Atomgespräche mit Nordkorea Der schwierige Herr Kim

Nord- und Südkorea haben sich vor einem Jahr angenähert - doch von der Euphorie ist wenig geblieben. Stattdessen testet Kim Jong Un wieder Raketen. Was steckt dahinter?

Moon Jae In (r.) und Kim Jong Un während des Korea-Gipfels im April 2018
KOREA SUMMIT PRESS/ POOL/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Moon Jae In (r.) und Kim Jong Un während des Korea-Gipfels im April 2018

Von , Seoul


Der Baum hatte ein Problem - und das war wiederum ein Problem: Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un und Südkoreas Präsident Moon Jae In hatten die Pinie auf der Grenzlinie zwischen beiden Staaten gepflanzt. Das war im April 2018 bei ihrem ersten, historischen Treffen.

Eine hochgesicherte Pufferzone trennt die beiden Staaten und nur an einem Ort können sich Nord- und Südkoreaner in die Augen sehen: in der von der Uno kontrollierten gemeinsamen Sicherheitszone.

Dort, neben den berühmten blauen Häusern, schaufelten die beiden Politiker ein wenig; sie setzen die Pinie in Erde und gossen sie mit Wasser von Flüssen beider Länder. "Frieden und Wohlstand sind gepflanzt", steht seither auf einem Stein vor dem Baum.

Monate später kränkelte der Baum.

Das Uno-Kommando ließ Botaniker kommen, um ihn zu retten. "Wir konnten das Symbol der Annäherung ja nicht unter den Augen der Uno verenden lassen", scherzt ein US-amerikanischer Soldat, der Touristen an den blauen Häusern vorbeiführt. Es sind jene blauen Häuser, an denen auch US-Präsident Donald Trump Kim Jong Un traf.

Ehrgeizige Pläne - aber keiner wurde erfüllt

Viel Hoffnung ging von den Treffen bei den blauen Häusern aus und immer wieder auch das Gefühl, dass Frieden auf der hochgerüsteten koreanischen Halbinsel doch möglich sein könnte. Die bisher konkretesten Pläne dafür lieferte eine Vereinbarung, die Moon und Kim im September 2018 in der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang erzielten. Sie jährt sich in diesen Tagen zum ersten Mal. Sie einigten sich damals auf:

  • ein Ende der militärischen Spannungen,
  • gemeinsame wirtschaftliche Projekte,
  • mehr Austausch zwischen getrennten Familien,
  • Kooperation bei Kultur und Sport sowie
  • Fortschritte bei der atomaren Abrüstung.

Ein weiterer ehrgeiziger Plan war ein Besuch von Kim in Südkoreas Hauptstadt Seoul. Wie so viele der anderen Punkte konnte er nicht realisiert werden. Denn viel ist nicht geblieben von der Euphorie.

"Diese hartgesottenen Machiavellisten interessieren sich nicht für billige Symbolik"

Zunächst waren viele optimistisch. Wachtürme im Grenzgebiet wurden abgebaut, Landminen geräumt. Die Soldaten in der gemeinsamen Sicherheitszone, wo die Friedenspinie steht, sind seither unbewaffnet. Die koreanischen Staaten eröffneten ein gemeinsames Verbindungsbüro.

Ende 2018 legten beide Länder in einer symbolischen Zeremonie den Grundstein für eine gemeinsame Bahnverbindung. Also ungefähr zu dem Zeitpunkt, zu dem die Pinie zu kränkeln begann. Auch bei der Annäherung lief es seither immer schlechter:

  • Geplant waren Treffen und Videobotschaften zwischen getrennten Familien - die Verwandten können sich bis heute nicht einmal Briefe schreiben.
  • Geplant waren gemeinsame Grabungen, um die sterblichen Überreste von Soldaten aus dem Korea-Krieg zu heben - kein Nordkoreaner hat sich beteiligt.
  • Geplant war, dass nordkoreanische Athleten bei der Schwimmweltmeisterschaft in diesem Sommer im südkoreanischen Gwangju teilnehmen - kein Sportler aus dem Norden ist erschienen.

Denn die nordkoreanische Führung hat schlicht kein Interesse. "Diese hartgesottenen Machiavellisten interessieren sich nicht für billige Symbolik", sagt Andrei Lankov, der an der Kookmin Universität in Seoul lehrt und Direktor der Analyseseite "NK News" ist. "Stattdessen brauchen sie Geld und wollen, dass die Sanktionen gelockert werden."

Nordkoreas Medien bezeichnen Südkoreas Präsidenten Moon als "frechen Kerl"

Anders als China kann der südkoreanische Präsident Moon es sich nicht leisten, die vom Uno-Sicherheitsrat verhängten Wirtschaftssanktionen zu verletzen. Pjöngjang setzt aber darauf, dass er sich bei den USA dafür einsetzt, die Sanktionen zu lockern. Daher erhöht das Regime den Druck auf ihn - entweder, indem man sich gemeinsamen Projekten verweigert oder ihm droht.

In den nordkoreanischen Staatsmedien wurde Moon in den vergangenen Monaten immer wieder beleidigt, wobei "frecher Kerl" noch eine milde Beschimpfung ist.

Daher bedeuteten die neuen Raketentests, zuletzt am 9. September, auch nicht, dass Nordkorea wieder auf Konfrontation mit den USA gehe - eher im Gegenteil, argumentiert Lankov.

Kim Jong Un posiert nach dem Test neben einem Raketenwerfer
KCNA via REUTERS

Kim Jong Un posiert nach dem Test neben einem Raketenwerfer

Denn Kim testet keine Raketen, die Zielen in den USA gefährlich könnten, sondern solche, die Südkoreas Hauptstadt Seoul treffen könnten. Im Juli ließ die nordkoreanische Führung wissen, wie die Abschüsse zu verstehen seien - nämlich als "Warnung an die Kriegstreiber im Süden".

Tatsächlich könnte es in den kommenden Wochen neue Gespräche zwischen nordkoreanischen und US-amerikanischen Vertretern über das Atomprogramm Pjöngjangs geben. Dass Trumps Nationaler Sicherheitsberater John Bolton, der als Hardliner galt, das Kabinett verlassen hat, werten viele als gutes Zeichen für die Verhandlungen. Moon und Trump werden am Montag bei einem Treffen in New York darüber sprechen können.

Neue Gefahr an der innerkoreanischen Grenze: die afrikanische Schweinepest

Experten plädieren dafür, von Maximalforderungen abzurücken - dass Nordkorea alle Aktivitäten, Arsenale und Anlagen vollständig offenlegt, ist unrealistisch; auch, dass es erst atomar abrüstet und dann Sanktionen gelockert werden. Ein erster Schritt könnte ein "Einfrieren" des Programms sein sowie die Abschaltung des Atomkomplexes in Yongbyon.

Die Diskussion, wie der Konflikt zu lösen ist, bestimmt auch die Konferenzen in Südkorea rund um den Jahrestag des Pjöngjang-Gipfels. Die offiziellen Feierlichkeiten mussten aber von der Grenze in die Hauptstadt verlegt werden. Denn aus Nordkorea droht noch eine andere Gefahr: Die afrikanische Schweinepest hat nun auch Tiere im Süden infiziert.

Die Friedenspinie ist dank des Einsatzes der Botaniker aber immerhin wieder gesund.

insgesamt 8 Beiträge
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Beat Adler 22.09.2019
1. WAS steckt dahinter? Eher: WER steckt dahinter?
WAS steckt dahinter? Eher: WER steckt dahinter? Im September 2017 veroeffentlichte China ofiziell, dass es keinerlei Atomwaffen weder in Nord -noch in Suedkorea dulden wird. Kim Jong Un wurde danach zum Rapport nach Beijing befohlen. Maerz 2018 begann Trump den Handelskrieg gegen China. Seitdem herrscht in Beijung, bei der alleinseligmachenden, kommunistischen Einheitspartei unter der Fuehrung des Pharaos auf Lebenszeit Xi Jing Ping, der Einzige, der das Nordkoreaproblem loesen kann, Funkstille. Moon (auch Trump) kann tun und lassen was er will, solange der Pharao Xi nicht mitzieht, aendert sich nichts. mfG Beat
AndreasKurtz 22.09.2019
2. Gar nichts ist schwierig mit Herrn Kim
Er hat ganz klar gemacht, wenn Südkorea wieder seine Großmanöver mit den USA angfängt - Manöverziel Vernichtung Nordkorea's, und F35 en mass kauft, dann findet er das nicht dem Geist der Vereinbarungen angemessen. Er reagiert wie angekündigt. Das ist ganz einfach und nur in der deutschen Einheitspresse eine geheuchelte Überraschung. Selbst Trump ist da cool, er weiss nämlich was besprochen worden ist. Er weiss auch, dass er schon hätte viel weiter sein können um den Konflikt zu lösen.
demokroete 22.09.2019
3. Was passiert, wenn man in Vorleistung tritt
und sich damit in eine Position der Schwäche begibt, haben wir in Libyen und im Irak gesehen. Was von Verträgen mit den USA zu halten ist, kann man an der einseitigen Kündigung des ABM und INF Vertrages sehen oder auch am Bruch des Iran Abkommens. Mit den USA braucht man gar keine Verträge zu schließen, die pochen nur dann auf Vertragseinhaltung, wenn es für ihre geostrategischen Pläne nützlich ist. Und die südkoreanische Regierung unternimmt nichts, was nicht in Washington abgesegnet ist.
blabla55 22.09.2019
4.
Na ja,Kim schaut sich den Iran an und zieht seine Schlüsse.Traue nie einen Staat der internationale Standtart bricht.Siehe völkerrechtswidrige Anerkennung der Golanhöhe oder die einseitige Aufkündigung der USA Wiener Nuklearvereinbarung mit dem Iran.
quark2@mailinator.com 22.09.2019
5.
Nicht nur testet Nordkorea wieder Raketen, sondern Südkorea führt auch wieder Militärmanöver mit den USA durch. Aber der eigentliche Punkt ist doch sowieso die Sache mit den Atomsprengköpfen und Trägerraketen. Nordkorea kann seine Atomwaffen nur aufgeben, wenn es echte Sicherheitsgarantien bekäme. Wer sollte die aber geben ? Und dann wäre da noch das Aufheben der ökonomischen "Sanktionen" und auch da wäre wieder die Frage, wie das garantiert werden soll. Die USA haben ja klargestellt, daß sowas nur so lange gilt, wie man dazu Lust hat. Trump hat diverse unterschriebene Verträge einfach zerrissen. Keine Ahnung, wie man mit so einem Land überhaupt noch zusammenarbeiten soll. Man weiß ja nie, was morgen ist.
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