Nigeria Mehrere Anschläge auf Kirchen - viele Tote

In Nigeria haben sich mehrere schwere Explosionen ereignet, die Anschläge richteten sich offenbar gegen Kirchen. Mindestens 40 Menschen kamen ums Leben. Eine radikalislamische Sekte hat sich zu den Taten bekannt. Viele Gläubige flüchteten aus den Weihnachtsmessen.
Autowrack vor Kirche in Nigeria: Anschlagsserie zu Weihnachten

Autowrack vor Kirche in Nigeria: Anschlagsserie zu Weihnachten

Foto: AFP

Abuja - Schwere Anschläge an Weihnachten in Nigeria: Landesweit haben sich mindestens fünf Explosionen ereignet, mindestens drei davon in Kirchen. Allein bei einem Bombenanschlag auf eine katholische Kirche in der Nähe der nigerianischen Hauptstadt Abuja sind am ersten Weihnachtstag nach Angaben von Rettungskräften mindestens 27 Menschen getötet worden. Die Nachrichtenagenturen AP und AFP berichten von mindestens 40 Toten.

Ein Sprengkörper explodierte am Sonntag vor der Kirche St. Theresa in der Stadt Madalla bei Abuja. Eine weitere Explosion ereignete sich nahe einer Kirche in der zentralnigerianischen Stadt Jos. Hier wurden mehrere Menschen verletzt, wie Augenzeugen berichteten. Auch Gewehrfeuer sei zu hören gewesen. Die Behörden befürchten eine koordinierte Angriffswelle. Unbestätigten Berichten zufolge gab es weitere Angriffe im Nordosten des Landes. In Abuja hätten viele Christen frühzeitig die Weihnachtsmessen aus Angst vor weiteren Anschlägen verlassen, berichteten nigerianische Medien.

In Madalla ging gerade eine Weihnachtsmesse zu Ende, als die Bombe explodierte. Die Polizei vermutet, es könne sich möglicherweise um eine Autobombe gehandelt haben. Unter den Toten waren mindestens drei Polizisten. Zudem wurden zahlreiche Menschen verletzt. Die Rettungskräfte befürchten weitere Todesopfer. Viele Leichen seien durch die Explosion verstümmelt, was eine Identifikation erschwere, berichteten Augenzeugen. Auch Häuser in der Nähe der Kirche wurden durch die Explosion beschädigt.

"Alles, was ich sah, war Rauch und Menschen, die schrien"

Ein Mann, der seine Schwester bei dem Anschlag verlor, schilderte die Ereignisse so: "Als wir aus der Kirche kamen, ging ich noch einmal zurück, weil ich eine Weihnachtskarte vergessen hatte. Kurz darauf hörte ich einen Knall. Alles, was ich sah, war Rauch und Menschen, die schrien und herumliefen. Dann sah ich die Fetzen der Kleider meiner Schwester." Man habe nicht genug medizinische Ausrüstung, um alle Opfer in Madalla zu versorgen, sagte ein Behördensprecher. Es fehle vor allem an Rettungswagen.

Einen dritten Anschlag gab es auf eine Kirche in Gadaka im Nordosten des Landes. Auch hier soll es Verletzte gebeben haben. Und in Damaturu im Norden des Landes berichteten Anwohner von zwei Detonationen. Einzelheiten waren dazu jedoch zunächst nicht bekannt.

Die nigerianische Zeitung "The Daily Trust" berichtete, ein Sprecher der radikalislamischen Sekte Boko Haram habe die Verantwortung für die Anschläge übernommen. Später meldete auch die Nachrichtenagentur Reuters, der Sprecher habe Journalisten eine entsprechende Stellungnahme zukommen lassen.

Immer wieder verübt Boko Haram Bombenanschläge und Attentate. Einer Zählung der Nachrichtenagentur AP zufolge ist die Sekte allein in diesem Jahr für mindestens 465 Morde verantwortlich. So waren bereits bei einer Serie von Bombenanschlägen und Überfällen Anfang Februar im Nordosten von Nigeria mindestens 63 Menschen getötet worden. Damals zogen bewaffnete Männer durch die Hauptstadt des Staates Yobe im Nordosten des Landes, sprengten ein Gebäude, griffen Polizeiwachen und ebenfalls Kirchen an.

Bundespräsident Wulff verurteilt Anschläge

Im August hatte sich die Gruppe zu einem Selbstmordanschlag auf ein UN-Quartier bekannt, bei dem 23 Menschen getötet und 76 verletzt worden waren. Seitdem gehen die nigerianischen Sicherheitskräfte verstärkt gegen die Islamisten vor. Am Samstag waren bei Kämpfen zwischen Armee und Anhängern von Boko Haram mindestens 68 Menschen im Norden des Landes getötet worden.

Bereits im vergangenen Jahr gab es mehr als 80 Tote bei Angriffen auf christliche Weihnachtsfeiern. Bei Bombenanschlägen in Abuja an Silvester 2010 starben 30 Menschen.

Die Sekte will die Einhaltung der Scharia in ganz Nigeria durchsetzen, einem ölreichen Land mit mehr als 150 Millionen Einwohnern, das geteilt ist in einen überwiegend christlichen Süden und einen überwiegend muslimischen Norden. Der Name Boko Haram bedeutet: "Die westliche Lehre ist Sünde."

Bundespräsident Christian Wulff verurteilte die Anschläge und sprach den Angehörigen der Opfer sein Beileid aus. "Diese feige Gewalt ist von keiner Religion gedeckt", heißt es in einem Beileidstelegramm Wulffs an den nigerianischen Präsidenten Goodluck Jonathan. Es sei "besonders verabscheuungswürdig, dass sich die Anschläge gegen Menschen richteten, die sich friedlich an Weihnachten in ihren Gotteshäusern versammelt hatten". Außenminister Guido Westerwelle (FDP) forderte dazu auf, sich "dem Übel des Terrorismus, von Gewalt und Unterdrückung mit ganzer Kraft entgegen zu stellen".

Verurteilt wurden die Anschläge auch von den Regierungen in Paris, London und Washington sowie dem Vatikan. Die Anschläge am Weihnachtstag zeugten erneut "von der Grausamkeit eines blinden und absurden Hasses, der keinerlei Respekt vor dem menschlichen Leben hat", sagte Vatikan-Sprecher Federico Lombardi in Rom. Den Attentätern gehe es darum, noch mehr Hass zu schüren.

otr/lgr//dapd/Reuters/dpa/AP/AFP
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