Niederlage der Gaddafi-Rebellen Letzte Hoffnung Luftschlag

Nach den Erfolgen der Aufständischen in Libyen ist nun wieder die Gaddafi-Armee auf dem Vormarsch: In Bengasi geht die Angst vor einem Einmarsch der Söldner um. Den Rebellen bleibt nur die Hoffnung - auf weitere Luftangriffe des Westens und schnelle Waffenlieferungen.

Rebellen auf der Flucht: "Rückschläge einstecken"
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Rebellen auf der Flucht: "Rückschläge einstecken"

Aus Bengasi berichtet


Ahmed Bani liebt die blumige Sprache: "Die Wahrheit muss gesagt werden, sie muss ans Licht kommen", erklärt der Oberst zu Beginn seines Briefings im Ouzo-Hotel im ostlibyschen Bengasi. Bani trägt eine akkurat geschnittene blaue Uniform, sein Gesicht wirkt durch die Kappe noch etwas kantiger. Die Wahrheit, die er am Mittwochabend verkünden muss, kann dem übergelaufenen Offizier der Armee von Muammar al-Gaddafi nicht gefallen. Kurz gesagt haben seine Männer - jene unorganisierte und nur leichtbewaffnete Truppe von mehreren Tausend Freiwilligen, die sich Rebellen nennen - in den vergangenen 24 Stunden wieder erhebliche Verluste erlitten.

Es ist noch nicht lange her, da verkündete Bani in dem gleichen Hotelsaal, dass man schon bald eine Jubel-Pressekonferenz in Tripolis abhalten könne. Das war am vergangenen Samstag. Kurz zuvor waren die Rebellen nach massiven Luftangriffen der internationalen Koalition auf Stellungen und Panzer der Gaddafi-Einheiten Hunderte Kilometer nach Westen vorgerückt. Ganz plötzlich war der Sieg, der Sturz Gaddafis, zum Greifen nah. Man sah sich schon tief in Westlibyen, fast in Sirte, der Heimatstadt Gaddafis - und damit kurz vor der Hauptstadt Tripolis.

Auf die Nachfrage nach den Äußerungen von damals reagiert der General jetzt mit einem Grinsen. "Es ist Krieg, da muss man Rückschläge einstecken können", sagt er.

Doch so einfach ist es nicht. Am Mittwochabend sieht die Lage im Libyen-Krieg wieder ziemlich düster aus für die Rebellen. Innerhalb von zwei Tagen haben die Gaddafi-Einheiten, Bani spricht von 3600 Söldnern aus dem Tschad mit schweren Panzern und Artillerie, die Aufständischen so weit zurückgedrückt wie vor rund einer Woche. Die Ölhäfen von Ras Lanuf und Brega haben sie schon erobert. Nun fahren sie wieder in Richtung Adschdabia. Dort fliehen die Einwohner nun bereits zum zweiten Mal vor dem drohenden Angriff der Regimetruppen.

Bani gibt sich Mühe, die Lage nicht zu beschönigen - und schafft es dennoch nicht wirklich. Die Flucht nennt er einen "taktischen Rückzug", man wolle sich neu aufstellen. Wie das genau gehen soll, kann er nicht sagen.

Erneut muss Bengasi bangen

Für die Bewohner von Bengasi ist die Situation wie ein unangenehmes Déjà-vu. Vor rund zwei Wochen wendeten erst die internationalen Luftangriffe den Einmarsch der Gaddafi-Einheiten ins Zentrum des Aufstands gegen den hier verhassten Diktator ab und verhinderten so ein drohendes Blutbad in letzter Sekunde. Nun, darüber sind sich alle klar, sieht es ganz ähnlich aus. Da die Rebellen sich in chaotischer Flucht zurückgezogen haben, es keine befestigten Stellungen rund um Adschdabia, rund 180 Kilometer vor Bengasi gibt und die Rebellenarmee gegen die professionellen Gaddafi-Truppen wie ein Haufen Freizeitkrieger aussieht, müssen sich alle erneut auf harte Zeiten einstellen.

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Libyens Rebellen: Chaos beim Rückzug
Oberst Bani bleibt indes bei seiner Strategie der Beschwichtigung und verbreitet Optimismus. Abschdabia, diese für jeden Angriff völlig offen stehende Stadt, nennt er "eine Verteidigungslinie". Die Verteidigung von Bengasi in letzter Sekunde schreibt er sich und seinen Männern zu, die französischen Kampfjets hätten sie damals nur unterstützt. "Die Truppen werden Bengasi nicht erreichen, wir sind vorbereitet", prophezeit er. Was er nicht sagt: Ohne neue Luftangriffe, die mittlerweile von der Nato gesteuert werden und in den vergangenen beiden Tagen mehr als spärlich waren, sind er und seine Männer den anrückenden Truppen ziemlich hilflos ausgeliefert.

Erst die scharfen Fragen der Journalisten entlocken dem Oberst einige unangenehme Wahrheiten. "Wir stehen mit einer leichtbewaffneten Armee von Freiwilligen einer professionellen Truppe mit schweren Waffen entgegen", gesteht er ein. Auch habe man massive Probleme bei der Kommunikation innerhalb der Rebellen. Das ist bei der nicht vorhandenen Absprache zwischen den Hunderten Jeeps voll mit bewaffneten Männern und der fehlenden Führung der Guerilla-Trupps reichlich untertrieben. Tatsächlich sind die Regimegegner trotz Trainingslehrgängen und erbeuteter Waffen noch immer hoffnungslos unterlegen.

Die einzige Hoffnung sind daher neue Luftschläge der Nato. Abseits der Pressekonferenz sagen Funktionäre der sich langsam formierenden Regierung von Ostlibyen, man hoffe, dass die Koalition zumindest wieder zuschlägt, wenn Gaddafi-Truppen vor Adschdabia stehen und die Stadt mit ihren Zehntausenden Einwohnern erneut unter Beschuss nehmen. Oberst Bani drückt es etwas komplizierter aus. "Die internationale Gemeinschaft hilft uns bisher sehr", sagt er, "wir hoffen, dass sie die notwendigen Schritte unternimmt, um den Tod von vielen Zivilisten zu verhindern". Möglicherweise, das wird hier klar, muss es erst wieder zu einer dramatischen Situation in Adschdabia kommen, damit aus der Luft gebombt wird.

Kein Sieg, sondern ein Kompromiss

Die Taktik der Koalition ist in Libyen nur schwer einzuschätzen. Zwar gab es in den vergangenen 24 Stunden wieder Luftangriffe, die vorrückenden Gaddafi-Truppen aber haben die Kampfjets weitgehend verschont. Zwar tauchten über Ras Lanuf während der Kämpfe mehrmals Flugzeuge auf, sie griffen aber nicht an. Beobachter vermuten bereits, der schnelle Vormarsch der Rebellen sei den internationalen Militärs etwas unheimlich geworden. Durch die Zurückhaltung und die folgenden Verluste der Aufständischen habe man signalisieren wollen, dass am Ende des Konflikts kein Sieg, sondern ein Kompromiss stehen müsse.

Die Funktionäre der Aufständischen haben die US-Presse und die Diskussion um mögliche Waffenlieferungen an die Rebellen verfolgt. "Wir hoffen, dass der Westen uns bei der Kommunikation schnell helfen wird. Sonst sind wir ziemlich schnell wieder am Ende", sagt einer von ihnen. Bei diesem Thema zeigt sich sogar Oberst Bani etwas offener: "Wir brauche Unterstützung auf allen Ebenen: bei der Ausbildung, bei der Kommunikation, bei den Waffen".

Das militärische Hin- und Her in Ostlibyen zeigt, dass sich der Konflikt noch lange hinziehen könnte. Trotz der massiven Angriffe des Westens scheint Muammar al-Gaddafi keine Sekunde an eine Kapitulation zu denken. Ganz im Gegenteil: Die Luftangriffe hindern ihn noch nicht einmal, seine Truppen neu aufzustellen. Die Rebellen hingegen agieren weiter kopflos. Da die Staatengemeinschaft nach deren ungeplanten Vorstoß weit in den Westen nicht weiter als Helfer der Chaos-Truppen auftritt, stehen die Rebellen nun wieder am Anfang.

insgesamt 33 Beiträge
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Dr. Martin Bartonitz 30.03.2011
1. Sofort alle diplomatische Macht an die "Front"
Wenn es hier nicht wieder um Öl und dieses Mal auch um Wasser geht: Bitte sofort aufhören und mit allen gegebenen diplomatischen Mitteln diesen Konflikt zur Ruhe bringen. Völkerrechtlich ist dies ein nicht akzeptabler Eingriff. Das Volk hat sich von innen zu genesen und es hat kein anderes Volk ein Recht, sich da einzumischen. So lange nicht wie im Dritten Reich ein systematisches Ausrotten eines Volkes zu bemerken ist. Und das lag und liegt hier (noch?) nicht vor.
jdm11000 30.03.2011
2. keine Ausrottung?
Zitat von Dr. Martin BartonitzWenn es hier nicht wieder um Öl und dieses Mal auch um Wasser geht: Bitte sofort aufhören und mit allen gegebenen diplomatischen Mitteln diesen Konflikt zur Ruhe bringen. Völkerrechtlich ist dies ein nicht akzeptabler Eingriff. Das Volk hat sich von innen zu genesen und es hat kein anderes Volk ein Recht, sich da einzumischen. So lange nicht wie im Dritten Reich ein systematisches Ausrotten eines Volkes zu bemerken ist. Und das lag und liegt hier (noch?) nicht vor.
Sie müssen blind und taub ob der ganzen brutalen Nachrichten sein, oder ist das nur Ignoranz? Was lesen Sie eigentlich? Oder hören Sie nur den offiziellen lybischen Rundfund oder TV? Wenn das kein Völkermord ist - was ist es denn dann? Nur ein paar Tote oder was?
D.Fronath 30.03.2011
3. .
Zitat von Dr. Martin BartonitzWenn es hier nicht wieder um Öl und dieses Mal auch um Wasser geht: Bitte sofort aufhören und mit allen gegebenen diplomatischen Mitteln diesen Konflikt zur Ruhe bringen. Völkerrechtlich ist dies ein nicht akzeptabler Eingriff. Das Volk hat sich von innen zu genesen und es hat kein anderes Volk ein Recht, sich da einzumischen. So lange nicht wie im Dritten Reich ein systematisches Ausrotten eines Volkes zu bemerken ist. Und das lag und liegt hier (noch?) nicht vor.
Und wo genau wird die Grenze gezogen zwischen "inneren" und "äußeren" Einflüssen? Geographische Gegebenheiten? An den Staatsgrenzen? Sprachgrenzen? Ethnische Grenzen? Religiöse Grenzen? Kulturelle Grenzen? ...
henniman 30.03.2011
4. Die in dem Artikel verwendete Sprache ist agitierend und tendenziös
Das hat nichts mit Information zu tun! Es strotzt nur so von "wohl" und "wahrscheinlich" und "offenbar". Nichts ist belegbar, nichts ist belegt. Wer sagt uns, dass die Einwohner Bengasis "Angst vor dem Diktator" haben? Sie leben 40 Jahre lang unter Gaddafi, warum sollen sie plötzlich Angst vor ihm haben? Haben die Einwohner Bengasi nicht viel eher Angst vor diesen bis an die Zähne bewaffneten Banden? Mann, das sind völlig unkoordinierte, ungeschulte Wilde, bewaffnet mit Maschinengewehren und sonstwas. Die nehmen sich, was sie brauchen, überall und von jedem! Ich weiß es nicht, ich weiß es so wenig wie alle anderen hier, aber nach allen rationalen Kriterien müssen sich die Einwohner Bengasis nichts so sehr wünschen wie die Wiederherstellung einer stabilen Ordnung. Einer Ordnung, die Gaddafi über Jahrzehnte unter relativem Wohlstand garantierte. Nach all den Lügenstories über Saddams Massenvernichtungswaffen bis hin zu einer "Flugverbotszone" billige ich den westlichen Angreifern keine wahrheitsgemäße Berichterstattung mehr zu, zweifle ich an deren vorgeblichen Motiven. Zu offenkundig waren alte koloniale Bestrebungen und geschäftliche Interessen.
lituma 30.03.2011
5. Ohne Tripolis geht nix
Solange die Bevölkerung im Großraum Tripolis nicht den gleichen Revolutionsdrang verspührt wie in Bengasi etc., können die sog. Rebellen bis an die Grenzen der Hauptstadt vordringen - gewinnen werden sie trotzdem nicht. Für die Hauptstadtbevölkerung besteht sichtlich kein sonderliches Interesse und keine Anreize für einen Wandel, insofern kann man einen solchen auch nicht herbeibomben oder herbeischießen.
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