Attentat von Nizza Der Held auf dem Motorroller

Wer ist der Rollerfahrer, der am 14. Juli versuchte, den Lkw des Attentäters von Nizza zu kapern? Reporter der Zeitung "Nice-Matin" haben ihn aufgespürt. Hier ist seine Geschichte.

Homepage von "Nice-Matin"
nicematin.com

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Von , Paris


Nur Stunden nach dem Anschlag am französischen Nationalfeiertag gingen die Bilder um die Welt: Das Video, gedreht von einem deutschen Journalisten, zeigt einen Mann auf dem Motorroller. Er versucht, den Lkw mit Attentäter Mohamed Lahouaiej Bouhlel am Steuer aufzuhalten. Bei der Todesfahrt auf der Promenade des Anglais wurden 84 Menschen ermordet.

Man glaubte ihn verletzt oder gar unter den 84 Toten, die der Anschlag gefordert hat. Jetzt hat das Lokalblatt "Nice-Matin" den Mann ausfindig gemacht: Franck, schmal, Ende vierzig, mit schmalem Backenbart, wirkt nicht wie eine Kämpfernatur. Auch sein Sohn befand sich an diesem Abend in der Menschenmenge auf der Promenade. Deshalb setzte der Familienvater sein Leben aufs Spiel: "Ich war bereit zu sterben, um ihn aufzuhalten."

Leicht verletzt und psychisch angeschlagen, erzählt der Angestellte am Flughafen von Nizza, von dem Abend, dessen Ereignisse ihn seither verfolgen: Es ist der 14. Juli, gegen 23 Uhr. "Wir wollten zum Feuerwerk." Zu seiner Frau sagte er: "Gehen wir erst ein Eis essen am Platz Cours Saley." Er fuhr über die Kreuzung Magnan, alles war ruhig. "Wir begegneten Leuten, die begannen nach Hause zu gehen."

"Als wir auf der Höhe des Universitätszentrums Mittelmeer waren, haben wir plötzlich hinter uns eine Bewegung der Menschenmenge bemerkt. Wir hörten Schreie und sahen Autos, die sich quer stellten. Meine Frau sagt mir: 'Halt an, da stimmt was nicht'. Als wir uns umdrehten, sahen wir die die Menge auf uns zu rennen, sie flohen vor irgendwas. Und dann sahen wir den Lastwagen näher kommen."

"Ich war wie weggetreten, gleichzeitig aber hellwach"

"Wir waren auf der Mitte der Straße, es gab wenig Autos. Ich fuhr mit rund 60 Kilometer pro Stunde, hatte nicht mal die Zeit in den Rückspiegel zu sehen, als mich der Lkw in voller Fahrt überholte. Mit dem Motorroller fuhr er auf den Bürgersteig. Ich sehe noch die Bilder von Körpern, die überall umherflogen."

Um den 19-Tonner einzuholen, der Richtung Place Masséna fuhr, setzte Franck seine Frau ab, er musste einen Slalom fahren, quer durch Tote, Verletzte, fliehende Menschen. "Ich fuhr mit Vollgas. Ich war zu allem entschlossen."

"Der Lkw wechselte von der Fahrbahn auf den Bürgersteig und wieder zurück, pflügte alles um." Franck holt den Wagen ein: "Ich war wie weggetreten, gleichzeitig aber hellwach. Ich konnte mich an seiner linken Seite vorarbeiten und die Fahrerkabine erreichen."

Für Angst blieb keine Zeit

Franck kommt zu Fall, macht zu Fuß weiter, erreicht die Fahrerkabine und hält sich am Türgriff fest. "Ich war auf den Stufen, auf Höhe des geöffneten Fensters. Ich habe mit aller Kraft mit meiner Linken auf ihn eingeschlagen, dabei bin ich eigentlich Rechtshänder. Schläge ins Gesicht. Er sagte nichts. Er zuckte nicht. Er hatte seine Waffe in der Hand. Aber die Pistole funktionierte nicht. Ich glaubte, er versuchte sie zu entsichern oder zu laden, was weiß ich. Er zielte auf mich, drückt ab, aber die Waffe funktionierte nicht." Schließlich schlägt Bouhlel Franck mit dem Griff der Pistole auf den Kopf, er muss von dem Lastwagen ablassen.

Die Polizei beendet die mörderische Fahrt. Franck trägt leichte Verletzungen davon: Schmerzen in der linken Hand, Blutergüsse auf dem Rücken, zwei Wunden am Kopf müssen genäht werden, eine gebrochene Rippe. Für Angst blieb ihm während seiner Tat keine Zeit. "In meinem Kopf hatte ich nur einen Gedanken: Mein Sohn ist auf dem Platz Masséna. Das gab mir Kraft und Mut alles zu tun, damit Bouhlel sein Ziel nicht erreicht."


Im Video: Wie der Lkw in die gesperrte Straße fährt

Richard Gutjahr/Tagesschau

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insgesamt 64 Beiträge
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pauschaltourist 21.07.2016
1. Zivilcourage
Wie heißt denn der höchste zivile Auszeichnungsorden Frankreichs?
steueragent 21.07.2016
2. Kaum zu glauben.
Aber er wollte seinen Sohn retten. Das erklärt alles.
hans.bertram 21.07.2016
3. Und hier
schauen Sie zu, wenn ihre Freundinnen angegrabscht werden. Endlich mal einer mit Mumm. Respekt!
Schroekel 21.07.2016
4. Respekt, ...
... Monsieur Franck!
mickt 21.07.2016
5. Danke für den Bericht…
Im Nachhinein bei Katastrophen und Gewalt, sind es besonders die Geschichten von selbstlosen Menschen, die ihr Leben für andere riskierten, die mich inspirieren.
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