Vielvölkerstaat Nigeria Boko Haram bombt, die Schiiten bluten

Nigeria leidet unter Boko Haram. Doch die Regierung bekämpft nicht nur die sunnitische Terrorgruppe - sondern geht auch brutal gegen die friedliche Minderheit der Schiiten vor. Warum?

Sunday Alamba/ AP

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Mindestens zwei Tote und mehr als 40 Verletzte: In Nigerias Hauptstadt Abuja sind Sicherheitskräfte diese Woche brutal gegen schiitische Protestgruppen vorgegangen. Die Demonstranten fordern die Freilassung ihres spirituellen Anführers, Ibrahim El-Zakzaky. Er sitzt seit mehr drei Jahren im Gefängnis - 24 Monate davon ohne Anklage und bis heute ohne Verurteilung.

Wer für die Gewalt verantwortlich ist, das Militär von Präsident Muhammadu Buhari oder die Demonstranten, ist offen. Klar ist bislang nur: Die Minderheit steht im Fokus der repressiven Behörden des multireligiösen 170-Millionen-Staates, in dem 85 Millionen Sunniten und vier Millionen Schiiten leben.

Zuletzt eskalierte die angespannte Lage im vergangenen Herbst. Weltweit feierten schiitische Muslime Arbain, das zweitwichtigste religiöse Fest dieser Glaubensrichtung des Islam. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Amnesty International starben bei dem Fest und einer daran anschließenden Demonstration für die Freilassung Zakzakys mehr als 40 Menschen durch Polizeigewalt.

Schiitische Nigerianer bereiten getötete Mitglieder ihrer Glaubensgemeinschaft für eine Beerdigung vor
Afolabi Sotunde/ REUTERS

Schiitische Nigerianer bereiten getötete Mitglieder ihrer Glaubensgemeinschaft für eine Beerdigung vor

Die Opfer wiesen Einschüsse in Kopf, Nacken und Brust auf, was, so Osai Ojigho, Direktorin von Amnesty International in Nigeria, nur einen Schluss zulasse: Die Sicherheitskräfte seien gekommen, "nicht um die öffentliche Ordnung wiederherzustellen, sondern um zu töten". Die Armee räumte später drei Opfer ein.

"Wir wollen keine Vergeltung üben"

Baqeer Gashua, ein Sprecher der schiitischen Organisation Islamic Movement in Nigeria (IMN), bezeichnet das Vorgehen der Sicherheitskräfte im Gespräch mit dem SPIEGEL als "Falle". Die Armee habe Straßen gesperrt und anschließend "aus unterschiedlichen Richtungen auf uns gefeuert". Steine hätten die Demonstranten nur geworfen, nachdem die ersten Schüsse gefallen seien.

Gashua beteuert, seine Organisation werde vorerst am zivilen Protest festhalten. "Wir wollen keine Vergeltung üben", sagt er. Der Garant für die Zurückhaltung ist Gashua zufolge Zakzaky. Der Anführer der Schiiten predige auch aus der Haft Zurückhaltung.

Er sei vermutlich in Kaduna, der Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaats, inhaftiert, sagte Maxwell Kyon dem SPIEGEL. Der Jurist gehörte bis vor Kurzem zum Rechtsberaterteam des Geistlichen und konnte ihn vor zwei Monaten im lokalen Hauptquartier der Sicherheitsdienste treffen.

Ibrahim El-Zakzaky in Kaduna, Ende April 2019
Islamic Movement in Nigeria

Ibrahim El-Zakzaky in Kaduna, Ende April 2019

Verhaftet hatten die Behörden Zakzaky im Dezember 2015 - nach einem bislang beispiellosen Massaker, bei dem er selbst fast getötet wurde.

Ein Massengrab, mehr als 300 Tote

Die Armee hatte eine schiitische Prozession blockiert und Zakzakys Wohnhaus sowie das angegliederte Gemeindezentrum belagert. Der Grund: Schiiten sollen einen Anschlag auf einen Armeegeneral geplant haben.

Die Sicherheitskräfte töteten Hunderte Männer, Frauen und Kinder, mindestens ebenso viele wurden verletzt. Anschließend zerstörten sie das Anwesen des Geistlichen und versuchten, ihre Tat zu vertuschen, indem sie Leichen versteckten und Patronenhülsen einsammelten.

Eine staatliche Untersuchungskommission stellte später fest, dass weit mehr als 300 Opfer anonym in einem Massengrab beerdigt wurden. Eine Exhumierung aber, um die Toten zu identifizieren, gab es nicht. Zakzaky selbst verlor bei den Kämpfen ein Auge - und seine Freiheit.

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Schiiten in Nigeria: Dauerprotest trotz Kugelhagel

Die Freiheit vieler Nigerianer bedroht seit Jahren vor allem die sunnitische Islamistengruppe Boko Haram, durch deren Anschläge Tausende gestorben sind. Der Staat kämpft einen brutalen Antiterrorkrieg gegen die Extremistengruppe.

Zakzaky, obwohl selbst Schiit, stand vor Jahrzehnten im Kontakt mit Boko-Haram-Gründer Mohammed Yusuf, den die Armee 2009 tötete. Das ist nun sein Problem geworden.

"Zakzaky wird als Bedrohung für die nationale Sicherheit dargestellt"

Andrea Brigaglia, Islamwissenschaftler an der Universität Kapstadt, sagt, der Regierung werde "von einflussreichen Salafisten vermittelt, dass Zakzaky eine Bedrohung für die nationale Sicherheit darstellt".

  • Brigaglia zufolge war die Bekanntschaft Zakzakys mit dem Terrorpaten indes kurz und werde nun von salafistischen Beratern des Präsidenten übertrieben dargestellt.
  • Enge Verbindungen von Ex-Boko-Haram-Chef Yussuf mit Salafisten hingegen würden von diesen heruntergespielt und kaschiert.

Angriffe auf die Schiiten stünden damit zwar im Kontext des Krieges gegen den Terror. Die Schiiten seien darin aber nur "eine Art Sündenbock", um vom Versagen sunnitischer Gelehrter abzulenken, so Brigaglia. Die Folge: Boko Haram bombt, die Schiiten bluten.



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