Nordafghanistan Straßenkämpfe und Plünderungen in Kundus

Nach der Einnahme der nordafghanischen Stadt Kundus durch die Nordallianz liefern sich versprengte Trupps der Taliban noch immer Straßenkämpfe mit den Eroberern. Auch die Revolte der gefangenen Taliban-Kämpfer in Masar-i-Scharif ist noch nicht niedergeschlagen.


Kämpfer der Nordallianz bei Kundus: Beutezug der Sieger
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Kämpfer der Nordallianz bei Kundus: Beutezug der Sieger

Kundus – Nach dem Einmarsch in der letzten Taliban-Bastion in Nordafghanistan hat es am Montag noch vereinzelte Gefechte in der 100.000-Einwohner-Stadt Kundus gegeben. Ein Sprecher der Nordallianz, Rahman Ali, sagte, seit Sonntagabend seien dabei 100 Taliban-Kämpfer - sowohl afghanische als auch ausländische - getötet worden. Die eigenen Verluste bezifferte er auf zehn Mann.

Gefechte gab es auch in Stadtteilen, in der die Allianz sich sicher gewähnt hatte. Auf einer als gesichert geltenden Hauptstraße wurde ihr Kommandeur Mullah Sabar von Taliban erschossen, sagte Ali. Vier Soldaten in Sabars Begleitung seien verwundet worden. Einer Gruppe arabischer Bin-Laden-Gefolgsleute gelang nach Alis Angaben in der Nacht der Ausbruch aus dem Belagerungsring um Kundus. Sie seien in dem Dorf Chardara gestellt worden; alle Fluchtwege seien blockiert.

Soldaten der Nordallianz gingen am Montag von Haus zu Haus, um nach Taliban-Kämpfern zu suchen. Sie verbanden das mit einem Beutezug; bevorzugt beschlagnahmten sie alle fahrbereiten Fahrzeuge. Viele begnügten sich nicht mit einem Auto, sondern nahmen gleich noch eins in Schlepptau. Einer kettete gleich vier aneinander und fuhr davon.

Unterdessen wagten sich auch wieder Zivilisten aus ihren Häusern. Die Taliban hätten in der zweiwöchigen Belagerung ein Ausgehverbot verhängt, sagte ein Ladenbesitzer, Nick Mohammed. Jeder, der dennoch hinaus gegangen sei, sei zusammengeschlagen worden. Allerdings hätten alle während der Kämpfe auch große Angst gehabt. "Wir sind jetzt sehr glücklich", sagte Mohammed weiter. "Unser Leben wurde vor der Bedrohung der Taliban gerettet."

Die Allianz hatte am Sonntagnachmittag erklärt, sie habe die Kontrolle über die Stadt übernommen. Rund 5 000 afghanische Taliban hätten sich ergeben und wie in den Kapitulationsverhandlungen vereinbart Straffreiheit erhalten, sagte ein Berater von General Raschid Dostum, Alim Rasim. 750 Kämpfer seien verhaftet worden, die man für ausländische Söldner halte. Ihre Identität werde überprüft und Söldner aus arabischen Ländern, Pakistan und Tschetschenien würden vor Gericht gestellt. Die ausländischen Söldner gelten als Gefolgsleute des mutmaßlichen Terroristenführers Osama bin Laden.

Gefangenenrevolte geht weiter

Auch die Revolte von gefangenen Taliban-Kämpfern in der nordafghanischen Stadt Masar-i-Scharif in der als Gefängnis dienenden Festung ist noch nicht beendet. Ein führender Vertreter der Nordallianz, Abdul Wahid, sagte der BBC am Montag, einige der Gefangenen leisteten immer noch Widerstand. Vertreter des Roten Kreuzes, die zur Bergung der Opfer in die Festung fahren wollten, mussten wegen Gewehrfeuers 500 Meter vorher umkehren, berichtete die BBC. Die Nordallianz habe Journalisten den Zugang zu dem Gefängnis verboten.

Am Sonntag hatte es geheißen, bei der blutig niedergeschlagenen Revolte könnten mehrere hundert Gefangene ums Leben gekommen sein. Rund 500 meist ausländische Taliban-Söldner, die sich am Samstag in der umkämpften Stadt Kundus ergeben hatten, waren in die Gefängnis-Festung außerhalb von Masar-i-Scharif gebracht worden. Beim Ausbruchversuch hätten sie Handgranaten gezündet und etwa 100 Bewacher überwältigt.

Laut BBC hielten im Südflügel der Festung auch am Montag noch Kämpfer aus. Der Vertreter der Nordallianz bestritt gegenüber der BBC, dass die Gefangenen "systematisch umgebracht" würden. Die Nordallianz werde sich an ihre "internationalen Verpflichtungen" halten und die Gefangenen nach ihrer Entwaffnung möglicherweise an die Vereinten Nationen übergeben, sagte Wahid.



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