Nord-Afghanistan Taliban steinigen Paar nahe Bundeswehrlager

Eine grausame Strafaktion der Taliban zeigt, wie wenig Einfluss Bundeswehr und lokale Polizei rund um Kunduz nur noch haben. Die Aufständischen haben in aller Öffentlichkeit ein junges Paar wegen "unsittlichen Verhaltens" gesteinigt. Tatort: ein Marktplatz nur eine Stunde vom deutschen Camp entfernt.
Von Matthias Gebauer und Shoib Najafizada
Taliban vor einem ausgebrannten Bundeswehrfahrzeug nahe Kunduz: Die Aufständischen dehnen ihre Macht immer weiter aus

Taliban vor einem ausgebrannten Bundeswehrfahrzeug nahe Kunduz: Die Aufständischen dehnen ihre Macht immer weiter aus

Foto: STRINGER/AFGHANISTAN/ REUTERS

Die Stimme am anderen Ende der Telefonleitung klingt sonor und ruhig, fast als ob sie über einen normalen Verwaltungsvorgang spricht. "Wir haben der Bevölkerung eine Lehre erteilt", sagt der Mann, "nun wissen sie, was passiert, wenn man gegen die Regeln des Koran verstößt."

Kunduz

Maulawi Emamuddin nennt sich der Mann. Die meisten in der Region rund um das nordafghanische kennen ihn als den Taliban-Schattengouverneur von Dasht-i-Archi. Er hat hier das Sagen, seine Kämpfer haben die Kontrolle - nicht die Kabuler Regierung, die afghanische Polizei oder die in Kunduz stationierte Bundeswehr.

Dasht-i-Archi liegt nur eine Autostunde nordwestlich des deutschen Camps.

Taliban

Was Emamuddin verkündet, hat sich am Sonntagnachmittag auf dem belebten Markt von Mullah Qolie zugetragen. Rund hundert waren mit Motorrädern und ihren umgehängten Waffen in das Dorf gekommen. Sie brachten zwei Gefangene mit: den 28-jährigen Abdul Qayom und die 20-jährige Sedeqa.

Der verheiratete Mann und die junge Frau hatten angeblich eine Liebesbeziehung. Anwohner berichten, die Taliban hätten das junge Paar seit Tagen gesucht - wegen ihrer "unsittlichen Beziehung". Obwohl die beiden mehrmals das Versteck gewechselt hatten, wurden sie schließlich von den Taliban entdeckt.

Es war ihr Ende. Beide starben wenig später auf dem Marktplatz von Mullah Qolie. Sie wurden von den Taliban öffentlich gesteinigt.

Viel zu wenig Polizisten für die Kontrolle der Provinz

Der Polizeichef der Region Dash-i-Archi schildert den Fall knapp und nüchtern: Er verfüge über nur wenige Männer, die gerade mal die Polizeistation bewachen könnten. Der Rest des Distrikts sei unter der Kontrolle der Taliban. Folglich konnten die Aufständischen auf dem Marktplatz völlig ungestört agieren. Zuerst habe ein Kommandeur eine Erklärung verlesen. Dann hätten die Kämpfer mit der blutigen Hinrichtung begonnen.

"Das Paar wurde eine Stunde lang gesteinigt", berichtet Hamid Agha, "und da die junge Frau noch nicht tot war, richteten sie die Taliban am Ende mit einem Kopfschuss hin." Zwar kenne er mehrere Kämpfer aus der Gruppe, doch ausrichten könne er nichts gegen sie.

Afghanistans

Die grausame Bluttat in der Provinz Kunduz illustriert auf schaurige Weise die Entschlossenheit der Taliban, ihre Macht mit symbolischen Gewaltakten zu beweisen. Ziel ist es, Angst und Schrecken unter der Bevölkerung zu verbreiten. Früher kannte man solche Rituale nur aus dem Süden oder dem Osten . Mittlerweile aber haben die Radikalislamisten ihren Einfluss auf den Norden ausgeweitet.

Die lokalen Behörden reagieren mit einer Mischung aus Hilflosigkeit und Wut auf den brutalen Mord an dem Paar. "Eine außereheliche Beziehung verstößt zwar gegen islamisches Recht", sagt der Sprecher des Provinzgouverneurs Mohammed Omar, "doch solche Taten müssen vor Gericht bestraft werden." Der Regierung aber stünden viel zu wenig Polizisten für die Kontrolle der Provinz zur Verfügung.

Die Region ist für die Bundeswehr eine "No-go-Area"

Und die internationalen Truppen? Da sieht die Lage ähnlich aus. Zwar hat die Bundeswehr rund 1400 Soldaten in Kunduz stationiert. Doch der Distrikt Dasht-i-Archi gilt - von gutgeplanten Operationen abgesehen - als "No-go-Area" für die Deutschen. Zu groß ist das Risiko für Patrouillen in Konvois oder gar zu Fuß.

Folglich haben die Taliban die Region in den vergangenen Monaten praktisch komplett übernommen.

Die Berichte aus Kunduz erinnern an die Zeit vor der von den USA angeführten Invasion in Afghanistan. Nun, neun Jahre später, etablieren sich vielerorts die gleichen Herrschaftssysteme der Taliban wie damals. Mit rücksichtsloser Gewalt wollen sie die Bevölkerung einschüchtern. Erst kürzlich peitschten Taliban in Badghis eine schwangere Witwe wegen Ehebruchs erst öffentlich aus und erschossen sie dann.

Für die Taliban sind die Rituale ein simples Mittel zur Ausweitung ihres Einflusses. Sie wissen genau, dass sich die Berichte über Steinigungen, Auspeitschungen, Mord und Totschlag schnell herumsprechen. Ganz ähnlich haben sie nach dem Rückzug der Sowjets ihre Herrschaft aufgebaut.

Nun, da auch die westlichen Armeen ihren Abzug angekündigt haben, weiten sie ihr Schreckensregime aufs Neue aus.