Nordafghanistan Bundeswehr verstrickt sich in Kämpfe gegen die Taliban

Es ist die größte Operation der Deutschen in Afghanistan: 300 Soldaten unterstützen 1200 einheimische Militärs bei einer Offensive gegen die Taliban. Dabei werden auch Geschütze, Kampfbomber und Predator-Drohnen eingesetzt.

Von und Shoib Najafizada


Berlin/Kabul - Verteidigungsminister Franz-Josef Jung (CDU) wollte eigentlich nicht nur über Afghanistan sprechen. Bei seiner Bilanz-Pressekonferenz zu den vergangenen vier Jahre stand aber ein Thema im Mittelpunkt: Der Kampfeinsatz der Deutschen im Norden des Landes, den Jung noch immer nicht Krieg nennen will.

Schützenpanzer "Marder": Die Wahl der schärferen Waffen
DDP

Schützenpanzer "Marder": Die Wahl der schärferen Waffen

Wie SPIEGEL ONLINE und die "FAZ" bereits Anfang der Woche berichtet hatten, unterstützen die Deutschen eine großangelegte Offensive der afghanischen Streitkräfte gegen die Taliban in ihrer Hochburg Chahar Darrehim Südwesten der Stadt Kunduz, in der die Bundeswehr stationiert ist. Dabei kam es zu Anfang zu heftigen Gefechten.

Die Operation hatte nach Angaben der afghanischen Streitkräfte am Sonntag begonnen. Murad Ali Murad, Oberkommandierender der Afghanen, sagte, mit der Offensive sollte die Region von Taliban "gereinigt" werden, um einen reibungslosen Ablauf der afghanischen Präsidentschaftswahlen zu ermöglichen. Demnach gehe man von "Dorf zu Dorf und Haus zu Haus", um nach Aufständischen und Waffen zu suchen. "Wir hören erst auf, wenn die Taliban verschwunden sind", so der General.

16 getötete Taliban

Vor allem am Sonntag kam es bei der Mission zu heftigen Feuergefechten. Insgesamt wurden dabei nach afghanischen Angaben 16 Taliban getötet, vier afghanische Soldaten kamen ums Leben, mehrere Polizisten wurden durch Angriffe und Sprengfallen verletzt. Die Bundeswehr erschoss bei einem tragischen Zwischenfall an einem Checkpoint am Rand des Gefechtsgebiets einen Jugendlichen, nachdem dessen Wagen trotz Warnschüssen nicht anhielt.

Die Deutschen unterstützen die Afghanen mit etwa 300 Mann der Schnellen Eingreiftruppe QRF. Vor allem bei der Aufklärung und der Sicherung rund um die Gefechtsgebiete helfen sie aus. Dabei wurde ein gepanzerter "Dingo" beschossen. Raketen der Taliban zielten auf das deutsche Lager in Kunduz. Am Sonntag feuerten sie fünf, am Montag noch mal zwei Raketen ab. Eine davon traf den Randbereich des Lagers, es kam zu keinen Schäden.

Die Operation wird zwar hauptsächlich von afghanischen Soldaten durchgeführt, bedeutet aber für die Bundeswehr einen weiteren Schritt hin zu einer Kampfmission gegen die Taliban, die ihre Angriffe gegen die Deutschen in den vergangenen Monaten massiv verstärkt haben.

Abschreckungseffekt für die Taliban

Auch wenn im Verteidigungsministerium offiziell niemand von Krieg sprechen will, waren die Zwischentöne bei Jungs Pressekonferenz vielsagend. Die Lage habe sich "negativ entwickelt", erklärte der Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan, deshalb sei es nun an der Zeit gewesen, "diese Eskalation vorzunehmen". Das Ziel der Mission: Man wolle bei den Taliban "einen Abschreckungseffekt" erzielen.

Solches Vokabular war noch zu Beginn des Jahres absolut tabu.

Jung und Schneiderhan versuchten, der Lage etwas Positives abzugewinnen. Mehrmals erwähnten sie, es sei ein Erfolg, dass die von der Bundeswehr ausgebildeten afghanischen Truppen in der Lage seien, eine solche Operation zu führen. Die Kooperation mit den Deutschen funktioniere.

Aber längst ist auch die Bundeswehr wesentlich offensiver geworden. Erstmals kamen bei der Mission die kürzlich von Masar-i-Sharif nach Kunduz verlegten "Marder"-Schützenpanzer zum Einsatz, die über eine starke Feuerkraft verfügen. Ein Panzer schoss am Sonntag einmal auf eine gegnerische Stellung. Dreimal schossen die Deutschen Mörsergranaten auf die Rückzugsorte der Taliban ab.

Bomben und Raketen aus der Luft

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE feuerten Isaf-Kampfflugzeuge erstmals in Nordafghanistan scharfe Raketen ab. Die Unterstützung aus der Luft war in dem Gebiet bislang Tabu. Grund: Die USA stehen wegen zahlreicher Opfer unter der Zivilbevölkerung bei Luftangriffen in der Kritik. Bisher forderten die Deutschen bei Gefechten mit den Taliban zwar Kampfjets an, Bomben wurden jedoch nicht abgeworfen. Es reiche oft aus, so die bisherige Linie der Militärs, wenn die Jets in niedriger Höhe über die Einsatzorte donnern und dabei Leuchtmunition abfeuern.

Am Sonntag hingegen kam der Befehl zum Einsatz von scharfen Waffen. Durch Raketen und Feuer aus der Bordkanone von Isaf-Jets wurden nach Informationen von SPIEGEL ONLINE fünf Taliban getötet und zwei schwer verletzt. Die Bundeswehr betont jedoch, dass es bei dem Angriff nicht zu sogenannten Kollateralschäden gekommen sei.

Afghanen wollen weitere Operationen vor der Wahl

Auch Drohnen der US-Armee waren im Einsatz. So feuerte eine der für ihre tödlichen Angriffe im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet bekannten "Predator"-Drohnen am Sonntag eine "Hellfire"-Rakete auf eine feindliche Stellung der Taliban nahe Kunduz ab, nachdem von dort aus MG-Feuer und Panzerfäuste kamen. Über Opfer wurde nichts bekannt. Bisher hatte die Bundeswehr die Drohnen nur angefordert, um aus der Luft entdeckten Sprengfallen zu eliminieren.

Wie lange die Mission bei Kunduz noch dauern soll, ist unklar. Generalinspekteur Schneiderhan sprach von "ungefähr einer Woche". General Murad hingegen sagte SPIEGEL ONLINE, die afghanischen Kräfte wollten nach Ende der Mission in andere Gebiete rund um Kunduz vorrücken, die als Verstecke von Taliban gelten. "Schon in der nächsten Woche werden wir weitere Operationen beginnen und hoffen auf die Unterstützung durch die Deutschen", sagte Murad heute per Telefon aus Kunduz.



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