Niederländischer Polit-Aufsteiger Thierry Baudet Klimpert Chopin, hetzt gegen Ausländer

Thierry Baudet pflegt sein Image als Intellektueller, wenn er nicht gerade dumpfe Parolen drischt über Fremde, Frauen und die EU. Damit kommt er in den Niederlanden gut an - und punktet bei den Provinzwahlen.

Thierry Baudet
Mieke Meesen

Thierry Baudet

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"Thierry, Thierry" skandieren die Menschen im Saal des Vier-Sterne-Hotels in der Nähe von Utrecht, als ihr Anführer sich den Weg durch die Menge bahnt. Sie klatschen, jubeln.

Doch der junge Triumphator der Wahlnacht verbreitet in seiner Rede erst einmal Endzeitstimmung. "So stehen wir hier, heute Abend: inmitten der Trümmer von dem, was einst die größte und die schönste Zivilisation war, welche die Welt je gekannt hat", spricht Thierry Baudet ins Mikrofon. "Wir werden unterminiert: durch unsere Universitäten, unsere Journalisten, durch Menschen, die unsere Kunstsubventionen erhalten und die unsere Gebäude entwerfen. Vor allem werden wir unterminiert durch unsere Lenker." Aber heute sei "die erste Schlacht gewonnen".

Baudet spricht über eine der wohlhabendsten, egalitärsten Nationen der Welt: die Niederlande. Der Staat befindet sich nicht im Bürgerkrieg, er hat an diesem Mittwoch freie, demokratische Provinzwahlen abgehalten. Aber Baudets Rhetorik kommt trotzdem an bei vielen Niederländern: Sie haben seine neue, europa- und migrantenfeindliche Partei "Forum voor Democratie" (FvD) bei diesen Wahlen zur stärksten politischen Kraft im Land erkoren.

Baudet-Foto auf Wahlparty der Partei "Forum voor Democratie"
AFP

Baudet-Foto auf Wahlparty der Partei "Forum voor Democratie"

"Der wichtigste Intellektuelle der Niederlande"

Der Sieg des erst 2016 gegründeten FvD ist ein politisches Beben für das deutsche Nachbarland. Die nächste Erschütterung, keine 72 Stunden nach dem Anschlag von Utrecht, bei dem der türkischstämmige Täter mindestens drei Menschen tötete.

Beide Ereignisse hängen miteinander zusammen.

Denn Baudet hat den Anschlag ausgeschlachtet. Als einziger wichtiger Politiker unterbrach er seinen Wahlkampf nicht, sondern erklärte noch am Abend des Attentats vor Anhängern: "Wir müssen eine Diskussion über Einwanderung führen. Wenn wir nicht einen anderen Kurs wählen, wird das noch viel öfter passieren."

Das Manöver hat sich gelohnt für Thierry Henri Philippe Baudet, 36 Jahre jung, studierter Historiker, Doktor der Rechtswissenschaften. Der "wichtigste Intellektuelle der Niederlande", wie sich Baudet laut der Zeitung "De Volkskrant" selbst titulierte, ist der Shootingstar der niederländischen Politik.

Ist er auch für gemäßigtere Schichten wählbar?

Er hat seine Splitterpartei, die bei der Parlamentswahl 2017 nur 2 von 150 Sitzen errang, zur klaren Nummer eins auf Rechtsaußen gemacht. Und den 20 Jahre älteren Geert Wilders ausgestochen, dessen Partei herbe Verluste hinnehmen musste.

Rund 30 Prozent der Baudet-Wähler hatten 2015 laut dem TV-Sender NOS für Wilders gestimmt. Aber 70 Prozent kommen auch von woanders her: Jungwähler, Nichtwähler - oder von anderen Parteien.

Baudet sei spannender, frischer als der seit Jahren präsente Wilders, sagt Markus Wilp, Politikwissenschaftler am Zentrum für Niederlande-Studien der Universität Münster. "Er ist durch sein Auftreten, seinen intellektuellen Habitus auch für Menschen wählbar, denen Wilders zu derb ist." Baudet ist kein Bürgerschreck, er stammt selbst aus einer Akademikerfamilie. Und er inszeniert sich gerne als Bildungsbürger, bevorzugt mit dem Klavier.

Schon vor Jahren ließ sich Baudet auf einem Flügel liegend abfotografieren. Ein anderes Mal posierte er davorsitzend, auf dem Instrument ein Kerzenleuchter, an der Wand darüber ein Porträt von Goethe. Als der Sohn eines Klavierlehrers 2017 ins Parlament in Den Haag einzog, ließ er sein privates Klavier zur Freude der Boulevardmedien in sein Abgeordnetenbüro transportieren. Kurz darauf saß er in einer Talkshow beim Privatsender RTL Nieuws, erklärte, er sei kein besonders guter Klavierspieler - und setzte sich Sekunden später an den im Studio aufgebauten Flügel, um das Nocturne Opus 55 von Chopin zum Besten zu geben. Seine Antrittsrede im Parlament begann er auf Lateinisch.

So kultiviert Baudet sich darstellt, so dumpf ist seine Rhetorik. Mal sagt er: "Ich will, dass Europa dominant weiß und kulturell bleibt, so wie es ist." Mal behauptet er, das niederländische Volk werde durch Zuwanderung homöopathisch verwässert. Mal trifft er sich mit Aktivisten der amerikanischen Alt-Right-Bewegung wie dem Blogger Milo Yiannopoulos oder mit Jared Taylor, der für die vermeintliche Überlegenheit der weißen Rasse eintritt.

Welches Frauenbild hat Baudet? Er hat mal geschrieben, dass Frauen durch ihren Sexualpartner "nicht nur mit umsichtigem 'Respekt' behandelt", sondern auch "überrumpelt, beherrscht, ja: übermannt werden wollen". Und die Bemühungen um mehr Umwelt- und Klimaschutz tituliert Baudet als "Nachhaltigkeits-Götzendienst". Wird er ob seiner Aussagen kritisiert, behauptet er, er habe mit Rassismus oder Sexismus nichts am Hut. Er beherrscht die Klaviatur des Rechtspopulismus.

"Baudet ist noch lange nicht Premierminister"

Besonders gerne macht er Stimmung gegen die EU. Ihr hat Baudet seinen politischen Aufstieg zu verdanken. Als Brüssel einen Assoziierungsvertrag mit der Ukraine abschließen wollte, sammelten Baudet und seine Mitstreiter vom damals noch kleinen "Forum voor Democratie" in den Niederlanden Unterschriften für ein rechtlich nicht bindendes Referendum über das Abkommen. Und bei der Abstimmung im Mai 2016 sagten 60 Prozent der Teilnehmer tatsächlich Nein. Das Parlament in Den Haag ratifizierte den leicht veränderten Vertrag später trotzdem. Aber Baudet war nun ein bekannter Kopf in seinem Land. Und er hatte Material, um Stimmung zu machen gegen das vermeintliche "Parteienkartell".

Seine eigene Partei fordert ein Referendum über die EU-Mitgliedschaft der Niederlande. "Es ist Zeit, aufzuhören mit der Währungsunion und den offenen Grenzen und danach die EU zu verlassen", schreibt das FvD auf seiner Website. Ob Baudet seinen Traum je in die Wirklichkeit umsetzen kann, ist trotz seines jüngsten Triumphes fraglich. In einer Umfrage vom Januar sprachen sich nur 18 Prozent der Niederländer für den Austritt aus, 72 Prozent hingegen für den Verbleib.

Er spekuliert auch bei der Europawahl auf einen Erfolg

Und die Macht hält Baudet auch nicht in den Händen. "Obwohl er gerade viel Momentum hat, ist Baudet noch lange nicht Premierminister", sagt Politologe Wilp. "Ich glaube nach wie vor, dass es nur ein beschränktes Wählersegment für seine Partei gibt. Und keine der anderen großen Parteien strebt eine Zusammenarbeit mit ihm an."

Die Regierungskoalition von Premier Mark Rutte wird ihre Mehrheit in der ersten Parlamentskammer verlieren. Diese Länderkammer hat eine ähnliche Rolle wie der Bundesrat in Deutschland; neue Gesetze müssen von ihr abgesegnet werden. Wilp erwartet aber vorerst keine Regierungskrise: Rutte werde die Unterstützung der Grünen und Sozialdemokraten suchen.

Wie dauerhaft der Erfolg von Thierry Baudet ist, wird sich Ende Mai zeigen. Da werden die Niederländer wieder an die Wahlurnen gerufen. Ausgerechnet zur Europawahl.


Anmerkung: In einer früheren Version war von Chopins Nocturne No. 55 die Rede. Wir haben die Textstelle präzisiert, es handelt sich um Chopins Nocturne, Opus 55.

insgesamt 65 Beiträge
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Seite 1
robert_schleif 21.03.2019
1. Rechtspopulisten können nicht Klavier spielen,
…sondern nur "klimpern". Und Argumentieren fällt ihnen auch nicht ein, sondern nur "hetzen" und "dreschen". Natürlich "dumpf". Und Baudet würde wohl auch keinen Artikel so intellektuell-satirisch-beschwingt hintupfen können, wie Claus Hecking, sondern allenfalls "hinschmieren".
HolmWolln 21.03.2019
2. Ein Missverständnis
Ein derzeit häufig auftretendes Missverständnis ist die Bezeichnung "Intellektuell" für die "Vordenker" der völkisch-identitären oder auch der rechtsextremistischen Bewegung. Ein Baudet, ein Bannon oder ein Kubitschek mögen gebildet und in ihrer Aussenwirkung geschult sein, aber jemanden der Rollenbilder aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts reinstallieren möchte, der den Nationalstaat und einen rassisch-völkisch orientierten Konservatismus präferiert kann schon von daher nicht intellektuell genannt werden. Intellektuallität bedeutet mehr als gepflegte Umgangsformen, Wissen und die Fähigkeit dies für eigene Zwecke vielfältig zu interpretieren oder seine Mitmenschen für eigene Zwecke zu manipulieren. Mir ist es nicht vermittelbar, wie Menschen die die Erfolge der Solidargemeinschaft als Gesellschaftsvertrag - z.B. 70+ Jahre Frieden in Europa, Rechtssicherheit, Grundrechte, Meinungsfreiheit, Reisefreiheit, Investionsfreiheit, etc pp - zugunsten eines bereits als potenziell totalitär und faschistoid exponierten Systems aufgeben, sowie soziale Kompetenz als political corecctness verunglimpfen, als "mit dem Geiste, dem Verstand arbeitend, also intellektuell" bezeichnet werden können. Angst vor Veränderung und Affinität für Traditionen in allen Ehren, aber es sind in der Geschichte dieser Spezies nicht zaudernde, rückwärtsgewandte Traditionalisten, die zivilgesellschaftliche, wissenschaftliche oder wie auch immer geartete Evolution antreiben. Es ist auch nicht die Mehrheit, die Entscheidungen trifft welche Fortschritt fördern. Solche Errungenschaften kommen i.d. Regel von Menschen deren Intellekt, Leidenschaft für eine Idee und Überzeugung einen Beitrag für den Fortschritt aller Menschen zu leisten Sie antreibt, über alle Widrigkeiten und Widerstände hinweg. Nicht von Leuten, die sobald Sie ihren Lebensentwurf bedroht sehen beginnen zu glauben, das Sie selbst legitimiert seien, anderen Menschen Rechte vorzuenthalten. Oder diese auszugrenzen und einen zivilgesellschaftlichen Rückschritt für alle zu fordern, der eine Welt verspricht, die bereits unbeschreibliches Elend über Millionen gebracht hat. Das ist nicht intellektuell, das ist bestensfalls ignorant und wahrscheinlich kriminell. Daher, meines Erachtens ist die Bezeichnung intellektuell für rechte Ideologen so irreführend wie die ständig verwechselte Bedeutung von "Preis" und "Wert". Passt in diese Zeit...in der Verstand zu einem flüchtigen Prädikat in einer Nichtigkeit von Existenz degeneriert.
Bondurant 21.03.2019
3. Ist das jetzt
Und die Bemühungen um mehr Umwelt- und Klimaschutz tituliert Baudet als "Nachhaltigkeits-Götzendienst". eine Meinung, die man, weil an und für sich verwerflich, nicht mehr haben darf?
pauli96 21.03.2019
4. Die Mehrheit
in einer demokratischen Wahl, insbesondere in einer unbestrittenen Demokratie kann man nicht wegätzen. Statt bissiger und pi**iger persönlicher Anfeindungen des Wahlgewinners gehört in ein souveränes Politikmedium eine ehrliche Analyse. Vielleicht befindet sich die Blase ja doch nicht bei den Wählern sondern hinter den Computern der Redaktionen?
seneca55 21.03.2019
5. Thierry Baudet könnte biologisch auch Sohn von Geert Wilders sein
Aber er ist es nicht, sondern ist ein rechter Intellektueller mit einer Portion Charisma, was ihn in die bürgerlichen Parteien einbrechen läßt. Der Triumpf der Rechten in den weltoffenen NL begann mit Pim Fortuyn in Rotterdam vor 20 Jahren, vielleicht ist mit Thierry Baudet bald jeder 3. Holländer rechts - wer weiß?
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