entgleist wie seine Politik. Ein Mann der eben auch nur mit Wasser kocht, und eine Konjunktur nicht einfach so aus dem Ärmel schüttelt. Frankreich wieder auf ein richtiges Gleis zu setzen - dafür braucht es mehr als nur eine Legislaturperiode. Es wird Jahre, vielleicht Jahrzehnte dauern, die Fehler der Vergangenheit zu korrigieren. Frankreich liebt seine Präsidenten, und es hasst sie. Wie schnell sich die Wähler-Prioritäten hier ändern, ist nahezu täglich zu beobachten...
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