Nordafghanistan Regierungstruppen vertreiben Taliban aus Kunduz

Spezialkräfte der afghanischen Regierung haben das Stadtzentrum von Kunduz wieder unter Kontrolle gebracht. Bei der Überraschungsoperation wurden viele Taliban-Kämpfer getötet. Die Armee sucht jetzt Haus für Haus nach den Rebellen ab.
Von Matthias Gebauer und Shoib Najafizada
Nordafghanistan: Regierungstruppen vertreiben Taliban aus Kunduz

Nordafghanistan: Regierungstruppen vertreiben Taliban aus Kunduz

Foto: Ajmal Omari/ dpa

In einer Überraschungs-Operation haben Spezialeinheiten der afghanischen Armee in der Nacht zum Donnerstag das Zentrum von Kunduz wieder unter ihre Kontrolle gebracht - offenbar dauern die Gefechte aber weiter an. "Das Stadtzentrum ist frei von Taliban, wir haben alle Regierungsgebäude und die Polizeizentrale zurückerobert", hatte Sarwar Husseini, Polizeisprecher in Kunduz SPIEGEL ONLINE am Donnerstagmorgen zunächst per Telefon berichtet. In den Außenbezirken von Kunduz werde aber immer noch gekämpft.

Später wurde klar: Offenbar hatten sich Dutzende Taliban während des Vormarsches der Spezialkräfte in der Nacht in Wohnungen versteckt. Anwohner berichteten, die Armeeeinheiten gingen von Haus zu Haus, mehrmals sei es zu Schießereien mit entdeckten Kämpfern gekommen. Gegen 11 Uhr morgens kreisten auch wieder Hubschrauber über der Stadt und feuerten Raketen auf Verstecke der Taliban ab, die sich dort verschanzt hatten. "Wir werden für die Suche noch eine Weile brauchen", sagte Polizeisprecher Husseini über die aktuelle Lage.

Bisher ist die Lage in Kunduz noch nicht genau einzuschätzen. Laut afghanischen Regierungsvertretern, die sich in den vergangenen Tagen am Flughafen von Kunduz in Sicherheit gebracht hatten, hatten mehrere Hundert von den Nato-Truppen trainierte afghanische Spezialeinheiten am Mittwochabend gegen 21 Uhr (Ortszeit) einen Vormarsch in die Stadt begonnen. Dabei sei es zunächst zu schweren Gefechten mit den Taliban gekommen, dann aber hätten sich die Kämpfer zurückgezogen.

Ein Einwohner von Kunduz sagte SPIEGEL ONLINE, von Mittwochabend an sei in den Straßen von Kunduz stundenlang gekämpft worden. "Die ganze Nacht hörten wir heftiges Gewehrfeuer aber auch mehrere Hubschrauber, die aus der Luft feuerten", so der Mann, der seinen Namen nur mit Omid angab. Erst am Morgen habe er sich aus dem Haus getraut, da sei die Polizei schon wieder auf den Straßen gewesen. Über der Stadt stünden dunkle Rauchschwaden.

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Nordafghanistan: Der Kampf um Kunduz

Foto: STRINGER/AFGHANISTAN/ REUTERS

Leichen auf den Straßen von Kunduz

Ein Sprecher des Innenministeriums hatte am frühen Morgen via Twitter mitgeteilt, die Taliban seien am Donnerstag in den frühen Morgenstunden aus der Stadt im Norden des Landes vertrieben worden. Der Gegner habe schwere Verluste erlitten. Er kündigte für den Vormittag weitere Details an.

Ein afghanischer Journalist, der nach dem Einsatz mit afghanischen Einheiten in die Stadt gefahren war, berichtete SPIEGEL ONLINE per Telefon von vielen Leichen auf den Straßen von Kunduz. Noch immer aber seien aus den Außenbezirken Gewehrfeuer und Explosionen zu hören, so der Reporter. Vor allem im Norden der Stadt, wo die Taliban noch am Mittwoch einen strategisch wichtigen Hügel erobert hatten, werde weiter heftig gekämpft.

Die Taliban hatten Anfang der Woche die Kontrolle im Zentrum von Kunduz übernommen, waren mit Hunderten Kämpfer in die Stadt vorgerückt und hatten Regierungsgebäude geplündert aber auch die Zentralen der Uno, des Roten Kreuzes oder der deutschen Entwicklungshilfeagentur GIZ. Anwohner berichteten zudem von Standgerichten auf den Straßen, auch seien Regierungsmitarbeiter exekutiert worden, teilweise mit ihren Familien zusammen.

Die afghanischen Sicherheitskräfte waren von dem Angriff der Islamisten völlig überrascht worden und zogen sich kampflos zum außerhalb von Kunduz liegenden Flughafen zurück. Viele der Soldaten waren noch im traditionellen Eid-Urlaub, auch die meisten Kommandeure waren nicht auf ihrem Posten.

Die Regierung entschuldigt sich

Dass die Taliban in der Lage waren, die Kontrolle in Kunduz zu übernehmen, war eine schwere Niederlage der afghanischen Sicherheitskräfte, die seit dem Abzug der internationalen Kampftruppen auf ihren eigenen Beinen stehen müssen. Die afghanische Regierung hat sich mittlerweile für ihr Versagen entschuldigt, zumal es offenbar deutliche Warnungen vor einer Offensive der Taliban gab.

Tagelang wirkten Regierung und Armee völlig ratlos. Erst am Mittwoch dann wurden Hunderte Spezialkräfte aus Kabul in den Norden geflogen und hastig eine Operation geplant. Die Soldaten sind jahrelang von ausländischen Beratern trainiert worden, eine solche Einheit wurde vom deutschen Kommando Spezialkräfte (KSK) lange begleitet. Im Gegensatz zum Rest der afghanischen Armee gelten die Spezialkräfte als bestens ausgerüstet und hoch motiviert.

Wie stark die Afghanen bei ihrer Operation von ausländischen Truppen unterstützt worden sind, war am Donnerstagmorgen unklar. Die USA hatten in den vergangenen fünf Tagen insgesamt fünf Luftangriffe über Kunduz geflogen. Vor allem als die Taliban immer näher an den Flughafen vorrückten, warfen US-Jets mehrere Bomben ab. US-Spezialeinheiten berieten ihre afghanischen Kameraden zudem taktisch, begleiteten sie aber auch teilweise in die Kämpfe.


Zusammengefasst : Afghanischen Sicherheitskräften ist es - auch mit Hilfe der USA - gelungen, die Taliban aus Kunduz zu vertreiben. Die Kämpfe am Rand der Stadt dauern noch an. Die Regierung hat sich dafür entschuldigt, dass es überhaupt zur Offensive der Taliban gekommen ist.

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