Britische Geheimeinheit in Nordirland Killerkommando im Namen ihrer Majestät

London wird von den Schatten des Nordirland-Konflikts eingeholt. Die BBC hat enthüllt, dass ein Spezialkommando der britischen Armee Anfang der siebziger Jahre bei ihrer Jagd auf die IRA auch unbewaffnete Zivilisten tötete. Der ehemalige Armeechef lobt den Mut der Soldaten.

Britischer Soldat in Belfast (1971): 3500 Tote bis 1998
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Britischer Soldat in Belfast (1971): 3500 Tote bis 1998

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London/Belfast - Anfang der siebziger Jahre war Belfast einer der gefährlichsten Orte der Welt. Die IRA legte in ihrem Guerilla-Krieg für eine Loslösung Nordirlands aus dem Vereinigten Königreich pro Tag im Schnitt fünf Bomben, lieferte sich Tausende Schusswechsel mit britischen Soldaten und protestantischen Milizen.

In diesem Kampf hat auch die britische Armee Grenzen überschritten: Ein Investigativ-Team der BBC-Sendung "Panorama" enthüllt, dass eine geheime Killereinheit in den Jahren 1972 und 1973 gezielt Jagd auf IRA-Kämpfer gemacht hat. Nach BBC-Informationen soll die Spezialtruppe mit der Bezeichnung Military Reaction Force (MRF) dabei auch mindestens zehn unbewaffnete Zivilisten getötet haben.

"Wir haben dort nicht wie eine Armeeinheit operiert, sondern wie eine Terrorgruppe gehandelt", sagte ein ehemaliges MRF-Mitglied der BBC. Die etwa 40-köpfige Truppe habe weder Uniformen getragen und sei stets in Zivilfahrzeugen unterwegs gewesen. Hauptsächlich hätten die Kräfte im katholischen Westteil von Belfast operiert - dem Herzland der IRA. Unter anderem hätten sie sich als Straßenfeger, Obdachlose oder Alkoholiker verkleidet, um Zielpersonen zu oberservieren.

Hinterbliebene prüfen Klagen gegen die britische Regierung

Doch die Feindbeobachtung war nur ein Teil ihrer Aufgaben: "Unsere Mission war es, IRA-Zellen auszuheben und ihre Aktivitäten zu minimieren. Wenn sie dafür erschossen werden mussten, wurden sie erschossen", räumte ein Ex-MRF-Kämpfer ein. Gewissensbisse plagen ihn nicht. "Wir haben Babymörder und Terroristen gejagt. Menschen, die dich töten würden, ohne überhaupt darüber nachzudenken."

Doch sie zielten auch auf Unbeteiligte. Patricia McVeigh machte gegenüber der BBC die MRF für den Mord an ihrem Vater Patrick McVeigh verantwortlich. Er sei am 12. Mai 1972 von hinten von Soldaten in Zivilkleidung erschossen worden. "Er war ein unschuldiger Mann, der jedes Recht hatte, auf der Straße nach Hause zu laufen. Er hatte es nicht verdient, so zu sterben." Bereits im Dezember 1972 hatte es eine Untersuchung des Vorfalls gegeben. Die Armee räumte damals ein, dass eine geheime Einheit an der Tat beteiligt gewesen sei, die Soldaten wurden jedoch niemals angeklagt. Sechs Jahre später erhob ein anonymer britischer Militärangehöriger über die Medien den Vorwurf, die Armee habe mit dem Angriff den Konflikt zwischen katholischen und protestantischen Milizen anheizen wollen, um Druck von der Armee zu nehmen.

McVeighs Anwalt prüft nun eine Zivilklage gegen das Verteidigungsministerium in London. Nach britischem Gesetz dürfen Soldaten nur dann zur Waffe greifen, wenn unmittelbare Gefahr für das eigene Leben besteht. Mehrere Ex-MRF-Kämpfer räumten jedoch ein, auch auf Menschen geschossen zu haben, die allem Anschein nach keine Waffen trugen.

Debatte um einen Schlussstrich

Das Verteidigungsministerium teilte mit, es habe die Vorwürfe gegen MRF-Soldaten an die nordirische Polizei weitergeleitet. Dass die Verantwortlichen nach 40 Jahren zur Verantwortung gezogen werden, ist jedoch aus mehreren Gründen unwahrscheinlich: Die Unterlagen über die Geheimtruppe sind nach ihrer Auflösung 1973 vernichtet worden. Auch gegenüber der BBC wollten die befragten Ex-Soldaten weder sich selbst, noch ihre ehemaligen Kameraden konkreter Straftaten beschuldigen.

Der frühere Oberbefehlshaber der britischen Armee, Mike Jackson, lobte ausdrücklich die Tapferkeit der Sondereinheit. "Es braucht eine Menge Mut dafür. Du weißt, dass dir ein grausames Schicksal droht, wenn du entdeckt wirst - Folter bis zum Tod", sagte Jackson, der selbst 1972 als Fallschirmjäger in Nordirland stationiert war.

Tatsächlich enttarnte die IRA 1972 mindestens zwei ihrer Mitglieder als Informanten für die MRF. Unter Folter enthüllten sie mehrere Geschäfte - darunter eine Wäscherei und einen Massagesalon - als Tarnfirmen, von denen aus die Briten agierten. Diese Nester flogen dadurch auf, die beiden Kollaborateure wurden von der IRA hingerichtet. Ihre sterblichen Überreste sind bis heute nicht gefunden worden.

In jüngster Zeit mehren sich die Forderungen nach einem Schlussstrich. Erst am Mittwoch forderte ausgerechnet der Oberstaatsanwalt für Nordirland, John Larkin, die Verfolgung sämtlicher politischer Straftaten, die vor dem Friedensabkommen von 1998 begangen wurden, zu beenden. Hinterbliebene von Opfern des Bürgerkriegs haben umgehend dagegen protestiert, doch Politiker beider Lager teilen die Überzeugung, dass dies der Preis sei, den Nordirland für eine friedliche Zukunft zahlen müsse.

Insgesamt sind in dem Konflikt etwa 3500 Menschen getötet worden. Laut einer Untersuchung von Historikern und Kriminalisten soll der britische Staat für etwa elf Prozent der Tode verantwortlich gewesen sein. Trotz dieser Zahlen weigern sich die Briten noch immer, den Bürgerkrieg in Nordirland im offiziellen Sprachgebrauch als solchen zu benennen. Sie sprechen 15 Jahre danach noch immer von "The Troubles".



insgesamt 15 Beiträge
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silvester.schiller 21.11.2013
1. Hinweis auf Veröffentlichung
Dieser Schverhalt war auch vermutlich Gegenstand des Buches mit dem Titel "Die NEMESIS Akte" vom Paul Bruce, Deutsche Erstausgabe 1996 by S&LMedienContor Hamburg
David Leon 21.11.2013
2. blutige Hände
Kriegsverbrecher als Helden zu bezeichnen, dazu gehört schon eine Menge Zynismus. Aber auch das ist im englischen Militär langjährige Tradition. Allerdings gehe ich davon au dass das Kapitel Nordirland
ambulans 21.11.2013
3. wie bitte?
"mut" (?) lobt dieser - ehemalige - chef an einer solchen killer-truppe? wenn man ihn ernst nehmen würde (gott bewahre!) - was unterscheidet dann einen solchen sermon eigentlich von entsprechenden, unsäglichen reden eines reichsführers ss - "wer einmal 100, 1000, usf. (opfer) ... gesehen hat, und dabei ...; ... das ist eine nie geschriebene geschichte ..."? (sorry für diese vielen auslassungen, muss aber sein wg. anstand, strafrecht, usw.). so einer - wie der da oben - gehört vor gericht (die befürwortung von verbrechen, das darin enthaltene verunglimpfen des an-/gedenkens verstorbener - hier: willkürlich und zu unrecht ums leben gebrachter opfer) stellt ja schließlich die abschließende und ultimative verhöhnung von unrechtmäßig ums leben gebrachten dar. nürnberg (und das dort ausgeübte verfahren) wäre hier mein vorschlag, möchte ich meinen ...
steiger68 21.11.2013
4. Auch eine Möglichkeit...
...der Vergangenheitsbewältigung. Allerdings ist das für uns meiner Meinung nach kein Grund, mit dem Finger auf die "bösen" Engländer zu zeigen. Wie viele Morde mögen wohl auf das Konto ehemaliger Stasi- Killer gehen? Und wie viele der Täter sind bis jetzt verurteilt worden? Interessant wäre auch zu erfahren wie viele der Mörder an der "Friedensgrenze" zwischen Ost und West und der Richter die Todesurteile gegen "Staasfeinde der DDR" gefällt haben noch auf freiem Fuß sind bzw. nach der Wende in den Staatsdienst übernommen wurden. Gibt es eigentlich darüber belastbare Zahlen? Für Aufklärung wäre ich sehr dankbar. Gruß steiger68
Sharoun 21.11.2013
5.
Zitat von steiger68...der Vergangenheitsbewältigung. Allerdings ist das für uns meiner Meinung nach kein Grund, mit dem Finger auf die "bösen" Engländer zu zeigen. Wie viele Morde mögen wohl auf das Konto ehemaliger Stasi- Killer gehen? Und wie viele der Täter sind bis jetzt verurteilt worden? Interessant wäre auch zu erfahren wie viele der Mörder an der "Friedensgrenze" zwischen Ost und West und der Richter die Todesurteile gegen "Staasfeinde der DDR" gefällt haben noch auf freiem Fuß sind bzw. nach der Wende in den Staatsdienst übernommen wurden. Gibt es eigentlich darüber belastbare Zahlen? Für Aufklärung wäre ich sehr dankbar. Gruß steiger68
..es gibt wenig belastbare Zahlen damaliger Dissidenten .. und diese werden ständig nach unten korrigiert. Statistiken über "Stasi-Killer"kommandos gibt es wiederum nicht, weil es diese Truppen nicht gab. Aber vielleicht kann man ja noch Filme darüber inszenieren (DDR-Konzentrationslager darin nicht vergessen); darauf fährt man im Westen ja ab - und das glauben dann sicher die Leute ('war ja im Fernsehen). Alles in allem war das gesellschaftliche Klima in Nordirland mit dem in der DDR nicht vergleichbar, auch wenn Sie das stören möge. PS: als Friedensgrenze wurde die Grenze zu Polen entlang der Oder-Neiße-Linie bezeichnet; nicht die innerdeutsche.
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