Getötete Journalistin in Nordirland Wer hinter der "Neuen IRA" steckt

Die "Neue IRA" hat sich zu den Schüssen bekannt, durch die die Reporterin Lyra McKee "tragischerweise getötet" wurde. Was ist das für eine Gruppe? Und was bedeutet der Fall für den Frieden in Nordirland?

Die "Neue IRA" bekannte sich zu den Schüssen auf die Journalistin Lyra McKee
Paul Faith/ AFP

Die "Neue IRA" bekannte sich zu den Schüssen auf die Journalistin Lyra McKee

Von


Freunde und Unterstützer der Journalistin Lyra McKee protestierten am Ostermontag vor einem Gebäude in der nordirischen Stadt Derry. Sie beklagten den Tod der 29-Jährigen, die am Karfreitag durch einen Kopfschuss getötet worden war.

Einige von ihnen bemalten ihre Hände mit roter Farbe, um damit die Wände eines Bürogebäudes zu beschmieren. Es ist der Sitz von Saoradh, einer Partei, die sich 2016 aus mehreren IRA-Splittergruppen bildete. Die Partei, so sagen es die Demonstrierenden, habe Blut an den Händen. Schließlich steht sie der "Neuen IRA" nahe, jener paramilitärischen Gruppe, die sich zur Tötung McKees bekannte.

In dem Statement an die "Irish News" bittet die "Neue IRA" die Angehörigen "aufrichtig um Entschuldigung". Der Brief sei verifiziert worden, teilte die Zeitung mit. Die Reporterin sei "tragischerweise getötet" worden, als sie an der Seite "feindlicher Kräfte" gestanden habe, heißt es in der Erklärung weiter. Die nordirische Polizei nahm unterdessen eine 57-jährige Frau fest.

Die "Neue IRA": Wer steckt hinter der Gruppe?

Die Behörden hatten schon früh die "Neue IRA" als Verdächtige für die Tat im Visier. Sie ist eine der größten republikanischen Splittergruppen in Nordirland, lehnt das friedensstiftende Karfreitagsabkommen von 1998 ab und strebt ein vereintes unabhängiges Irland an. Mit ihr werden vier Morde in Verbindung gebracht: In Omagh stirbt 2011 der Polizist Ronan Kerr durch eine Autobombe. 2012 wird der Polizist David Black auf dem Weg zur Arbeit erschossen. Ein Dritter, Adrian Ismay, wird 2016 Opfer einer Bombe, die unter seinem Van in Belfast explodiert.

Am 19. Januar dieses Jahres explodierte vor dem Gericht von Derry - in jener Stadt, in der nun auch McKee erschossen wurde - eine Autobombe. Noch kurz vor der Detonation war eine Gruppe Jugendlicher an dem Anschlagsort vorbeigegangen. Verletzt wurde am Ende niemand. Zu dem Attentat bekannte sich die "Neue IRA".

Im März wurde die Gruppe wieder auffällig. Sie bekannte sich zu Paket- und Briefbomben, die man in London und Glasgow fand. Keine der Bomben detonierte.

Man geht davon aus, dass sich die "Neue IRA" zwischen 2011 und 2012 formte, als sich mehrere Gruppen zusammenschlossen, darunter auch die "Real IRA". Diese war 1997 von früheren Mitgliedern der Irish Republican Army (IRA) ins Leben gerufen worden, die unzufrieden mit dem damals erzielten Waffenstillstand waren. Hier finden Sie eine Übersicht, wer oder was sich hinter der IRA verbirgt.

Die "Neue IRA" ist unter anderem im Raum Derry und im Norden und Westen von Belfast aktiv und hat nach Einschätzung der irischen Behörden rund 200 Mitglieder.

Brennende Autos, Schüsse, Unruhen: Nimmt die Gewalt der Karfreitagsdemos zu?

Das Osterwochenende wird in Nordirland traditionell für politische Kundgebungen genutzt. Es kommt regelmäßig zu Krawallen in Zusammenhang mit dem Nordirlandkonflikt. Die Unruhen vom Wochenende geschahen zu einem Zeitpunkt, an dem irisch-katholische Nationalisten an den Aufstand gegen die Briten im Jahr 1916 erinnerten.

Es ist schwer einzuschätzen, inwiefern die Demos am vergangenen Freitag aggressiver aufgeladen waren als in den Jahren zuvor. Denn ganz waren die Anschläge und Unruhen in der Zeit nach dem Karfreitagsabkommen nie abgeebbt. Sie waren lediglich zu klein, um von ausländischen Medien aufgegriffen zu werden. Der Mord an McKee ändert das nun.

Der Konflikt entlädt sich mittlerweile beinahe ausschließlich in der Stadt Londonderry - oder Derry, wie sie die überwiegend katholische Bevölkerung nennt -, im Nordwesten der nordirischen Provinz an der Grenze zur Republik Irland.

Der Vorfall ereignete sich in Creggan, einer Wohnsiedlung in Derry. Die Polizei sprach von mehr als 50 Brandsätzen, die geschleudert wurden; mehrere Schüsse seien abgefeuert worden. Auf Bildern und Videos konnte man brennende Autos, gepanzerte Einsatzfahrzeuge der Polizei und schwerbewaffnete Sicherheitskräfte erkennen. Eine Hausdurchsuchung durch die Polizei - nach eigenen Angaben, um gewaltsame Angriffe zu verhindern - hatte den Konflikt entzündet.

Freunde der getöteten Journalistin Lyra McKee protestieren mit roter Farbe gegen Gewalt.
Cate McCurry/ PA Wire/ empics/ DPA

Freunde der getöteten Journalistin Lyra McKee protestieren mit roter Farbe gegen Gewalt.

In letzter Zeit gehen Sicherheitskräfte auf beiden Seiten der irischen Grenze wieder von mehreren Hundert aktiven bewaffneten Terroristen in Nordirland aus. Und es gibt Anzeichen dafür, dass sich die paramilitärischen Gruppen verstärkt aus Schusswaffen- und Sprengstoffarsenalen alter Depots der in den Siebzigerjahren abgetauchten Offiziellen IRA (OIRA) bedienen.

21 Jahre nach dem Karfreitagsabkommen: Wie stabil ist der Frieden in Nordirland?

Die Spannungen in der britischen Provinz wurden in den vergangenen Monaten von der Unsicherheit um den Brexit angeheizt - vor allem durch die Frage, wie die Grenze zwischen dem EU-Mitglied Irland und Nordirland künftig aussehen soll.

Der Nordirland-Korrespondent der "Irish Times" etwa, Gerry Moriarty, analysierte kürzlich, die Diskussion um die "harte Grenze" zu Irland habe das Potenzial, zu neuen erheblichen Protesten zu führen. "Die paramilitärischen Organisationen", sagte er, "sehen den Brexit als Chance - je härter, desto besser."

Auch das Unvermögen der wichtigsten Parteien in Nordirland - der nordirischen Democratic Unionist Party (DUP) und der irisch-republikanischen Partei Sinn Féin - sich auf eine Regierung zu verständigen, treibt die Nationalisten um. Im Friedensvertrag des Karfreitagsabkommens wurde festgelegt, dass die Regierung stets von Vertretern beider Bevölkerungsgruppen gestellt werden muss. Diese sind

  • auf der britischen Seite die ultrakonservative protestantische DUP. Sie will nichts wissen von einem vereinigten Irland, sondern steht für die Einheit des Königreichs Großbritannien. Dafür spricht, dass die DUP eine Allianz mit Theresa Mays Regierungspartei in London eingegangen ist.
  • auf der anderen Seite die irisch-republikanische Sinn Féin. Sie galt lange als der politische Ableger der gewaltbereiten Terrororganisation Provisional IRA (PIRA).

Zurzeit ist der Regierungssitz in Stormont aber leer. Damit ist ein Punkt des Karfreitagsabkommens nicht erfüllt.



insgesamt 26 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Atheist_Crusader 23.04.2019
1.
Die Chance einer Rückkehr zu früheren Zuständen wird meiner Meinung nach drastisch übertrieben. Natürlich gibt es ein paar gewaltbereite Spinner die nur nach einem Vorwand suchen und wieder aktiv zu werden, und natürlich können diese Schaden anrichten. Aber insgesamt ist die Stimmung in der Bevölkerung auf beiden Seiten der Grenze doch eine andere als sie es vor 20-30 Jahren war. Die führenden Köpfe von damals sind jetzt alt und die folgenden Generationen haben Jahrzehnte relativen Friedens und steigenden Wohlstands kennengelernt. Solche Leute für die nächste Terror-Generation zu rekrutieren ist weit schwieriger als es früher war. Nicht nur für die Kämpfer an sich, sondern auch für die Unterstützer die urbane Guerillas brauchen. Ohne die Informanten, Beschaffer, Spender und Leute die ganz einfach wegschauen und schweigen wäre es ihnen unmöglich lange zu überleben. Klar: schon ein Todesopfer für diesen Schwachsinn ist zu viel. Aber diese Panikmache, dass der Konflikt in einem ähnlichen Schweregrad zurückkehren wird, ist auch unsinnig.
dr_gb 23.04.2019
2. Beunruhigend
sehr beunruhigend sogar vor dem Zerrbild das aktuell nur von der politischen Landschaft, im Besonderen in England, gezeichnet werden kann. Nicht nur das NatWest-Tower Bombing aka Bishopsgate Bombing am Samstagmorgen im sehr frühen Mai erlebten meine Schwester und ich sehr, sehr nah; auch keine Freunde, die nicht Familienangehörige/Freunde haben und hatten, die untangiert vom IRA-Terror blieben. Und dennoch fühlten wir uns sicherer, stärker und dem Terror selbstbewusster trotzend, als in manchen Wochen und Monaten in 'heissen' RAF Zeiten in unserer Republik, zu unserer Schul- und Studienzeit. Denn im UK war klar, spürbar und gelebtes stolzes Alltagsfakt : was passiert, passiert aber wir lassen uns auf keinen Fall von den Bombern in die Knie zwingen und Angst haben und zeigen wir auch nicht ! Einschüchtern ein wenig liess man sich dann und wann von Football-Events -- Umweg in Underground/Bus in Kauf nehmen. Nicht aber und auf keinen Fall den Bombern wegen. Zur Zeit möchte ich nicht extrapolieren müssen in die Zukunft. Aber vorhersagbar ist, dass Net & Medien von sehr grosser Bedeutung sein werden, in jedem Fall : aus der gesamt-gesellschaftlichen Brexit-Vulnerabilität werden Parteien und Akteure ihre eigenen Schlüsse ziehen, vermutlich Optionen und Chancen sehen -- jedoch nicht unbedingt zum Besten für's ganze Königreich ..
margei 23.04.2019
3. Es sind Mörder!
In einer globalisierten Welt wo Großmächte wie USA, China oder Russland existieren sollten die Kleingeister die in der EU leben überdenken ob es Klug ist sich in Kleinststaaten zu zersplittern und ewige Bürgerkriege zu führen. Für mich sind das einfach nur Mörder, die noch im vorletzten Jahrhundert leben.
steppenwolf81 23.04.2019
4. Sinnlos
Diese feigen Banditen der IRA buw deren Ideologie wissen nur zu gut, dass sie ihre - von ihnen selbst - zugeschriebene Daseinsberechtigung undzMöglichkeit des Gewalt- und Terrorexzesses verlieren würden, sobald ein echter Frieden eintritt. Also wird es am Laufen gehalten, keine Politik, kein Friedensangebot wird das ändern. Deser Mechanismus tickt bei allen Gewaltbefürwortern, ob religiös oder politisch oder einfach nur aus stumpfen Hass motiviert. Die eine Generation stirbt aus, die neue gebiert neue Dummköpfe. Machen wir uns nichts vor.
stelzerdd 23.04.2019
5. So ist es!
Zitat von margeiIn einer globalisierten Welt wo Großmächte wie USA, China oder Russland existieren sollten die Kleingeister die in der EU leben überdenken ob es Klug ist sich in Kleinststaaten zu zersplittern und ewige Bürgerkriege zu führen. Für mich sind das einfach nur Mörder, die noch im vorletzten Jahrhundert leben.
Dank der EU war die Grenze zwischen der Republik Irland und Nordirland (als Teil des UK) kaum spürbar. Eine wichtige Komponente des Friedens. Dank Cameron, Farage, Johnson und Konsorten ist das nun aufs höchste gefährdet. Die ewiggestrigen IRA-Mörderbanden sind schon wieder aktiv, als hätten sie nur darauf gewartet.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.