Nordkorea Kim Jong Un und seine verschollenen Brüder
Pjöngjang - Der Personenkult in Nordkorea ist absolut. Die staatlichen Medien feiern den jungen Diktator Kim Jong Un als gesegneten Herrscher. Als einen mit quasi übernatürlichen Kräften ausgestatteten Führer, der einer unvergleichlichen Familie entstammt. Doch nun - gut ein Jahr nach der Machtübernahme vom verstorbenen Kim Jong Il - fragt die "Washington Post", was eigentlich aus Kims Geschwistern geworden ist. Denn von seinen beiden älteren Brüdern und seinen vier Schwestern ist in der Öffentlichkeit keine Spur mehr zu finden. Dabei hatten zumindest die Brüder einst durchaus auch als mögliche Erben der Macht gegolten.
Gerade jetzt, am Geburtstag Kim Jong Uns, häufen sich die Meldungen über den jungen Machthaber. In dem vom Hunger geplagten Land lässt er anlässlich seines Ehrentages ein Kilogramm Süßigkeiten an jedes Kind verteilen. Für die Aktion seien unter anderem Flugzeuge und Hubschrauber mobilisiert worden, berichtete am Montag der staatliche Rundfunk. In Dörfern auf abgelegenen Inseln habe es bei Ankunft der Maschinen "Explosionen der Freude" gegeben.
Kim Jong Un hat nach offiziellen nordkoreanischen Angaben am 8. Januar Geburtstag, Verwirrung herrscht aber über sein Geburtsjahr. Verschiedenen Berichten zufolge ist dieses 1982, 1983 oder 1984.
Während Kim Jong Un in blendendem Rampenlicht steht, sind seine Brüder Kim Jong Nam, 41, und Kim Jong Chul, 31, daraus völlig verschwunden. Laut dem Bericht der "Washington Post" existieren offenbar keine Pläne, die beiden Männer in den Machtapparat mit einzubeziehen. Informationen gibt es über beide kaum. Kim Jong Chul lebt dem Bericht zufolge in Nordkorea. Er soll zuletzt 2011 in der Öffentlichkeit gesehen worden sein, als er ein Konzert von Eric Clapton in Singapur besuchte. Der älteste Bruder, Kim Jong Nam, soll lange Zeit ein luxuriöses aber abgeschottetes Leben in der asiatischen Spielermetropole Macau geführt haben. Er war zuletzt vor rund einem Jahr aufgefallen, als er in einem Interview über seinen Halbbruder herzog. Dieser werde von der herrschenden Elite zur Machtsicherung benutzt, schrieb er damals in einer E-Mail an die japanische Zeitung "Tokyo Shimbun". "Ich frage mich, wie ein junger Erbe nach lediglich zwei Jahren Ausbildung in der Lage sein soll, die absolute Macht zu übernehmen."
Kims Kinder haben viele Mütter
Wenig ist auch darüber bekannt, welches Verhältnis die Geschwister zueinander pflegen. Die Kinder stammen von verschiedenen Müttern und sollen laut "Washington Post" in unterschiedlichen Haushalten aufgewachsen sein. Der älteste und der jüngste Bruder sind sich demnach nie begegnet. Ursprünglich waren Beobachter des Regimes davon ausgegangen, dass Kim Jong Nam als erstgeborener Sohn der natürliche Erbe Kim Jong Ils sein würde. Doch er soll vor zwölf Jahren in Ungnade gefallen sein, als er mit einem falschen Pass versucht haben soll, unerkannt für einen Besuch von Disneyland nach Japan einzureisen.
Kim Jong Un und Jong Chul sollen sich dagegen näher sein. Sie haben dieselbe Mutter, besuchten mehrere Jahre gemeinsam dieselbe Schule in der Schweiz und später die Militärakademie in Pjöngjang. Warum ausgerechnet der jüngere der beiden die Macht erbte, ist unklar. Die "Washington Post" spekuliert über einen unsteten Charakter Kim Jong Chuls. Zwar gebe es kaum biografische Informationen über den Mann. Aber der Koch der Familie habe bereits vor zehn Jahren in einem Buch über seine Zeit bei den Kims geschrieben, der ältere der beiden Jungen sei unmännlich und interessiere sich nicht für Politik. In anderen Quellen, so heißt es in dem Artikel weiter, werde Jong Chul als kränklicher Computerspiele-Fan beschrieben.
Doch womöglich wird er eines Tages doch noch eine öffentliche Rolle in Nordkorea spielen. Die "Washington Post" schreibt unter Berufung auf hochrangige Flüchtlinge aus Nordkorea, Jong Chul bekleide inzwischen eine Position in der Arbeiterpartei - und unterstütze seinen Bruder, indem er den Mund halte.
Der junge Diktator hatte kürzlich Hoffnungen auf einen Wandel im bitterarmen Land geschürt, als er in seiner Neujahrsbotschaft von "großen Veränderungen" und einem "radikalen Umschwung" sprach.