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15. Januar 2015, 01:00 Uhr

Terror in Nigeria

Satellitenbilder zeigen Boko-Haram-Massaker

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Hunderte Tote, unvorstellbare Brutalität: Der Angriff von Boko Haram auf das nigerianische Baga war der bislang blutigste Anschlag der Terrormiliz. Satellitenbilder und Zeugenaussagen belegen das Ausmaß des Grauens.

Hamburg - Trümmer, menschenleere Straßen, kaum noch ein Baum, vor allem grau: Die Satellitenbilder, veröffentlicht von der Menschenrechtsorganisation Amnesty International, zeigen völlig zerstörte Ortschaften. Es soll sich um die Region um die nigerianische Stadt Baga handeln.

Anfang Januar startete die Terrormiliz Boko Haram dort im Norden Nigerias eine große Offensive. Die Angriffe richteten sich gegen Baga und mehrere Dörfer in der Umgebung. Die Kämpfer metzelten Menschen nieder, brannten Häuser ab. Soviel bestätigten bisher bereits nigerianische Regierungsvertreter. Es gab viele Tote, das war seit Tagen bekannt. Doch weil die Region abgelegen ist, gelangen Informationen nur spärlich an die Öffentlichkeit.

Die BBC berichtete vergangene Woche von möglicherweise bis zu 2000 Toten, die Regierung sprach später von 150 Opfern. Jetzt veröffentlichte Amnesty International genauere Informationen über das Massaker von Baga. "Von allen Boko-Haram-Anschlägen, die Amnesty International analysiert hat, ist dieser der blutigste", sagt der Nigeria-Spezialist der Organisation, Daniel Eyre. "Die detaillierten Aufnahmen zeigen eine Verwüstung katastrophalen Ausmaßes in zwei Städten."

Häuser, Kliniken und Schulen in Ruinen

Der Experte hat Satellitenbilder der Städte Baga und Doron Baga analysiert, die vor und nach den Angriffen aufgenommen wurden - am 2. und am 7. Januar. Darauf sei zu erkennen, dass mehr als 3700 Gebäude beschädigt oder komplett zerstört worden seien: rund 600 in Baga und 3100 in Doron Baga, der größeren von beiden Städten, die etwa vier Quadratkilometer Fläche hat. "Es handelt sich hier um eine vorsätzliche Attacke auf Zivilisten, deren Häuser, Kliniken und Schulen nun Ruinen sind."

Nach der Auswertung der Bilder, Gesprächen mit Augenzeugen und Menschenrechtsaktivisten von vor Ort geht die Organisation von Hunderten Toten aus. Auf eine genaue Zahl will sie sich nicht festlegen.

Augenzeugen berichteten demnach, die Angreifer seien besonders grausam vorgegangen. So sollen die Boko-Haram-Kämpfer selbst kleine Kinder und eine gerade gebärende Frau getötet haben. "Ich weiß nicht, wie viele es waren, aber überall, wo wir hinsahen, lagen Leichen", berichtete eine Frau.

Andere Zeugen sagten aus, es seien zudem Hunderte Menschen als Geiseln genommen worden. "Die älteren Frauen, Mütter und kleine Kinder wurden nach vier Tagen freigelassen. Die jungen Frauen halten sie noch immer fest", heißt es.

"Das Bild von der bisher wohl tödlichsten Boko-Haram-Attacke wird immer klarer", sagt Nigeria-Experte Eyre.

Nach den Angriffen sind laut Uno mehr als 11.000 Menschen in den benachbarten Tschad geflohen. Der größte Teil von ihnen seien Frauen und Mädchen, sagte ein Sprecher des Flüchtlingshilfswerks UNHCR.

Mehr Gewalt vor den Wahlen

Das Massaker hängt vermutlich auch mit den bevorstehenden Wahlen zusammen. "Die Zahl der gemeldeten Verluste ist stark angestiegen", konstatierte etwa eine Sprecherin der US-Regierung. "Wir glauben, die Wahlen sind dabei ein Faktor."

Mitte Februar finden in Nigeria Parlaments- und Präsidentschaftswahlen statt. Der amtierende Präsident Goodluck Jonathan tritt erneut an. Sein Herausforderer ist der 73-jährige Muhammadu Buhari, der vor allem im Norden viele Anhänger hat - wo die Extremisten viele Gebiete kontrollieren. Die Wahlkommission befürchtet dort Schwierigkeiten bei der Stimmabgabe.

Der jetzige Präsident sei mit der Lage im Land sichtlich überfordert, analysiert EJ Hogendoorn, Vizechef des Afrika-Programms der International Crisis Group (ICG). "Unser Vorwurf an die nigerianische Regierung lautet, dass ihr Einsatz vor allem militärisch fokussiert war - und nicht an die Wurzeln des Problems geht", sagt Hogendoorn. Vor allem junge Arbeitslose strebten in die offenen Arme von Boko Haram.

"Deswegen konnte sich die Krise so ungestört zur Regierungskrise ausweiten", sagt der NGO-Spezialist. Mittlerweile sei die Sicherheit im ganzen Land in Gefahr. "Die generelle Strategie von Boko Haram ist es, die Autorität der amtierenden Regierung zu untergraben und ein sogenanntes Kalifat im Norden des Landes zu errichten", erklärt der Niederländer. Boko Haram sei jedoch keine geschlossene Einheit, sondern vielmehr ein Netzwerk verschiedener, teils unabhängiger Gruppen.

Die Truppe kämpft unter Anführer Abubakar Shekau. Bei Angriffen auf Polizei, Armee, Behörden, Schulen und Kirchen tötete sie seit 2009 mehr als 10.000 Menschen. Im Frühjahr 2014 entführten ihre Anhänger mehr als 200 Schülerinnen, die bis heute vermisst werden.

Die Gruppe versuche dem "Islamischen Staat" (IS) nachzueifern, der Teile des Irak und Syriens unter seiner Kontrolle hat, sagt Hogendoorn. "Der Hauptunterschied ist, dass der IS über größere Mittel verfügt", sagt der Nigeria-Experte. "Um ihre Macht zu vergrößern, brauchen sie Einnahmen. Dazu erzwingen sie Geld von Händlern vor Ort, sie nehmen Geiseln und erpressen Lösegeld", erklärt der Vizechef des ICG-Afrika-Programms. Mit dem Geld würden neue Kämpfer rekrutiert und bezahlt.

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