Nordirlands Blutsonntag Schüsse, Tote - und ein spätes Sorry

Es war ein Symbol für den Bürgerkrieg in Nordirland: Beim "Bloody Sunday" vor 38 Jahren schoss das britische Militär mitten in eine Demonstration, 14 Menschen starben. Jetzt weist eine Kommission das Fehlverhalten der Soldaten nach, Premier Cameron entschuldigt sich bei den Familien der Opfer.

Im ersten Untersuchungsbericht der britischen Regierung zehn Wochen später wird den Soldaten beschönigend "grobe Fahrlässigkeit" unterstellt. Die Täter bleiben unbehelligt
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Im ersten Untersuchungsbericht der britischen Regierung zehn Wochen später wird den Soldaten beschönigend "grobe Fahrlässigkeit" unterstellt. Die Täter bleiben unbehelligt


Als Tony Blair 1998 die Wahrheitskommission zum "Bloody Sunday" einsetzte, sollte sie ein Jahr tagen und elf Millionen Pfund kosten. Es sollte keine große Sache werden, schließlich lag das Ereignis im nordirischen Derry Jahrzehnte zurück, und die Fakten waren allseits bekannt.

Der britische Premierminister sollte sich gründlich irren.

Erst an diesem Dienstag, zwölf Jahre später, legte die Kommission unter Leitung von Lord Saville ihren Abschlussbericht vor. Nahezu 200 Millionen Pfund waren dafür ausgegeben worden, unter anderem für ein ausgefeiltes 3-D-Computermodell der Straßenzüge von Derry. Es ist die längste und teuerste Untersuchung, die sich Großbritannien je geleistet hat.

"Verschwendung", schnaubten einige Konservative in London. Ein solcher Aufwand für den Seelenfrieden von 14 Familien. Doch es geht um viel mehr als das.

Tausende standen am Dienstag auf dem Platz vor der Guildhall in Derry und warteten gespannt auf die Veröffentlichung des Berichts. Das 5000-Seiten-Werk soll das letzte Wort sein - die Wahrheit über jenen 30. Januar 1972, als britische Fallschirmjäger in der zweitgrößten nordirischen Stadt das Feuer auf unbewaffnete Demonstranten eröffneten.

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Bloody Sunday: Der Tag, der Nordirland veränderte
Der "blutige Sonntag" wurde zum Symbol des nordirischen Bürgerkriegs zwischen Protestanten und Katholiken.

"Weder gerechtfertigt noch zu rechtfertigen"

Vor allem sollte die Wahrheitskommission den einseitigen ersten Untersuchungsbericht vom April 1972 vergessen machen, mit dem die britische Regierung ihre Soldaten nach dem Massaker reinzuwaschen versuchte.

Die Wartenden in Derry wurden nicht enttäuscht. Kurz nach halb vier erschien auf den Großbildleinwänden das Gesicht von David Cameron. Der britische Premierminister stellte den Bericht im Unterhaus in London vor, aber seine Botschaft war an Derry gerichtet. Was an jenem Sonntag passiert sei, war "falsch", sagte der Regierungschef. "Es war weder gerechtfertigt - noch zu rechtfertigen."

Der Befehl, auf die Demonstranten zu schießen, hätte nie gegeben werden dürfen, fuhr der Premier fort. Es tue ihm "zutiefst leid".

Bei Camerons Worten brandete auf dem Platz riesiger Jubel auf. Tausende waren unterwegs - wie damals. Sie trugen Fotos der Erschossenen und feierten ihren Sieg, 38 Jahre nach dem traurigen Tag. "Das Warten hat ein Ende", sagte Mickey McKinney, dessen Bruder damals starb. "Das sind die Worte, auf die wir seit dem 30. Januar 1972 gewartet haben", sagte Tony Doherty, dessen Vater erschossen wurde.

Der Schlachtruf einer ganzen Generation

Insgesamt 27 Demonstranten waren damals getötet oder verletzt worden. Es war nicht der blutigste Tag in diesem Bürgerkrieg, der insgesamt 3700 Opfer forderte. Aber es war der Tag, an dem der Staat seine Bürger erschoss - manche mit erhobenen Armen, manche in den Rücken.

Eine neue Phase des Konflikts begann. Für viele Katholiken starb die Hoffnung, ihre Bürgerrechte durch friedlichen Protest durchzusetzen. Der "Bloody Sunday" wurde zum Schlachtruf für eine ganze Generation, die nun in die Terrororganisation IRA strömte und den "langen Krieg" gegen das Vereinigte Königreich begann.

Am Nachmittag jenes Sonntags 1972 waren rund zehntausend Demonstranten aus dem Katholikenviertel Bogside in Richtung Stadtmitte aufgebrochen. Sie protestierten gegen die Politik der Internierung, mit der die protestantische Regierung die Anführer des katholischen Widerstands ohne Prozess aus dem Verkehr zog. Aufmärsche waren damals verboten, aber die Demonstranten wollten sich das Recht auf freie Meinungsäußerung nicht nehmen lassen.

Als der Demonstrationszug an der Ecke der William Street eine Barrikade britischer Soldaten passierte, blieben 200 Demonstranten stehen und warfen Steine. Die Soldaten erwiderten zunächst mit Gummigeschossen, dann plötzlich schossen sie scharf. Zwei Demonstranten wurden verletzt. Kurz darauf eröffneten die Fallschirmjäger auch das Feuer in der nahen Rossville Street. Die Bilanz der mörderischen Dreiviertelstunde: 13 Tote, 14 Verletzte, von denen einer sechs Monate später starb.



insgesamt 18 Beiträge
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mundi 15.06.2010
1. Kein Konflikt der Konfessionen!
Zitat von sysopEs war ein Symbol für den Bürgerkrieg in Nordirland: Beim "Bloody Sunday" vor 38 Jahren schoss das britische Militär mitten in eine Demonstration, 14 Menschen starben. Jetzt weist eine Kommission das Fehlverhalten der Soldaten nach, Premier Cameron entschuldigt sich bei den Familien der Opfer. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,700916,00.html
Als im Jahre 1948 Irland, ohne die 6 nördlichen Counties, zur Republik erklärt wurde, blieb im Norden (Ulster) die Macht in den Händen der britischen Protestanten. Die Katholiken wurden dort diskriminiert, besonders bei der Arbeits- und Wohnungssuche. Die Bürgerrechtsbewegung demonstrierte ab 1968 für Gleichberechtigung und wurde immer wieder vom Mob angegriffen. Das britische Militär, eigentlich zum Schutz der katholischen Minderheit eingesetzt, tötete 1972 dreizehn unbewaffnete Demonstranten (Blutiger Sonntag). Es begann eine Spirale der Gewalt. Die IRA wütete mit Bombenterror, durch den Hunderte von Menschen getötet oder verstümmelt wurden. Paramilitärische Unionisten reagierten auf die Anschläge mit weiteren Morden. Inzwischen wird versucht, alte Wunden zu heilen und sich zu versöhnen. Vereinzelte Morde einiger unbelehrbarer Fanatiker aus den Reihen der Republikaner oder Unionisten, werden von beiden Seiten geächtet und verfolgt. Im Gespräch mit Iren wird deutlich, dass man von der Reaktion Europas auf den Terror in Irland enttäuscht war. Man bedauert, dass wohl aus Staatsraison und Angst vor Großbritannien, die Ereignisse in den Medien, als Kampf zwischen Katholiken und Protestanten bezeichnet wurden. Dabei kämpften die Iren um ihre Freiheit und Unabhängigkeit. Die Briten kämpften für Besitz und Privilegien.
Marie Laveau 15.06.2010
2. konflikt
Zitat von mundiAls im Jahre 1948 Irland, ohne die 6 nördlichen Counties, zur Republik erklärt wurde, blieb im Norden (Ulster) die Macht in den Händen der britischen Protestanten. Die Katholiken wurden dort diskriminiert, besonders bei der Arbeits- und Wohnungssuche. Die Bürgerrechtsbewegung demonstrierte ab 1968 für Gleichberechtigung und wurde immer wieder vom Mob angegriffen. Das britische Militär, eigentlich zum Schutz der katholischen Minderheit eingesetzt, tötete 1972 dreizehn unbewaffnete Demonstranten (Blutiger Sonntag). Es begann eine Spirale der Gewalt. Die IRA wütete mit Bombenterror, durch den Hunderte von Menschen getötet oder verstümmelt wurden. Paramilitärische Unionisten reagierten auf die Anschläge mit weiteren Morden. Inzwischen wird versucht, alte Wunden zu heilen und sich zu versöhnen. Vereinzelte Morde einiger unbelehrbarer Fanatiker aus den Reihen der Republikaner oder Unionisten, werden von beiden Seiten geächtet und verfolgt. Im Gespräch mit Iren wird deutlich, dass man von der Reaktion Europas auf den Terror in Irland enttäuscht war. Man bedauert, dass wohl aus Staatsraison und Angst vor Großbritannien, die Ereignisse in den Medien, als Kampf zwischen Katholiken und Protestanten bezeichnet wurden. Dabei kämpften die Iren um ihre Freiheit und Unabhängigkeit. Die Briten kämpften für Besitz und Privilegien.
Allerdings. Das ist kein Konflikt zwischen "Katholiken" und "Protestanten", das ist ein Konflikt zwischen keltischen Iren und angelsächischen Briten, zumeist Schotten.
Gertrud Stamm-Holz 15.06.2010
3. titel
Zitat von sysopEs war ein Symbol für den Bürgerkrieg in Nordirland: Beim "Bloody Sunday" vor 38 Jahren schoss das britische Militär mitten in eine Demonstration, 14 Menschen starben. Jetzt weist eine Kommission das Fehlverhalten der Soldaten nach, Premier Cameron entschuldigt sich bei den Familien der Opfer. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,700916,00.html
Dieser Bürgerkrieg war nur der Gipfel der jahrhundertelangen Unterdrückung anderer Völker durch England. Auf der eigenen Insel Schotten und Waliser gekauft, geschmiert und die anderen barbarisch verfolgt, auf der Nachbarinsel ein ganzes Volk in den Tod oder nach Amerika getrieben. Jetzt kommt ein "sorry" wegen bloody sunday. Sonst ich ja vorher auch nichts von Bedeutung passiert. England hat die eigenen Leute mitsamt wiederum Schotten und Walisern nach Ulster verpflanzt und den ansässigen Iren jede Lebensgrundlage genommen. Da kommt es auf diesen einen dämlichen Tag nicht an. Es gibt viel mehr Tote zu beklagen. Viel mehr an Unterdrückung und Selbstherrlichkeit. Das bisschen Entschuldigung macht micht nicht ruhiger, es macht mich nur wütender.
nichtWeich 15.06.2010
4. :-(
Zitat von sysopEs war ein Symbol für den Bürgerkrieg in Nordirland: Beim "Bloody Sunday" vor 38 Jahren schoss das britische Militär mitten in eine Demonstration, 14 Menschen starben. Jetzt weist eine Kommission das Fehlverhalten der Soldaten nach, Premier Cameron entschuldigt sich bei den Familien der Opfer. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,700916,00.html
Der Bericht scheint mir nur eins zu sein, eine nachträgliche Rechtfertigung des Terrors der IRA.
Gertrud Stamm-Holz 15.06.2010
5. titel
Zitat von Marie LaveauAllerdings. Das ist kein Konflikt zwischen "Katholiken" und "Protestanten", das ist ein Konflikt zwischen keltischen Iren und angelsächischen Briten, zumeist Schotten.
Das stimmt nicht. Schotten sind ebenso Gälen. Angelsachsen sind immer noch die Engländer. Wohlhabende oder vorteilsbedachte Schotten waren seinerzeit aber käuflich. Man hat sogar gerne die eigenen Leute verraten und verkauft. Die treibende Kraft war immer England mit dem eingekauften intriganten Personal. Allerdings hat die Religion tatsächlich nie DEN Grund gehabt. Es waren und sind die Territorialansprüche.
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