Nizza-Attentäter Vor dem Lkw-Anschlag machte er ein Selfie 

Mehrmals besuchte Mohamed Lahouaiej Bouhlel die Promenade, auf der er später 84 Menschen tötete. Die Polizei geht davon aus, dass er Helfer hatte - sechs Verdächtige sind in Gewahrsam.

Strand von Nizza
AP

Strand von Nizza

Aus Nizza berichtet


Mohamed Lahouaiej Bouhlel trank Alkohol, nahm Drogen und galt nicht als religiös.

Mehr als 200 Ermittler forschen nun nach den Hintergründen des Attentats in Nizza, bei dem er 84 Menschen tötete. Sie prüfen auch, wer mögliche Helfer gewesen sein könnten.

Was ist über den Attentäter bekannt?

Mohamed Lahouaiej Bouhlel, 31 Jahre alt, stammte aus Tunesien und wohnte in Nizza in einem Viertel der unteren Mittelschicht. Er arbeitete als Lieferant. Bouhlel war verheiratet und hatte drei Kinder. Die Scheidung lief, seine Frau gibt an, dass er sie geschlagen habe. Seit 2010 beging Bouhlel eine Reihe von Straftaten, darunter offenbar Diebstahl. Im März wurde er wegen eines gewaltsamen Streits nach einem Verkehrsunfall zu einer sechsmonatigen Haftstrafe auf Bewährung verurteilt.

Der französischen Presse zufolge konsumierte Bouhlel Alkohol und Haschisch. Er galt nicht als religiös, zum Freitagsgebet ist er offenbar nie in die Moschee gekommen. Auch seine Nachbarn nahmen ihn nicht als Islamisten wahr. Gegenüber der Zeitung "Nice-Matin" zeichnen Arbeitskollegen das Bild eines nervösen und zerstreuten Einzelgängers. Die von der Polizei Festgenommenen beschreiben ihn laut "Figaro" als impulsiv, chaotisch und "roher Gewalt zugeneigt".

Auf dem Computer des Attentäter haben die Ermittler nach Angaben der Staatsanwaltschaft sehen können, dass er in letzter Zeit gezielt nach Seiten mit dschihadistischer Propaganda gesucht habe - diese hätten die pornografischen Websites ersetzt, die er vorher angesehen habe. Am 6. Juli habe er laut einem Medienbericht 24 Euro an eine Internetseite überwiesen. Dies gehe aus seinem Kontoauszug hervor. Als Verwendungszweck sei "Islam" vermerkt worden.

Wie bereitete er sich auf das Attentat vor?

Mohamed Lahouaiej Bouhlel plante seine Tat mindestens zehn Tage vorher. Er reservierte am 4. Juli einen Lastwagen in Saint-Laurent-du-Var, etwa zehn Kilometer von Nizza entfernt. Abgeholt hat er den weißen 19-Tonner am 11. Juli. Nach Berichten des Fernsehsenders BFMTV besaß Bouhlel seit einem Jahr einen LKW-Führerschein.

Wie die Staatsanwaltschaft mitteilte, hatte Bouhlel die Strandpromenade mit dem gemieteten Lastwagen bereits Tage vorher ausgespäht, so am Dienstag, dem 12. Juli und Mittwoch, dem 14. Juli. Dies haben offenbar Überwachungskameras aufgezeichnet.

Auch habe der Tunesier von sich ein Foto am Steuer des Lastwagens aufgenommen, bevor er es per SMS verschickte, so Ermittler. Das Bild sei zwischen dem 11. und 14. Juli entstanden. Die Polizei versuche nun, alle Empfänger dieser Mitteilungen zu identifizieren. Laut "Figaro" ist eine Textnachricht auch an seinen Bruder in Tunesien gegangen.

Wie lief die Tat ab?

Der Attentäter stieg am Donnerstag, 14. Juli, um 21.34 Uhr in den gemieteten Lastwagen und fuhr in Richtung der Promenade des Anglais, der zentralen Flaniermeile von Nizza direkt am Wasser. Dort fand das traditionelle Feuerwerk zum Nationalfeiertag statt, das gegen 22.30 Uhr endete.

Um 22.27 Uhr soll Bouhlel eine SMS geschickt haben, in der er die "Lieferung weiterer Waffen" verlangt haben soll. Der Empfänger wurde nach Angaben der Ermittler festgenommen.

Den Lastwagen steuerte der Täter ab 22.45 Uhr in die Menge an der Promenade, etwa 30.000 Personen hielten sich dort zu dem Zeitpunkt auf. Er lenkte sein Fahrzeug im Zickzack, um möglichst viele Menschen zu treffen. Nach 1700 Metern gab es einen Schusswechsel, 300 Meter fuhr er noch weiter, bevor ihn Polizisten erschossen. In dem Lkw wurden unter anderem eine Pistole vom Kaliber 7.65 gefunden sowie eine nicht funktionsfähige Handgranate und Waffenattrappen.

Hatte er Komplizen?

Die Ermittler fahnden derzeit nach möglichen Helfern Bouhlels. Sie werteten seinen Computer aus sowie sein Smartphone, das sie in dem Laster fanden.

Dass Bouhlel Komplizen hatte, darauf deuten SMS hin. So etwa die Nachricht, die er kurz vor dem Attentat verschickte und in der er weitere Waffen angefordert haben soll. In anderen SMS soll er seine Genugtuung darüber zum Ausdruck gebracht haben, dass er eine Pistole besitze. "Nice-Matin" berichtet, dass in dieser Mitteilung auch eine Adresse in Nizza erwähnt worden sein soll. Die Polizei durchsuchte diesen Ort.

Fünf Männer und eine Frau, die aus dem Umfeld des Täters stammen, sind zurzeit in Gewahrsam. Unter ihnen ist ein Paar aus Albanien. Sie werden verdächtigt, dem Täter "logistische Hilfe" geleistet zu haben: Der Mann habe Bouhlel die Waffe besorgt. Drei Personen sind laut "Nice-Matin" inzwischen nach Levallois-Perret nahe Paris gebracht worden, um von Anti-Terror-Ermittlern verhört zu werden.

Freigelassen wurden die Ehefrau des Attentäters und eine weitere Person.

Hatte Bouhlel Verbindungen zum "Islamischen Staat"?

Der "Islamische Staat" reklamiert den Anschlag für sich. Die Dschihadistenmiliz erklärte am Samstag, der Attentäter von Nizza habe auf ihre Aufrufe reagiert, Bürger der Länder der internationalen Koalition anzugreifen, die in Syrien und im Irak gegen die Extremisten kämpft.

Bei Polizei und Geheimdienst war der Tunesier nicht als Islamist aktenkundig geworden. Er war auch nicht nach Syrien oder in andere Länder gereist, um dort als Dschihadist zu kämpfen.

Es gibt Hinweise, dass er sich in den Wochen vor dem Attentat zum radikalen Islamisten gewandelt hat. Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve sprach von einer "sehr schnellen" Radikalisierung. Eine Mitgliedschaft des Tunesiers im IS bestätigte er nicht. Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian sagte, die Extremisten hätten die Tat mit ihren Appellen aber womöglich inspiriert. Bislang gibt es offenbar keine Hinweise auf aktive Hilfe von IS-nahen Gruppen bei der Vorbereitung der Tat.

Nach allem, was bekannt ist, hat Bouhlel kein Schreiben oder Video mit Bezug auf sein Attentat vom 14. Juli hinterlassen. Berichte, wonach er kurz vor der Tat sein Konto leerte und 100.000 Euro an seine Familie in Tunesien schickte, bestätigten sich nicht.


Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels wurden Aussagen des vermeintlichen Pflichtverteidigers von Mohamed Lahouaiej Bouhlel zitiert. Der Jurist, ansässig in Nizza, hat seine Ausführungen zu Bouhlel aber offenbar frei erfunden. Tage nach dem Attentat musste er zugeben, Bouhlel niemals vor Gericht vertreten zu haben.

SPIEGEL TV Magazin (17.7.2016)


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