Streit über Atomwaffentests Nordkoreas Feinde, Nordkoreas Freunde

"Feuer, Wut und Macht" gegen "alles umhüllendes Feuer" - der Ton wird schriller zwischen Washington und Pjöngjang. Doch auch Russland und China mischen mit. Und wie reagieren Japan und Südkorea? Der Überblick.

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Es ist der wohl gefährlichste Konflikt derzeit: Die USA und Nordkorea überbieten sich in diesen Tagen mit verbaler Kraftmeierei, Drohungen hier, wütende Entgegnungen dort. Neu sind Provokationen aus Pjöngjang natürlich nicht. Dass jedoch aus Washington ähnlich scharfe Formulierungen kommen, kann man tatsächlich als neue Eskalation in diesem Dauerkonflikt bezeichnen.

Wirklich beunruhigend wird die Gemengelage, wenn man die Meldungen vom Dienstag mit einbezieht. Sowohl japanische wie auch US-Militäranalysten kommen zum selben Schluss: Nordkorea habe bedeutsame Fortschritte in seinem Atomprogramm gemacht und sei "möglicherweise" in der Lage, kleinere Atomsprengköpfe zu entwickeln, die auf eine Rakete passten. Prompt setzte es aus Pjöngjang auch gleich eine konkrete Drohung: "alles umhüllendes Feuer" drohe dem US-Stützpunkt auf der Pazifikinsel Guam.

Doch wie positionieren sich die wichtigsten Mächte in diesem Konflikt gegenüber Nordkorea? Wie sind ihre Verbindungen nach Pjöngjang? Wer könnte vermitteln? Ein Überblick.


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USA - Nordkoreas Erzfeind

Wenn Donald Trump von "Feuer, Wut und Macht" spricht, dann provoziert er natürlich eine weitere Eskalation des Konflikts mit Nordkorea. Klar ist aber auch: Unter dem neuen US-Präsidenten hat sich das Verhältnis mit dem kommunistischen Land ohnehin verschärft. Eine klare Linie war bislang jedoch nicht zu erkennen. Während US-Außenminister Rex Tillerson sich um klassische, sensiblere Nordkorea-Politik bemühte, polterte Trump in der Vergangenheit immer wieder unbedacht gegen Pjöngjang und drohte mit einem Alleingang in Nordkorea. Gleichzeitig setzte er darauf, dass China diplomatischen Druck auf das Nachbarland ausübt. Ein Ergebnis: die jüngsten harten Uno-Sanktionen gegen das Land.

Seit jeher sehen die Amerikaner in Nordkorea eine Bedrohung, sie stehen deshalb an der Seite Südkoreas. Trumps Vorgänger Barack Obama hatte das Prinzip der "strategischen Geduld" gegen Pjöngjang verfolgt. Er verurteilte die Raketentests, verhängte neue Sanktionen, nur noch gelegentlich lieferten die Amerikaner in seiner Amtszeit Nahrungsmittel wie Getreide nach Nordkorea. Obama ignorierte Nordkorea einfach weitgehend.

Trump macht das Gegenteil. Auch erfahrene Beobachter befürchten nun, dass die ständigen verbalen Provokationen irgendwann tatsächlich in einem nuklearen Zwischenfall eskalieren könnten. Und sei es auch nur durch ein Missverständnis.


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China - der letzte Partner

China ist Nordkoreas einziger offizieller Verbündeter - was das komplizierte Verhältnis der beiden sozialistischen Bruderstaaten aber nur dürftig beschreibt. Fast der gesamte Handel Nordkoreas läuft über den großen Nachbarn China. Auch diplomatisch sind die beiden Staaten eng verbunden.

Die Führung in Peking sieht Pjöngjangs Nuklearprogramm kritisch, noch mehr aber fürchtet sie einen Zusammenbruch des Kim-Regimes - und damit eine Wiedervereinigung der koreanischen Halbinsel unter der Führung des US-Verbündeten Südkorea. Während viele Chinesen Nordkorea für einen undankbaren und unberechenbaren Nachbarn halten, betrachtet die Regierung das Land als Bollwerk gegen ihren Rivalen USA. Dieses Kalkül bestimmt auch die Nordkorea-Politik: China mag Pjöngjang kritisieren und - wie Anfang der Woche - auch einzelne Sanktionen mittragen. Doch es wird nichts tun, was das Regime der Kims ernsthaft gefährden würde. Das wiederum sorgt unter anderem in den USA für Ungeduld.

Die deutsche Bundesregierung drängt China zu einer aktiveren Vermittlerrolle - die US-Regierung geht laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters weiter. Trump erwägt nach Angaben aus seiner Regierung im Handelsstreit mit der Regierung in Peking die Vorbereitung von Strafmaßnahmen.


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Russland - an einer Eskalation nicht interessiert

Moskau will vor allem eines erreichen: Stabilität. Eine Atommacht Nordkorea in direkter Nachbarschaft zu seinen östlichen Regionen kommt für den Kreml nicht in Frage.

Seit Jahrzehnten pflegt das Land Beziehungen zu Pjöngjang, unter Wladimir Putin wurden sie intensiviert. Der Präsident setzt auf eine Deeskalation der Lage. Eine Zuspitzung, wie sie US-Präsident Trump betreibt, liegt nicht in seinem Interesse.

Zwar verurteilt Moskau regelmäßig die zunehmenden Raketenabschüsse Nordkoreas, gleichzeitig aber appelliert es immer wieder an die Vernunft aller Beteiligten. Vor allem stimmt sich der Kreml mit China ab. Anders als die Volksrepublik, die im Nordkorea-Konflikt im Fokus des Interesses steht, kann Moskau seinen Einfluss im Hintergrund geltend machen.

Russland setze auf langfristige Verhandlungen und Veränderungen in Nordkorea, sagt Alexej Maslow von der Higher School of Economics in Moskau. Eine entscheidende Rolle spiele dabei die wirtschaftliche Kooperation.

Zum einen hat Russland 2012 Nordkorea 90 Prozent seiner Schulden erlassen - mehr als zehn Milliarden US-Dollar. Zum anderen ist Moskau inzwischen einer der wichtigsten Handelspartner: Russland liefert Öl und Kohle nach Nordkorea, das seinerseits Meeresfrüchte und Fisch exportiert und Zehntausende Gastarbeiter entsendet, die auf russischen Baustellen und in der Holzindustrie schuften. Uno und Menschenrechtler haben die harten Arbeitsbedingungen wiederholt kritisiert. Die Arbeiter werden überwacht, müssen einen Teil ihres Lohnes an das Regime abführen, eine wichtige Einnahmequelle Nordkoreas.

Kim Jong Un braucht Russland also.


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Japan - der schwierige Nachbar

Japan unterhält keine diplomatischen Beziehungen mit Nordkorea. Das bilaterale Verhältnis ist historisch belastet, seit Japan die koreanische Halbinsel von 1910 bis 1945 als Kolonie beherrschte. In Japan leben Zehntausende Menschen koreanischer Abstammung, deren Vorfahren teilweise als Zwangsarbeiter ins Land kamen. Ihre finanziellen und materiellen Zuwendungen für in Nordkorea lebende Verwandte galten lange als wichtige Einnahmequelle für das Regime in Pjöngjang. Tokio und Pjöngjang streiten überdies über das Schicksal von Japanern, die in den Siebziger- und Achtzigerjahren nach Nordkorea entführt wurden. Fünf der Opfer kamen 2002 frei.

Die nordkoreanischen Raketentests - Teile der Flugkörper stürzten vor der japanischen Küste ins Meer - werden von der Regierung in Tokio innenpolitisch genutzt. Mit Notfallübungen und mit aufwendigen Anzeigenkampagnen versucht sie, die mehrheitlich pazifistisch gesonnenen Landsleute für die militärische Bedrohung aus Nordkorea zu sensibilisieren. Denn Premier Shinzo Abe ist ohnehin dabei, Japan aufzurüsten - vor allem auch gegen den Rivalen China. F-35-Kampfjets sind schon bestellt, zudem steht ein verbessertes Luftabwehrsystem auf der Einkaufsliste. Aus offensichtlichen Gründen. Zudem steht Abe innenpolitisch unter Druck, seine Partei leistet sich immer wieder Skandale.

Da kann er das Getöse um Nordkorea gut brauchen.

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Südkorea - der bedrohte Schwesterstaat

Zwischen Nord- und Südkorea herrscht weiter Eiszeit. Ein Angebot des neugewählten südkoreanischen Präsidenten Moon Jae In für Gespräche zwischen Vertretern beider Landesteile wurde von Pjöngjang abgelehnt.

Moon wollte die Spannungen auf der koreanischen Halbinsel entschärfen, insbesondere durch ein baldiges Treffen von Familien, die durch den Koreakrieg (1950 bis 1953) auseinandergerissen wurden. Doch Nordkoreas Diktator Kim Jong Un weist Moon und dessen Versöhnungspolitik zurück. Kim scheint derzeit ausschließlich an der direkten Konfrontation mit den USA interessiert.

Allerdings wäre Südkorea im Fall einer tatsächlichen militärischen Eskalation natürlich unmittelbar betroffen. Nur 50 Kilometer südlich der Grenze leben rund 25 Millionen Menschen im Großraum Seoul, die Metropole ist zudem wegen ihrer Lage nur schwer zu evakuieren. Auch ohne Atomwaffen wären die Menschen in Gefahr. Nordkorea hat bis zu 15.000 Artilleriegeschütze an der Demarkationslinie an den Berghängen stationiert. Das amerikanische Nautilus-Institut schätzt, dass davon immerhin 700 Kanonen und Raketenwerfer die südkoreanische Hauptstadt unter Beschuss nehmen könnten.

Rund 30.000 US-Soldaten sind im Land stationiert, sie bilden die United States Forces Korea. Seit dem Koreakrieg gibt es diese ständige, massive US-Präsenz im Land - die ein klares Signal nach Norden senden soll.

Doch auch die südkoreanischen Streitkräfte selber rüsten nach. Vor allem bei der Luftüberwachung bessert die Regierung in Seoul ständig auf. Und militärische Hardliner im Land fordern noch mehr: Immer wieder gibt es Rufe nach einer nuklearen Bewaffnung des Südens, um die Bedrohung durch den Nachbarn zu kontern.

Hier stellt sich Moon jedoch quer.

Nord- und Südkorea
Nordkorea und Kim Jong Il
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Am 9. September 1948 rief der kommunistische Politiker Kim Il Sung im Norden die Demokratische Volksrepublik Korea aus. Sie entwickelte sich, zunächst in enger Anlehnung an die Sowjetunion, zu einer kommunistischen Volksrepublik. 1998 wurde dessen Sohn Kim Jong Il Regierungschef. Der ehemalige US-Präsident George W. Bush bezeichnete Nordkorea zusammen mit Iran und dem Irak als "Achse des Bösen" , die aufrüstet, um den Frieden der Welt zu bedrohen.
Die Teilung Koreas
Seit 1910 war Korea eine japanische Kolonie. Nach der Niederlage Japans 1945 rückten sowjetische Truppen im Norden und US-amerikanische Truppen im Süden des Landes vor und trafen sich am 38. Breitengrad. Die Vereinbarungen der Alliierten über die Bildung einer provisorischen Regierung und die Abhaltung freier Wahlen in ganz Korea konnten nicht verwirklicht werden, da sich die UdSSR widersetzte. Im September 1948 wurde in Nordkorea die Volksdemokratische Republik Korea ausgerufen; Südkorea (Republik Korea) gab sich im Juli 1948 eine Verfassung.
Korea-Krieg
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Am 25. Juni 1950 begann die militärische Auseinandersetzung zwischen der Demokratischen Volksrepublik Korea (Nordkorea) mit Unterstützung der Volksrepublik China und der Republik Korea (Südkorea), die von Uno-Truppen unter Führung der USA unterstützt wurde. Der Krieg endete mit der Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens von Panmunjom am 27. Juli 1953, das die Teilung am 38. Breitengrad zementierte.
Südkorea
Am 15. August 1948 wurde die Republik Korea gegründet. Staatspräsident ist Lee Myung Bak , der im Dezember 2007 die Präsidentschaftswahlen gewann und seit Februar 2008 im Amt ist. In den vergangenen Jahrzehnten erlebte Südkorea dank seiner exportorientierten Wirtschaftspolitik und der großzügigen Unterstützung Japans und der USA einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung.
Militärische Stärke

Militär in Nord- und Südkorea

Nordkorea Südkorea
Truppenstärke insgesamt 1.106.000 687.000
darunter Heer 950.000 560.000
Marine 46.000 68.000
Luftwaffe 110.000 64.000
Reservisten 4.700.000 4.500.000
Kampfpanzer 3.500 2.750
Artilleriegeschütze 17.900 10.774
Boden-Boden-Raketen 64 12
einsatzbereite Kampfflugzeuge 620 490
darunter Jagdflugzeuge 388 467
Bomber 80 -
Kriegsschiffe 8 47
darunter Zerstörer - 10
Fregatten 3 9
Korvetten 5 28
taktische U-Boote 63 13
kleinere Küstenwachboote 329 76

(Quelle: International Institute for Strategic Studies (IISS, London)

Im Video: Die Spirale der Drohungen

mit Material von Reuters und dpa

insgesamt 25 Beiträge
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widder58 09.08.2017
1. Kettengerassel
man kann es einfach nicht mehr anders ausdrücken, aber man hat das Gefühl nur noch von Idioten umgeben zu sein. Das hat nichts mehr mit Taktik und Kalkül zu tun, sondern nur noch mit dem Niveau von 3-jährigen. Das sich Trump dabei als Chef einer sogenannten Weltmacht zum Deppen macht, zählt dabei doppelt.
l.augenstein 09.08.2017
2. Fatal find ich dabei,
dass die ganze Welt dem kontinuierlichen Aufrüsten und Arbeiten an Atomsprengköpfen von Nordkorea zuschaut und bis dato nichts getan wurde, das zu verhindern. Was, wen dieser Irre in Pjöngjang tatsächlich demnächst in den Besitz von Atomwaffen kommen sollte? Und der sich weiter an dem anderen Psycho in den USA abarbeitet? So ganz leuchtet mir nicht ein, warum China, zumindest nach außen, dem ganzen Treiben relativ tatenlos zuschaut.
W/Mutbürger 09.08.2017
3. Ohne China
und evtl. ohne Russland wird es dort keine Lösung geben. Wenn beide Länder rigoros ihre wirtschaftlichen Beziehungen einfrieren, ist Nordkorea innerhalb eines Jahres am Ende. Bedeutet aber auch im Umkehrschluss, dass viele Nordkoreaner wieder verhungern müssen. Der Dicke natürlich ausgenommen.
espressotime 09.08.2017
4.
Ein Krieg mit Nordkorea lässt viele Fragen offen. Was passiert mit den über 20 Mio. Südkoreanern, nach Tod des Staatsvaters? Wer wird sich um die isolierten Menschen kümmern? Weitwurf sie geistig ins 21. Jahrhundert bringen? Wer kommt dafür auf? Wir erleben das doch hier tagtäglich, dass nach 25. Jahre Wiedervereinigung, die DDR Bürger immer noch das kommunistisch sozialistische Denken und Verhalten mit sich tragen.
otto_lustig 09.08.2017
5. Woher kommen die Teile für Atomraketen?
Zitat von l.augensteindass die ganze Welt dem kontinuierlichen Aufrüsten und Arbeiten an Atomsprengköpfen von Nordkorea zuschaut und bis dato nichts getan wurde, das zu verhindern. Was, wen dieser Irre in Pjöngjang tatsächlich demnächst in den Besitz von Atomwaffen kommen sollte? Und der sich weiter an dem anderen Psycho in den USA abarbeitet? So ganz leuchtet mir nicht ein, warum China, zumindest nach außen, dem ganzen Treiben relativ tatenlos zuschaut.
Dazu gibt es einen interressanten Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom vergangenen Sonntag. Sie kommen angeblich aus Russland. Das soll nicht heißen, dass die russische Regierung dafür verwantwortlich ist, einfach mal nachlesen. By the way, wir haben nicht nur einen Irren in Nordkorea, sondern auch einen in Washington. Und der ist wesentlich gefährlicher, als der in Pjöngjang. Wieviele waffenfähige Atomraketen besitzt Nordkorea? Zwei, drei? Und der Spinner aus Washington? Vermutlich einige tausend.
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