Nordirland Britischer Sinn-Fein-Agent ermordet

Mysteriöser Mord im Agentenmilieu: Denis Donaldson, ein früherer hoher Vertreter der nordirischen Sinn-Fein-Partei, ist erschossen aufgefunden worden. Der Mann hatte viele Feinde - erst kürzlich war er als Informant des britischen Geheimdienstes enttarnt worden.


Dublin - Der frühere Parteimanager der katholischen Sinn Fein hatte im Dezember eingeräumt, auf der Gehaltsliste des britischen Secret Service gestanden zu haben. 20 Jahre lang habe er für die Regierung in London gearbeitet, gab Donaldson damals zu. In einer schwachen Stunde habe er sich in den achtziger Jahren vom britischen Geheimdienst anwerben lassen. Für seine Spitzeldienste habe er Geld bekommen, sagte der 55-Jährige. Kurz nach seiner Enttarnung tauchte er unter. Denn schon damals gingen Beobachter davon aus, dass er nun in Lebensgefahr schwebe - möglicherweise mit einer größeren Bedrohung von britischer denn von irischer Seite aus. In einem kurzen Statement erklärte die IRA denn auch am Abend, in keiner Weise mit dem Tod Donaldsons in Verbindung zu stehen. 

Über den Tod berichtete heute der britische Sender Sky-TV. Seine Leiche sei im irischen Bezirk Donegal gefunden worden. Der Politiker sei durch mehrere Schüsse in den Kopf getötet worden, meldete die BBC. Seine Leiche habe in der Nähe eines Bauernhauses gelegen, in das sich Donaldson zurückgezogen habe. Nähere Umstände und Hintergründe sind bisher nicht bekannt. Die Polizei erklärte, es sei noch unklar, ob er sich selbst das Leben genommen habe oder einem Verbrechen zum Opfer gefallen sei. Der irische Ministerpräsident Bertie Ahern sprach jedoch von einem "brutalen Mord".

Sinn Fein steht der irischen Untergrundorganisation IRA nahe. Die Partei setzt sich für ein Ende der britischen Präsenz in Nordirland und eine Vereinigung der Provinz mit der Republik Irland ein. Donaldson war in den siebziger Jahren als IRA-Attentäter verurteilt worden und hatte gemeinsam mit dem heutigen Sinn-Fein-Parteichef Gerry Adams im Gefängnis gesessen.

Adams betonte am Dienstagabend, er habe keine Ahnung, wer für die Schüsse verantwortlich sei. Die Täter müssten verurteilt werden: "Wir leben jetzt in einer anderen Zeit, und diejenigen, die die Schüsse abgefeuert haben, scheinen das nicht akzeptieren zu wollen", sagte er unter Anspielung auf die früher häufigen Mordanschläge von pro-irischen und pro-britischen Gruppen in Nordirland.

Donaldsons Spionagetätigkeit kam im Zuge der sogenannten Stormont-Gate-Affäre ans Licht. Er war vor drei Jahren zeitweise verhaftet und angeklagt worden, einen Spionagering der IRA in der britischen Nordirlandverwaltung aufgebaut zu haben. Die Katholiken sollten angeblich die Protestanten im Parlamentssitz Schloss Stormont ausgespäht haben. Nur wenige Tage nach den Vorwürfen wurde die nordirische Koalitionsregierung aufgelöst. Seit damals wird die Provinz wieder von britischen Politikern regiert.

Im vergangenen Dezember wurde die Anklage gegen Donaldson plötzlich fallen gelassen. Die Ermittlungen "lägen nicht im öffentlichen Interesse", hieß damals die lapidare Erklärung. Als Donaldson von Verbindungsagenten vor seiner bevorstehenden Enttarnung gewarnt wurde, ging er in die Offensive und bekannte sich zu seinen Agentendiensten. 

ler/Reuters/AP/dpa



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