Festnahme von Gerry Adams "Ich weiß, wer meine Mutter umgebracht hat"

Sie war zehnfache Mutter, ihre Leiche wurde erst 30 Jahre nach ihrem Tod entdeckt: Im Zusammenhang mit dem IRA-Mord an Jean McConville ist nun Gerry Adams festgenommen worden. Der Sinn-Fein-Präsident beteuert seine Unschuld.

Sinn-Fein-Präsident Gerry Adams: "Ich bin unschuldig"
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Sinn-Fein-Präsident Gerry Adams: "Ich bin unschuldig"


Jean McConville war 37, als sie abgeholt wurde. Eine Gruppe IRA-Kämpfer kam im Dezember 1972 in ihre Wohnung in Belfast und zerrte sie nach draußen. Ihre zehn Kinder sollten die Mutter nie wiedersehen. Ihre Leiche tauchte erst dreißig Jahre später auf, sie wurde zufällig an einem Strand entdeckt. Eine Obduktion ergab, dass McConville erst übel malträtiert und dann mit einem Schuss in den Hinterkopf exekutiert worden war.

Die IRA bekannte sich erst 1999 zu dem Mord. Conville sei eine Informantin der britischen Besatzer gewesen, ihr Verschwinden daher ein legitimer Akt im nordirischen Bürgerkrieg, argumentierte die nationalistische Untergrundorganisation. Diese Behauptung stellte sich später als falsch heraus. McConvilles Zusammenarbeit mit den Briten bestand offensichtlich einzig und allein darin, einem verwundeten britischen Soldaten geholfen zu haben. Das hatten die Nachbarn in dem katholischen Viertel beobachtet und der IRA gemeldet.

McConvilles Kinder kämpfen seit Jahren für die Aufklärung des Mordes. Am Mittwochabend nun konnten sie einen symbolischen Erfolg feiern. Gerry Adams, Präsident der Partei Sinn Fein, die als politischer Arm der IRA entstanden war, wurde von der Polizei befragt. Der Politiker war freiwillig auf der Wache in Antrim erschienen, um seine Aussage zu machen.

Adams beteuert Unschuld

Ehemalige IRA-Kämpfer hatten Adams belastet. Er soll in seiner Zeit als IRA-Kommandeur McConvilles Verschwinden angeordnet haben. Adams hingegen bestreitet, überhaupt Mitglied der IRA gewesen zu sein. "Ich bin unschuldig an der Entführung, der Tötung und der Beerdigung McConvilles", teilte der 65-Jährige mit.

Die Vorwürfe gegen Adams sind bereits seit 2008 bekannt. Dass die Polizei erst jetzt tätig wurde, hängt mit einem besonderen Forschungsprojekt zusammen. Im Rahmen des Boston College Belfast Project befragen US-Forscher frühere IRA-Kämpfer und protestantische Milizen zu ihren Handlungen in dem dreißigjährigen Bürgerkrieg. Die Bedingung aller Beteiligten: Ihre Aussagen werden erst nach ihrem Tod veröffentlicht.

2008 nun war Brendan Hughes gestorben, der ehemalige IRA-Kommandeur von Belfast. Er hatte zu Protokoll gegeben, dass Adams ein IRA-Anführer war und das Verschwinden McConvilles angeordnet hatte. Die explosive Nachricht fand umgehend den Weg in die Medien. Doch die nordirische Polizei musste sich den Zugang zu den Dokumenten erst vor US-Gerichten erstreiten. Seit sie die Aufzeichnungen vorliegen haben, sind die Ermittler in den vergangenen Monaten tätig geworden.

Im März nahmen sie den 77-jährigen IRA-Veteranen Ivor Bell fest. Er wurde der Beihilfe zum Mord an McConville angeklagt. Es folgten fünf weitere Festnahmen - und nun Adams. Sein früherer Kampfgenosse Hughes ist nicht der einzige, der ihn belastet. Auch Dolours Price, die an der Entführung McConvilles beteiligt war, hatte vor ihrem Tod 2013 Adams als Auftraggeber benannt.

Wie viel Wahrheit verträgt das Volk?

Es ist unklar, was die Ermittler gegen Adams in der Hand haben. Sollten sie dem Sinn-Fein-Präsidenten tatsächlich etwas nachweisen können, würde dies das sorgfältig austarierte politische Gleichgewicht in der Provinz empfindlich stören. Seit dem Friedensabkommen 1998 wird darum gestritten, wie viel Wahrheit das Volk vertragen kann und welche alten Wunden man besser nicht öffnet.

Die IRA-Vergangenheit von Adams und Martin McGuinness, dem stellvertretenden Chef der Provinzregierung, wühlt regelmäßig die Gemüter auf. Zuletzt gab es Schlagzeilen, als McGuinness beim Staatsbesuch des irischen Präsidenten in Großbritannien am gleichen Tisch wie die Queen saß.

In Nordirland sorgt jeder Vorwurf sofort für einen Gegenvorwurf. Sinn Fein nannte die Festnahme ihres Parteivorsitzenden politisch motiviert, die Regierung wolle die Partei drei Wochen vor der Europawahl schwächen. Die Regierung konterte, die Entscheidung habe der unabhängige Staatsanwalt getroffen. Adams selbst sprach von "lange bekannten, böswilligen Vorwürfen".

Die Festnahme rückte auch die Kinder des Opfers erneut ins Rampenlicht. Er wisse, wer seine Mutter entführt und umgebracht habe, sagte Michael McConville der BBC. Er war damals 11. "Ich kenne die Namen der Leute, aber ich habe sie nie jemandem verraten", sagte er. "Wenn ich der Polizei etwas sagte, würden ich oder ein Familienangehöriger oder eins meiner Kinder von diesen Leuten erschossen." Alle glaubten, die IRA sei Geschichte. Aber es gebe immer noch Splittergruppen. "Es ist schrecklich, dass wir diese Leute kennen und sie nicht ihrer gerechten Strafe zuführen können."



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