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15. Juli 2016, 17:39 Uhr

Nizza-Attentäter Bouhlel

Eigenbrötler, Vater, vorbestraft

Ein stiller Einzelgänger, gewalttätig, Familienvater: Über Mohamed Lahouaiej Bouhlel, den Attentäter von Nizza, werden Details bekannt. Auf eine politische oder religiöse Radikalisierung deutet wenig hin.

Wer ist der Mann, den niemand als möglichen Attentäter vermutet hätte - nicht die Geheimdienste, nicht die Nachbarn? Der trotzdem in Nizza mindestens 84 Menschen ermordet hat?

Klar ist bislang, dass Mohamed Lahouaiej Bouhlel 1985 geboren ist und tunesische Wurzeln hat. Die Polizei identifizierte ihn aufgrund persönlicher Papiere, die sie in dem Lastwagen fand, den er zum Tatwerkzeug machte. Den Ermittlungen zufolge handelte er allein, auch die Fingerabdrücke in dem Fahrzeug wurden ihm zugeordnet.

Der Mann soll im Nordosten von Nizza in einer Wohnung gelebt haben, berichtet die Zeitung "Nice-Matin". Die Staatsanwaltschaft ließ das Apartment am Freitagmorgen durchsuchen. Im Internet kursieren Bilder des Klingelschilds und aus dem Flur der Wohnung, an dessen Ende ein Computer zu sehen ist. Ob es sich tatsächlich um die Wohnung des Attentäters handelt, ist nicht zweifelsfrei belegt. Bouhlel war verheiratet und soll einen dreijährigen Sohn gehabt haben. Der BBC zufolge war er dreifacher Vater.

Nachbarn beschrieben ihn laut der Nachrichtenagentur AFP als stillen Einzelgänger. Er habe nie gegrüßt, wenn man sich im Treppenhaus über den Weg gelaufen sei. Ein Nachbar sagte, der 31-Jährige sei nicht offensiv religiös aufgetreten und habe häufiger kurze Hosen getragen. Eine Mieterin beschrieb Bouhlel als "gut aussehenden Mann", aber es habe sie geärgert, dass er ihre Töchter "zu sehr angestarrt" habe.

Der Polizei war er bereits bekannt. So soll wegen Eigentums- und Gewaltdelikten gegen ihn ermittelt worden sein. Erst im März stand er demnach wegen Körperverletzung vor Gericht und war wegen Waffengewalt zu sechs Monaten auf Bewährung verurteilt worden. Dabei ging es nach Angaben der französischen Behörden um einen Streit nach einem Verkehrsunfall, bei dem der Mann eine Holzpalette auf seinen Kontrahenten geworfen habe. Die Geheimdienste hingegen hatten ihn nicht registriert; dort sei er nicht als politisch radikalisiert eingestuft worden. Auf Twitter finden sich Berichte, nach denen der Täter angeblich "Allahu akbar" (Allah ist groß) gerufen haben soll. Dafür gibt es aber keine Bestätigung.

Der französische Präsident François Hollande hatte relativ schnell von einem "Terrorakt" gesprochen - doch bislang bekennt sich noch keine Organisation. Die Informationen zum Täter sind nicht eindeutig.

Tunesischen Sicherheitsbehörden zufolge stammte Bouhlel aus dem tunesischen Dorf Msaken, das er zuletzt vor vier Jahren besuchte. Auch dort war er den Sicherheitsbehörden nicht als radikalisiert bekannt. Die Regierung veröffentlichte ein Statement, in dem sie die Tat scharf verurteilte und ihre Solidarität mit Frankreich bekundete.

Den Lastwagen - einen weißen 19-Tonner - mietete er wenige Tage vor dem Anschlag in Saint-Laurent-du-Var, wie die Ermittler am Freitagnachmittag bestätigten. Bouhlel selbst soll als Lieferfahrer gearbeitet haben.

Die Polizei fahndet derzeit nach möglichen Komplizen oder Hintermännern. Seine Ex-Ehefrau befindet sich für Verhöre in Polizeigewahrsam. Die Behörden betonen aber, dass gegen sie nicht ermittelt werde.

Video: Der Anschlag in Nizza

vks/AFP

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