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Obama-Regierung gegen Fox News: Medienkrieg in Washington

Foto: Susan Walsh/ ASSOCIATED PRESS

Nobelpreis für Obama Friedensbote im Dauerkrieg

Das Nobelpreiskomitee hat nicht Barack Obama ausgezeichnet - das Gremium in Oslo belohnte die weltweite Sehnsucht nach Frieden. Die kann Obama unmöglich erfüllen, zumindest nicht friedlich. Denn der "permanente Krieg" gegen Drogen, Mafiosi und Terroristen ist Teil unserer modernen Wirklichkeit.
Von Gabor Steingart

Joseph Beuys hätte seine Freude an dieser Entscheidung des Nobelpreiskomitees gehabt. Der 1986 verstorbene Künstler ist der Erfinder des "erweiterten Kunstbegriffs", wonach nicht nur Maler und Bildhauer, sondern jedermann ein Künstler sein kann, auch der Politiker.

Er muss eine Idee von der künftigen, der besseren Gesellschaft besitzen, und diese mit "Willenskraft" und "intellektueller Denkfähigkeit" vorantreiben. Dadurch wirke der Politiker "plastizierend auf die Gesellschaft", weshalb Beuys auch von guter Politik als "Sozialer Plastik" sprach.

Obama ist so gesehen der ideale Preisträger. Er hat mit seiner Rede zur Schließung des Straflagers Guantanamo ("Unsere Ideale und Werte sind der beste Schutz für unsere nationale Sicherheit "), seinem Auftritt an der Kairoer Universität ("Der Kreislauf der Verdächtigungen zwischen der muslimischen und der westlichen Welt muss beendet werden.") und der Kundgebung im Stadtzentrum von Prag, als er eine Welt ohne Atomwaffen als sein Ziel beschrieb, jene Soziale Plastik geschaffen, von der Beuys träumte. Ihr Klangkörper erzeugt einen warmen Ton. Sie fasziniert Millionen.

Der Zeitpunkt der Preisverleihung kommt nicht zu früh, wie manche sagen, sondern gerade richtig. Der Blick auf die hehre Absicht wird noch durch keinen Kompromiss verstellt. Obamas Friedenssehnsucht steht klar und unverformt vor uns. Sie ist schön anzuschauen. Der Preis aus Oslo taucht sie in ein feierliches Licht.

Frieden als Kunstfigur ist uns zu wenig

Nun allerdings erwarten das Komitee (und wir alle), dass der Wortkünstler Obama diese Plastik zum Leben erweckt. Frieden als Kunstfigur ist uns zu wenig.

Kein Wunder, dass der Präsident weder mit Freude noch mit Genugtuung reagierte, als er sich am vergangenen Freitag im Rosengarten des Weißen Hauses bedankte. Der Preis beschwert ihn mehr als dass er ihn ehrt. Er treibt ihn zur Arbeit an.

Denn noch steht die Friedensplastik ziemlich steif im politischen Raum. Obama hat durch seine diplomatische Offensive zwar den Ton in den Auswärtigen Beziehungen verändert, aber noch nicht die Wirklichkeit.

Iran baut in einen Berg hinein eine Nuklearanlage. Nordkorea testet Atomraketen. Die Israelis treiben den Siedlungsbau voran. Der Taliban lässt sich mit Argumenten ohnehin nicht überzeugen, er lässt sich ja kaum fangen.

Der Krieg in Afghanistan sei nicht zu gewinnen, heißt es dann hierzulande oft. Spätestens da kommen wir ins Spiel, das Publikum. Es muss Teil der Plastik werden, wenn diese zum Leben erweckt werden soll.

Denn unser Begriff von Krieg und Frieden, das Denken in Sieg und Niederlage, Schmach und Ehre, Einmarsch und Abzug, passt nicht auf die neuzeitliche Auseinandersetzung mit einem globalen Terrorismus. Denn selbst wenn dieser Krieg nicht zu gewinnen ist, so darf er trotzdem nicht verloren werden.

Das hat der Krieg gegen den Terrorismus mit dem Krieg gegen die Mafia, dem Krieg gegen Drogen und dem gegen Menschenhandel gemein. Diese Kriege sind allesamt nicht zu gewinnen und müssen dennoch geführt werden.

Mehr Drogen, mehr Mafiosi und noch mehr Terroristen

Der Gegner wird im besten Falle behindert, zurückgedrängt oder eingedämmt. Es wird immer Drogen, immer Mafiosi und immer Menschenhändler geben. Der permanente Krieg - "The Forever War", wie ihn der "New York Times"-Reporter Dexter Filkins in seinem jüngsten Buch nennt - ist Teil der modernen Wirklichkeit.

Diese Wirklichkeit vergeht nicht, wenn wir uns von ihr abwenden. Im Gegenteil, sie wird als Ungeheuer zu uns zurückkehren. Wenn wir uns umdrehen, erkennen wir schon weitem die Fratze: mehr Drogen, mehr Mafiosi und noch mehr Terroristen.

Fragen von großer Ernsthaftigkeit warten schon in Kürze auf den US-Präsidenten: Muss der Krieg in Afghanistan und Pakistan ausgeweitet werden? Darf Amerika Iran bombardieren und sei es, um die Vision von der atomwaffenfreien Welt am Leben zu erhalten? Wie friedlich lässt sich Frieden schaffen?

Über Erfolg oder Misserfolg des Friedensnobelpreisträgers Obama entscheidet nicht nur er, sondern auch der Blick auf ihn. Wenn er Frieden nur friedlich schaffen darf, muss er scheitern. Wenn er Iran nur mit Worten vom Bau der Bombe abhalten darf, hat er kaum eine Chance.

Der Preis verlangt viel von Obama. Aber er verlangt auch viel von uns. Erst wenn Politiker und Publikum sich zu einer Sicht der Dinge vereinen, entsteht das, was Joseph Beuys das "Gesamtkunstwerk" nannte. Der Aktionskünstler sagte oft: "Die Soziale Plastik ist eine Kommunion."

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