Nomaden in Afghanistan Kampf mit Panzerfäusten um das Gras

Seit jeher ziehen Kamelnomaden, die Kuchi, durch Afghanistan. Nun aber stoßen die Wanderhirten auf Widerstand: Nach fast drei Jahrzehnten Krieg und langer Dürre veröden Wiesen und Weiden in dem Land am Hindukusch - Lebensraum und Nahrung der Nomaden werden knapp.

Von Joachim Hoelzgen


Hamburg - Den Präsidenten Hamid Karzai in Kabul beneiden weder Freund noch Feind um die Probleme seines Landes. Und nun kommen auch noch die Kuchi, ein Volk von Kamelnomaden, die in Afghanistan Weidegründe für die Wüstenschiffe suchen – und dazu für große Herden von Schafen und Ziegen.

Kuchi sind von Haus aus Afghanen, die mit ihren Tieren jedes Jahr dem Winter am Hindukusch in das benachbarte Pakistan und bis in die chinesische Region Xinjiang entfliehen. Dann, jeweils zu Beginn des Frühjahrs, beladen sie ihre Kamele wieder mit Zelten aus Jute, mit Brennholz, Seilen und Kochgeschirr, um wie in biblischen Zeiten in das Herzland Asiens – Afghanistan - zurückzukehren.

Oft gehen Kuchi-Frauen dem Treck voran, auffallend mit ihrer dunkelrot und goldfarbig bestickten Kleidung. Doch überall bei dem Umherziehen leben die Kuchi am Rand der Gesellschaft und des menschlichen Normalzustands.

Die Wanderhirten gehören in der Fremde nirgendwohin und niemanden an – und nun zieht sich auch in Afghanistan der Lebensraum für sie bedenklich zusammen. Nach fast drei Jahrzehnten Krieg und stets neuen Dürreperioden ist in den dortigen Provinzen ein großer Teil der Acker- und Weideflächen verödet. Viele Menschen hungerten im Winter.

Viehfutter statt Brot

Nahe der alten Festungsstadt Ghazni war die Not in einem Distrikt so groß, dass die Menschen Luzerne, ein Viehfutter, verzehrten, meldete der Uno-Nachrichtendienst Irin. All das bedeutet für die Kuchi nichts Gutes. Sie stoßen bei der alljährlichen Wanderung nach Zentralafghanistan auf Misstrauen und immer häufiger auf Widerstand.

Im dortigen Hochland, dem sogenannten Hazarajat, lebt das Volk der Hazara, das von den Mongolen abstammt. Weil seine Bevölkerung wächst, beansprucht es die Wiesen und Weiden für sich und will sie nicht länger mit den Kuchi teilen.

Ende März waren mehr als 1000 Hazara nach Kabul gereist, um gegen die herannahenden Kuchi-Karawanen zu protestieren. Polizisten mussten die Demonstranten mit Schlagstöcken in Schach halten. Die aber riefen "Nieder mit den Kuchis" und kündigten an, die Nomaden "mit allen Mitteln" von den Weiden ihres Hochlands fernzuhalten.

Die Hazara machen sich durchaus zu Recht Sorgen. Denn voriges Jahr, auf dem Höhepunkt der Weidezeit im Juli, griffen bewaffnete Kuchi von den Bergen her den östlichen Distrikt Behsood an und vertrieben dort die Bewohner von Dörfern. Die Aggressoren hatten im Stil der Taliban Panzerfäuste abgefeuert und töteten ein Dutzend Menschen.

Unterdrückt und eingekesselt

Auf dem Hochland der Hazara rollen sich die Weiden aus wie afghanische Teppiche. Doch bei dem Konflikt mit den Kuchi geht es nicht nur um den Rohstoff Gras. Auch die alte Feindschaft zwischen Schiiten und Sunniten treibt die Kontrahenten an.

Die Hazara gehören der schiitischen Glaubensrichtung an und sprechen einen Farsi-Dialekt, in dem türkische und mongolische Wörter vorkommen. Die Kuchi dagegen sind Sunniten und zählen zur größten Bevölkerungsgruppe in Afghanistan - den Paschtunen, von denen sich die Hazara schon seit Jahrhunderten unterdrückt und eingekesselt fühlen.

Nun, mit dem Kampf um die Weiden, würden die Kuchi diese unheilvolle Tradition fortführen, meinte bei der Demonstration in Kabul Ali Orfani, ein Anführer der Hazara. Kuchi-Älteste dagegen werfen den Hazara vor, gegen alte Normen und Gesetze zu verstoßen. "Sie verweigern uns den Zugang zur Grundlage unserer Existenz," grollt ihr Sprecher Abdul Ghani.

Die Wanderhirten geben ihre Zelte auf

Da sie umherziehen, wähnen sich die Kuchi vom Rest der Welt geschnitten und vergessen. Von der internationalen Hilfe für Afghanistan erhalten sie pro Kopf nur ein Almosen von nicht einmal einem halben Dollar, während sonst 60 Dollar für jeden Afghanen ausgeschüttet werden, hat das Finanzministerium in Kabul laut Irin errechnet.

Immerhin aber kümmert sich Präsident Karzai, der selber Paschtune ist, um die Kuchi. Er hat ihnen fahrbare Mini-Hospitäler zur Betreuung der Kranken versprochen und Schulen auf Rädern. Doch Versprechungen sind in Afghanistan eine flüchtige Sache ähnlich dem lautlosen Wind, der über die Wiesen und Weiden weht. Viele der Kuchi haben sich deshalb vom Nomadendasein abgewandt und die Zelte gegen Lehmhütten getauscht. Von etwa drei Millionen Menschen, die dem kleinen Volk der Wanderhirten angehören, soll mehr als die Hälfte mittlerweile sesshaft sein. In Kabul ist sogar von der Gründung ganzer "Kuchi-Städte" die Rede.

Stolze Kamelnomaden wollen davon nichts wissen. Sie glauben, dass Gott die Kuchi geschaffen habe, damit sie Tiere halten und durch Täler und über die Berge ziehen – bis an ihr Lebensende.



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