Terror in der Sahelzone Tod bei "Tongo Tongo"

In der Wüste Westafrikas breiten sich Islamisten aus. Malis Regierung gibt in der Folge einen ganzen Landstrich zum benachbarten Niger auf. Kommen nun deutsche Spezialkräfte?

Malis Armee zieht sich aus der Grenzregion zu Niger zurück
Agnes Coudurier/ AFP

Malis Armee zieht sich aus der Grenzregion zu Niger zurück

Von


Es ist der derzeit gefährlichste Einsatz für Uno-Truppen weltweit: In Mali sind seit 2014 jedes Jahr mehr Blauhelme gestorben als in jedem anderen Einsatz der Friedenstruppen. Zudem trainieren und patrouillieren in dem riesigen Land in der westafrikanischen Sahelzone Tausende deutsche und französische Soldaten, die bei der Landesverteidigung gegen Islamisten helfen sollen.

Allein, es hilft kaum. Trotz der internationalen Unterstützung macht Mali gegen die Islamisten - die 2013 nur knapp durch einen französischen Kriegseinsatz daran gehindert wurden, in die Hauptstadt Bamako zu marschieren - keinen Boden mehr gut. Im Gegenteil.

In der Grenzregion zwischen Mali und Niger zeigt sich seit drei Wochen ein bedenkliches Muster: Die Nationalarmee wird attackiert, ihre Posten aufgerieben, die Folge: Rückzug. Es folgt der nächste tödliche Angriff eines Terrorkommandos. Und wieder geben die malischen Truppen einen weiteren Grenzort auf.

Erst zu Wochenbeginn starben bei einem Anschlag auf eine Militärpatrouille nach Regierungsangaben mindestens 24 Soldaten. Die malischen Kräfte waren auf dem Weg, sich mit Soldaten aus Niger zu treffen. Geplant war eine gemeinsame Operation - gegen Islamisten.

Anti-Islamisten-Operation missglückt

Es hätte offenbar eine Strafaktion werden sollen. Darauf deutet hin, dass die Operation "Tongo Tongo" genannt wurde:

Doch zum Treffen zwischen den Soldaten aus Mali und Niger in Tongo Tongo kam es nicht. Stattdessen fielen zwei Dutzend Soldaten des malischen Zuges, etliche weitere wurden verletzt. Dennoch versuchte die malische Armee, die Operation als Erfolg darzustellen: Es seien auch 17 Extremisten getötet worden, 100 habe man gefangen genommen und zudem 70 Motorräder vernichtet, welche die Islamisten für ihre Überfälle benutzen.

Der jüngsten Attacke waren blutige Wochen vorausgegangen. Seit Anfang Oktober waren mehr als hundert malische Sicherheitskräfte durch Extremistenattacken gestorben. Allein ein Angriff auf einen malischen Außenposten am 1. November hatte 53 Soldaten das Leben gekostet. Der "Islamische Staat - Provinz Westafrika" reklamierte in einer Telegram-Nachricht die Tat für sich.

Anschläge auf einheimische und internationale Soldaten gibt es im östlichen Mali seit Jahren. Nun sind die Truppen mürbe. Die Armee entschied sich zum Rückzug aus zwei grenznahen Orten. Bamako gibt einen Teil der Region Gao auf. In einem Streifen von etwa 50 Kilometern nördlich der nigrischen Grenze gibt es nun keine fest stationierten malischen Soldaten mehr.

Doch selbst in der mittelgroßen Stadt Ménaka, einer von zwei Rückzugspositionen, welche die Armee weiter halten will, jagen die Islamisten malische und ausländische Soldaten. Anfang November starb dort ein Soldat aus Frankreich, als ein Fahrzeug der französischen "Barchane"-Mission in eine Sprengfalle fuhr.

An der Grenze kämpfen nur noch Regierungsgegner mit den Islamisten

Die Alternative südlich der neuen Haltelinie: Rebellen übernehmen die Kontrolle dort, wo die Armee das Weite gesucht hat. Kurz nach dem Abzug aus dem Grenzort Andéramboukane meldete die Rebellengruppe "Bewegung zum Wohle Asawads" (MSA), man habe in der Ortschaft Stellung bezogen.

Militante Kämpfer der MSA in der Wüste bei Ménaka (Februar 2018)
Souleymane AG ANARA/ AFP

Militante Kämpfer der MSA in der Wüste bei Ménaka (Februar 2018)

Auch die MSA-Rebellen sind zwar Gegner der malischen Armee - aber noch stärker sind sie mit den Islamisten verfeindet. Nun patrouillieren sie dort, wo sich die malische Armee zurückgezogen hat.

In Paris beobachtet man die Lage schon lange mit Sorge - und hofft nun auf die Hilfe Deutschlands. Möglich scheint, dass die Bundeswehr 2020 Spezialkräfte zur Verstärkung in die Region entsendet. Sie sollen an der Mission "Tacouba" ("Säbel") beteiligt sein, die "Barkhane" ergänzen soll. Estland und die Niederlande haben bereits ihre Unterstützung zugesagt.

Trotz der schon länger vorliegenden Anfrage Frankreichs blieb Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) bei ihrem Truppenbesuch in Mali indes zuletzt vage. Und am Ende muss natürlich auch der Bundestag einer Aufstockung und einem robusteren Mandat der schon jetzt größten deutschen Militärmission in Afrika mit derzeit rund 1100 Soldaten zustimmen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, die vier getöteten US-Soldaten seien Marines gewesen. Sie waren vielmehr Angehörige der Spezialkräfte der US-Army. Wir habend die Stelle angepasst.

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.