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Boko Haram in Nigeria Islamisten kidnappen noch mehr Mädchen

Die Islamistenmiliz Boko Haram setzt ihren Terror gegen Schülerinnen in Nigeria fort. Seit Wochen ist eine Gruppe von mehr als 200 Teenagern in der Gewalt der Männer. Jetzt haben sie erneut eine Gruppe Mädchen entführt.

Abuja - Dieses Mal sind es acht Mädchen. Die islamistische Terrorgruppe Boko Haram hat in Nordnigeria ein weiteres Mal Schülerinnen entführt. Sie seien am Dienstag aus dem Dorf Waranbe im Bundesstaat Borno verschleppt worden, berichtete die Zeitung "Sahara Reporters".

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Boko Haram in Nigeria: Die Spur des Terrors

Foto: AKINTUNDE AKINLEYE/ REUTERS

Bereits seit Mitte April sind mehr als 200 Schülerinnen aus der Stadt Chibok in den Händen der Extremisten. Sie schliefen in ihren Betten, als das Unheil begann. Die Mädchen waren lediglich für ihre jährlichen Abschlussprüfungen an ihre Schule im Nordosten des Landes zurückgekehrt. Denn eigentlich sind die Bildungseinrichtungen in der gesamten Provinz Borno derzeit geschlossen - zu gefährlich ist die Lage wegen des Terrors der Islamistengruppe Boko Haram, die immer wieder Schulen überfällt und niederbrennt.

Doch der kurze Aufenthalt der 15- bis 18-jährigen Mädchen war lang genug für die brutalen Kämpfer. Die Teenager hielten die Eindringlinge in der Nacht auf den 16. April zunächst für nigerianische Soldaten und dachten, dass die Männer sie beschützen sollten. Das berichteten einige Mädchen, die flüchten konnten, der britischen Zeitung "Independent". Als die Männer anfingen, das Gebäude zu plündern und Feuer zu legen, begannen die Mädchen zu weinen und zu schreien, heißt es in dem Bericht weiter.

Wo die Schülerinnen jetzt sind und was mit ihnen passiert ist, darüber gibt es nur Mutmaßungen. Sicher ist seit Montag nur: Sie sind tatsächlich in der Hand von Boko Haram. Der Chef der Terrorgruppe, Abubakar Shekau, meldete sich in einem 57 Minuten langen Video zu Wort: "Ich werde sie auf dem Markt verkaufen", kündigte er an.

1500 Opfer allein in diesem Jahr

Boko Haram kämpft im muslimischen Norden Nigerias für einen islamischen Staat und will die Scharia einführen. Der Name heißt übersetzt in etwa "westliche Bildung ist verboten". Niemand weiß, wie viele Männer die Gruppe derzeit unter Waffen hält; allein in diesem Jahr hat sie bereits mehr als 1500 Menschenleben auf dem Gewissen.

Der charismatische Islamist Ustaz Mohammed Yusuf hatte 2002 in Maiduguri eine Moschee mit angeschlossener Koranschule gegründet. Aus diesem Dunstkreis ging Boko Haram hervor. Die Gruppe vertritt eine primitive, aber extreme Form des Islam. Ihr Ziel ist der Umsturz, Nigeria soll ein Kalifat werden.

Zunächst verübten Boko-Haram-Anhänger vor allem Attentate auf Polizisten, mit Pistolen und Gewehren von fahrenden Motorrädern aus. Die Armee schlug hart zurück. Yusuf selber wurde 2010 festgenommen und kam in Polizeigewahrsam unter ungeklärten Umständen ums Leben.

Danach war Boko Haram jedoch alles andere als am Ende: Die Truppe weitete ihren Terror aus. Kaum eine Woche vergeht, in der sie nicht Märkte überfällt, wahllos Christen umbringt, oder Bomben legt. Terrorexperten fürchten, dass sich Boko Haram auch in andere Länder ausbreiten könnte. Am Montag starben zwei Menschen bei einem Anschlag in Kamerun. Auch im Sudan, in Niger und in der Zentralafrikanischen Republik sollen Kämpfer aus Nigeria aufgetaucht sein.

Mädchen als Sklavinnen

Die Schülerinnen aus Chibok sollen schon kurz nach ihrer Entführung mit Milizionären zwangsverheiratet worden sein, berichteten nigerianische Zeitungen. Als "Brautpreis" hätten die Männer 2000 Naira, umgerechnet rund neun Euro bezahlen müssen.

Manche Beobachter glauben, dass die Entführungen der Mädchen eine Reaktion auf eine ähnliche Taktik der nigerianischen Regierung sind. Die Behörden in Abuja hatten 2012 zahlreiche Ehefrauen von Boko-Haram-Mitgliedern inhaftiert - darunter auch die Frau von Shekau selbst. In einer Videobotschaft warnte der Sektenchef kurz darauf: "Ihr habt unsere Frauen gefangen genommen. Jetzt wartet nur ab, was mit euren Frauen passieren wird."

Mädchen seien als Sklavinnen geboren und könnten bereits mit neun oder zehn Jahren verkauft werden, sagte der Boko-Haram-Chef nun in seinem Video. "Sklaverei ist in meiner Religion erlaubt, und ich werde weiter Menschen entführen und zu Sklaven machen." Damit meint er nicht nur härteste Knochenarbeit in den Lagern der Extremisten, sondern auch regelmäßigen sexuellen Missbrauch.

Die Eltern der Mädchen sind voller Sorge - aber zunehmend auch aufgebracht. Sie werfen der Regierung vor, nicht genügend unternommen zu haben, um die Kinder zu befreien und marschieren protestierend durch die Straßen. Präsident Goodluck Jonathan hatte erst am Sonntag im TV eingeräumt, dass seine Armee bei der wochenlangen Suche versagt habe. Er versprach jedoch, dass die Mädchen befreit würden.

Inzwischen wächst auch der internationale Protest. Die derzeit in Bonn lebende Nigerianerin Ify Elueze hat eine Online-Petition ins Leben gerufen: "Bring back our girls " (Bringt unsere Mädchen zurück) lautet der Slogan. Die 23-jährige Studentin mobilisierte innerhalb weniger Tage weltweit mehr als 245.000 Menschen.

Und nun zieht auch die Politik nach. Montagabend kündigte die US-Regierung an, Nigeria bei der Befreiung der Schülerinnen zu unterstützen. Am Morgen zog der britische Außenminister William Hague nach und bot Hilfe an. Am Mittag verurteilte die Bundesregierung die Entführung als menschenverachtend.

Mit Material von dpa
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