Afghanistan Berlin will Todesstrafe für Niedringhaus-Mörder verhindern

Ein Gericht in Kabul hat den Mörder der deutschen Fotografin Anja Niedringhaus in einem kurzen und geheim geführten Prozess zum Tode verurteilt. Die Bundesregierung drängt nach SPIEGEL-Informationen darauf, die Entscheidung in eine lange Gefängnisstrafe umzuwandeln.

Fotoreporterin Niedringhaus (Aufnahme 2005): Polizist in erster Instanz zum Tode verurteilt
AP

Fotoreporterin Niedringhaus (Aufnahme 2005): Polizist in erster Instanz zum Tode verurteilt

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Berlin - Die Bundesregierung will im Fall der in Ostafghanistan ermordeten deutschen Fotografin Anja Niedringhaus verhindern, dass die lokale Justiz gegen den mutmaßlichen Täter eine Todesstrafe verhängt. Bereits bei der erstinstanzlichen Verhandlung gegen den afghanischen Polizisten drängte ein anwesender deutscher Diplomat nach Informationen des SPIEGEL darauf, dass eine mögliche Todes- in eine lange Gefängnisstrafe umgewandelt wird.

Deutschland engagiert sich grundsätzlich gegen Todesurteile, hieß es in Berlin als Begründung. Das gelte vor allem in diesem symbolischen Fall mit einem deutschen Opfer.

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Beruf Kriegsreporterin: Anja Niedringhaus und ihre Bilder
Der 23-jährige Polizist namens Naqibullah soll am 4. April die preisgekrönte Reporterin der Agentur Associated Press erschossen und ihre Kollegin Kathy Gannon schwer verletzt haben. Am Dienstag hatte ein Kabuler Bezirksgericht in nichtöffentlicher Sitzung rund zwei Stunden über den Fall Naqibullah verhandelt und den jungen Mann dann zum Tode verurteilt. Die Strafe muss noch durch eine übergeordnete Instanz bestätigt und vom afghanischen Präsidenten genehmigt werden.

Die Bundesregierung setzt nun darauf, durch Gespräche mit Offiziellen zu erreichen, dass das Urteil noch einmal verändert wird. Noch immer gehören Todesurteile in Afghanistan zum Alltag - trotz westlicher Proteste. In vielen Fällen aber hatte der afghanische Staatschef nach langen Überprüfungen eine Exekution der Verurteilten aber noch verhindert.

Polizist spricht von psychischer Störung

Die Motive des Polizisten Naqibullah sind weiter unklar. Nach der Tat hatte der Mann aus einer finanziell soliden Familie in der Provinz Parwan von einem Racheakt an den beiden westlichen Frauen gesprochen. Ein Bombardement der Isaf-Truppen habe im Januar 2014 in seinem Dorf viele zivile Opfer gefordert. Später berichtete der Polizist, der 2012 in die Afghan National Police eintrat und von US-Mentoren in Masar-i-Scharif in einem Schnellkurs ausgebildet worden war, von einer psychischen Störung.

Er beschrieb eine Art epileptischen Anfall - dies wird von deutschen Ermittlern allerdings als Schutzbehauptung gewertet. Beim Prozess am Dienstag sagte er erneut, er sei nicht "normal". Das Gericht befasste sich aber kaum mit den Aussagen des jungen Mannes.

Keine Indizien für eine Indoktrinierung durch Taliban

Die deutschen Behörden hatten die Ermittlungen im Mordfall Niedringhaus von Beginn an intensiv beobachtet. Vor allem wollten sie herausfinden, ob der junge Mann tatsächlich allein handelte oder möglicherweise von Radikalen zu der Tat angestiftet worden war.

Bei den umfangreichen Recherchen, die eine Überprüfung aller Telefonanrufe des Polizisten vor der Tat einschlossen, wurden dann zwar Hinweise auf eine antiwestliche Haltung des Mannes gefunden, deretwegen er nach der Ausbildung in die Provinz versetzt worden war. Indizien für eine Indoktrinierung durch die Taliban gab es aber nicht.

Die Deutsche Botschaft in Kabul soll das weitere Verfahren nun genau beobachten. Bis zu einem rechtskräftigen Urteil, das erst in einigen Monaten erwartet wird, führt der Generalbundesanwalt in Karlsruhe weiter ein Ermittlungsverfahren gegen den afghanischen Polizisten.

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Sergjey 27.07.2014
1. Rache vs. Rache ?
** Nach der Tat hatte der Mann aus einer finanziell soliden Familie in der Provinz Parwan von einem Racheakt an den beiden westlichen Frauen gesprochen. ** | Und dem will die afghanische "Justiz" nun mit einem Racheakt -- Todes"strafe" -- begegnen, der nur Hass und Rachegefühle nach sich ziehen würde. Ein sinnloser Kreislauf.
karstenlohser 27.07.2014
2. Warum ...
... mischt sich die deutsche Bundesregierung in die afghanische Justiz ein? Würden wir uns das umgekehrt gefallen lassen?
icke_werner 27.07.2014
3. Warum hier?
Wir sind doch bemüht, alle ethnologischen und kulturellen Eigenständigkeiten jedes Landes zu akzepieren, egal ob sie unseren Wertnormen entsprechen oder nicht. Warum interveniert die Bundesregierung in diesem Fall, wo sie bei einem ähnlichen Fall in Amerika keinen Finger rühren würde.
marcorius 27.07.2014
4. Strafe ist nicht gleich Rache
Die Todesstrafe ist zwar eine besonders harte Strafe, es ist aber immer noch eine Strafe. Solange sie in einem fairen Prozess zustande kommt hat unsere Bundesregierung meiner Meinung nach kein Recht sich in die afghanische Justiz einzumischen. Nicht falsch verstehen ich bin gegen die Todesstrafe aber sie ist kein Eingriff in die Menschenrechte und es gibt auch gute Argumente für die Todesstrafe. Jedes Land hat dabei seine eigene Wahl zu treffen und die anderen haben das anzuerkennen. Man kann dann nicht vom hohen Ross herabblicken und sagen, dass die Länder (hier z. B. Afghanistan), die die Todesstrafe durchführen moralisch schlechter oder besser sind als Deutschland.
Schopenklopfer 27.07.2014
5. Der Tod war ein Meister aus Deutschland, - lange genug!
Zitat von karstenlohser... mischt sich die deutsche Bundesregierung in die afghanische Justiz ein? Würden wir uns das umgekehrt gefallen lassen?
Deshalb haben sich die Deutschen, das erste Deutsche Parlament, nach dem Krieg ein Grundgesetz gegeben, was eine Todesstrafe ausschließt. Sie haben zu lange und zu nahe millionenfach staatlich sanktionierten Mord erlebt. In Afghanistan hat Deutschland noch einen gewissen Einfluß auf die Wandlung der Strafe, in anderen Staaten leider nicht. Und "umgekehrt" ist es Nonsens, weil es eben keinen "umgekehrten" Fall geben kann.
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