Nordirland-Konflikt Nobelpreisträger Trimble hält Clinton für eine Aufschneiderin

Im Wahlkampf rühmt sich Hillary Clinton ihrer außenpolitischen Erfahrung und verkündet stolz, sie habe geholfen, den Nordirland-Konflikt zu lösen. Völlig übertrieben, lästert Friedensnobelpreisträger David Trimble: Clinton sei bei den Verhandlungen nur "Cheerleader" gewesen.


Hamburg - "Ein bisschen albern" - so wenig schmeichelhaft beurteilt der Friedensnobelpreisträger David Trimble die Selbsteinschätzung Hillary Clintons über ihre Rolle im nordirischen Friedensprozess. In der britischen Tageszeitung "Daily Telegraph" warf der nordirische Politiker der Ex-First-Lady und US-Präsidentschaftsbewerberin vor, sie würde ihre eigenen Verdienste in den Verhandlungen zur Lösung des Nordirland-Konflikts aufbauschen.

Nobelpreisträger Trimble: "Hillary hat Bill nur begleitet"
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Nobelpreisträger Trimble: "Hillary hat Bill nur begleitet"

Clinton hatte unmittelbar vor den Vorwahlen in Texas und Ohio - welche sie beide gegen ihren Rivalen Barack Obama gewann - den Nordirland-Konflikt zu einem Schlüsselthema ihrer "beträchtlichen" außenpolitischen Erfahrung erklärt. "Ich habe dabei geholfen, den Frieden zurück nach Nordirland zu bringen", sagte sie gegenüber dem Fernsehsender CNN.

Trimble, der 1998 nach dem Friedensabkommen der Konfliktparteien "Erster Minister" der nordirischen Regionalregierung war, kann Clintons Selbstbeurteilung nicht bestätigen: "Ich wüsste nicht, was sie darüber hinaus getan hätte, als ihren Mann und damaligen Präsidenten Bill zu begleiten", spottete Trimble im "Daily Telegraph".

Nur Eigenlob für die Wahlkampfbroschüre?

Clinton habe zwar einiges von den Verhandlungen und Geschehnissen während des langwierigen Friedensprozesses mitbekommen, könne ihre Aufenthalte in Nordirland aber lediglich "als Bereicherung ihrer persönlichen Erfahrung" verbuchen. Dass Clinton im Wahlkampf nun ihre "wichtige Rolle im Friedensprozess" betone, hält Trimble für überzogen. "Ich will ihr ja nicht die Tour vermasseln", sagte der Politiker, "und ihre Äußerungen schmücken sicherlich die Wahlkampfbroschüren - aber es ist nun einmal ein großer Unterschied, ob jemand als Hauptakteur oder nur als Cheerleader dabei war."

Stellvertretend für alle Beteiligten der Friedensverhandlungen hatte Trimble 1998 gemeinsam mit John Hume, dem damaligen Vorsitzenden der katholischen sozialdemokratischen Partei SDLP und einem der Verhandlungsführer, den Friedensnobelpreis erhalten. Auch ein früherer Berater von Hume wertete Clintons Einfluss in der Lösung des Nordirland-Konflikts als unbedeutend: Hume habe zwar während der langwierigen Verhandlungen regelmäßig Anrufe aus dem Weißen Haus angenommen, "aber diese stammten ausnahmslos vom Präsidenten, und nicht von der First Lady".

"Nordirland öfter besucht als mein Mann"

"Tatsächlich habe ich Nordirland öfter besucht als mein Mann", zitiert die britische Zeitung die Demokratin. Als Beispiel für ihren Einfluss auf den Frieden hatte Clinton im Wahlkampf unter anderem von einer Veranstaltung in Belfast erzählt: Damals habe sie es geschafft, zum ersten Mal erfolgreich ein Treffen von katholischen und protestantischen Frauen verschiedener Gemeinden zu initiieren. Durch lange, persönliche Gespräche hätten sich die gegnerischen Parteien schließlich angenähert "und die zähe, schwere Arbeit im Friedensprozess konnte weitergehen", sagte Clinton Anfang Januar auf einer Wahlkampfveranstaltung in New Hampshire.

Auch in ihrer Autobiographie von 2003 bezieht sich Clinton auf dieses Treffen, schreibt der "Daily Telegraph" - allerdings habe die Demokratin die politische Bedeutung der Veranstaltung in ihrem Buch, als der Kampf ums Weiße Haus noch in weiter Ferne lag, deutlich niedriger eingeschätzt. Clintons Einfluss sei in Wahrheit eben nicht politischer Natur gewesen, sondern habe sich auf "moralische Unterstützung" beschränkt, zitiert die Zeitung Humes' Berater.

Basis des nordirischen Friedensprozesses ist das Karfreitagsabkommen von 1998, als protestantische und katholische Parteien sowie Großbritannien und Irland in Belfast einen Friedensvertrag unterzeichneten. In Folge dessen wählten Protestanten und Katholiken eine gemeinsame Regionalversammlung; "First Minister" Nordirlands wurde der Protestant Trimble von den pro-britischen Ulster Unionists (UUP). Mit dem Abkommen wurde die Selbstverwaltung Nordirlands unter gleichberechtigter Beteiligung von Protestanten und Katholiken gesichert und die Entwaffnung der IRA und anderer paramilitärischer Gruppen eingeleitet.

amz



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