Kampf gegen Boko Haram Irrtümlicher Luftangriff tötet mehr als 50 Menschen

Bei einem Luftschlag der Armee ist im Nordosten Nigerias ein Flüchtlingslager getroffen worden. Laut Ärzte ohne Grenzen gab es mehr als 50 Todesopfer.

Ärzte ohne Grenzen

Bei einem Luftangriff auf ein Vertriebenenlager im Nordosten Nigerias hat es viele Todesopfer gegeben. Die Attacke der nigerianischen Luftwaffe sollte eigentlich Extremisten der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram gelten, teile das nigerianische Militär mit.

Der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) zufolge starben 52 Menschen, 120 wurden verletzt. MSF-Direktor Jean-Clément Cabrol verurteilte den Angriff und nannte den Luftschlag auf "verletzliche Menschen, die ohnehin schon vor extremer Gewalt geflohen waren, schockierend und inakzeptabel". Das Rote Kreuz erklärte, sechs örtliche Mitarbeiter der Hilfsorganisation seien getötet und mindestens 13 weitere verletzt worden. Sie gehörten zu den Teams, die in dem Lager rund 25.000 Binnenflüchtlinge versorgen.

Die nigerianische Armee sprach am Nachmittag von mehr als 100 Toten. Unter ihnen seien Tote und Verletzte auch örtlicher Mitarbeiter des Roten Kreuzes und der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen, erklärte Generalmajor Lucky Irabor.

Das versehentlich attackierte Camp befindet sich in der Ortschaft Rann im Bundesstaat Borno im Nordosten des Landes. Nahe dem irrtümlich getroffenen Lager Rann liegt die Grenze zu Kamerun. Das Grenzland gilt als Rückzugsgebiet von Boko Haram.

Dass die nigerianische Armee oft brutal und mit wenig Rücksicht auf die Zivilbevölkerung gegen die Terroristen vorgeht, kritisieren Menschenrechtsgruppen seit Langem. Zuletzt hatte die nigerianische Regierung wieder Erfolge gegen Boko Haram vermeldet.

Allerdings begeht die Terrorgruppe nach wie vor regelmäßig Anschläge zumeist mit Selbstmordattentätern. Erst am Montag sprengte sich ein Angreifer in einer Moschee auf dem Gelände der Universität der Stadt Maiduguri in die Luft. Er riss drei Menschen mit in den Tod, 17 Menschen wurden verletzt. Seit Beginn des Boko-Haram-Aufstands vor acht Jahren starben mehr als 20.000 Menschen.

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Nigeria im Terrorkrieg: Warum besonders die Kinder leiden

Boko Haram hält im Nordosten Nigerias noch immer einzelne Landstriche und Ortschaften unter ihrer Kontrolle. Als Folge des Terrors durch Boko Haram und des Anti-Terror-Kriegs leiden die Menschen besonders im Nordosten unter Hungersnot. Zuletzt warnte der Uno-Hilfskoordinator Peter Lundberg Mitte Dezember, es drohe in Nordnigeria "die schlimmste humanitäre Krise auf dem afrikanischen Kontinent".

Etwa 4,4 Millionen Menschen seien von einem Lebensmittelnotstand betroffen, 65.000 stünden knapp vor einer Hungersnot, schätzt die Welternährungsorganisation FAO. 80.000 Kinder seien unmittelbar vom Hungertod bedroht.

cht/dpa/Reuters/AP



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