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03. Oktober 2013, 13:05 Uhr

Memoiren von nordkoreanischem Spion

Zyankali für den Agenten, Whisky für den Chef

Kim Dong Sik wurde in Nordkorea als Agent gedrillt und spionierte im verfeindeten Süden. Doch bei einer Mission in den neunziger Jahren geriet er in eine Falle und wurde zum Überläufer. In seinen Memoiren berichtet er jetzt aus dem Leben als Spion.

Seoul - Kim Dong Sik ist auf der Suche nach einem Mönch. Der nordkoreanische Agent hat sich an diesem 24. Oktober 1995 eine regennasse Bergstraße bis zu einem Tempel in Buyeo hochgekämpft. In diesem Tempel, 150 Kilometer südlich von Seoul, sollen er und sein Kollege eine Kontaktperson treffen. Ihre Mission: Einen kommunistischen Agenten, der seit 15 Jahren im verfeindeten Südkorea spioniert, zurück in den Norden bringen. Doch es gibt keinen Mönch.

Als das Duo merkt, dass es in eine Falle tappt, ist es zu spät: Die beiden entschließen sich zur Flucht, lassen sich auf einen Schusswechsel ein, schlucken aber beide nicht ihre Selbstmordkapseln aus Zyankali. Kims Kollege wird erschossen, er von südkoreanischen Geheimdienstlern festgenommen.

Mit Kims Ergreifung beginnt die "New York Times" die Geschichte des Ex-Spions, die viel erzählt über die tödliche Rivalität zwischen dem Norden und dem Süden der koreanischen Halbinsel.

Die Festnahme ändert Kims Leben radikal. Einst galt er im Norden als "Held der Republik", nun als Verräter. Er hat den Befehl missachtet, bei einer drohenden Ergreifung mit Gift Selbstmord zu begehen. Der "New York Times" sagt er: "Ich war nicht glücklich darüber, am Leben zu sein, weil ich wusste, dass meine Familie nun leiden würde."

Seine Angehörigen verschwinden bei einer politischen Säuberung: Von Kims Familie, darunter seine heute 21-jährige Tochter, fehlt seitdem jede Spur. Seine Frau aus dem Norden hat ihn "verstoßen", die einzige Möglichkeit, um in Kim Jong Uns Diktatur als Gattin eines Verräters der Exekution oder dem Arbeitslager zu entgehen.

Kim Dong Sik lebt heute in Südkorea, sein Name ist ein Alias, den echten verschweigt er. Die Zeit als nordkoreanischer Spion hat er in seinen Memoiren mit dem Titel "No One Reported Me" verarbeitet, die bald erscheinen sollen. Das Buch gilt unter konservativen Politikern Südkoreas als Beweis, dass Nordkorea unnachgiebig das Ende des südlichen Nachbarn herbeiführen wolle.

Training in unterirdischem Straßenzug

Die Geschichte von Kim, Sohn eines Provinzbeamten, beginnt 1981. Er wird als Spion ausgebildet. In einem Tunnel nahe Pjöngjang ist die Kulisse einer südkoreanischen Straße aufgebaut. Hier lernen die Agenten, wie man ein Busticket kauft oder mit dem Akzent des Südens spricht.

Gleich seine erste Mission wird ein Erfolg. Mit einem Kollegen, so berichtet die "New York Times", spioniert Kim 1990 fünf Monate erfolgreich im Süden. Die Heimreise gelingt mit einer spektakulären Fracht: ein kooperativer südkoreanischer Dissident, Whisky, Armbanduhren für die Chefs und eine nordkoreanische Agentin. Es ist Lee Sun Sil, die sich erfolgreich als Immigrantin aus Japan ausgegeben hatte und jahrelang geheime Informationen nach Pjöngjang geschickt hatte. Ihre Rückkehr ist eine Schmach für die südkoreanischen Geheimdienstler. Kim wird mit dem höchsten Titel des Landes geehrt.

"Ich wünschte, mein Leben wäre ein Film"

Doch fünf Jahre später, als Kim erneut im Süden spioniert, ist die Sowjetunion zerbrochen, in Nordkorea herrscht Hunger, der Glaube an den Sozialismus ist geschwunden. Kontaktpersonen weigern sich, mit Kim zusammenzuarbeiten. Und: Kims Führungsoffiziere wissen nicht, dass der "Mönch" nicht 15 Jahre lang als nordkoreanischer Spion gearbeitet hat - vielmehr ist der Agent schon 1980 bei der Einreise aufgeflogen, die Geschichte des erfolgreichen Spions eine Erfindung südkoreanischer Geheimdienste. Die Falle im Tempel von Buyeo schnappt zu.

Nach seiner Gefangennahme wird Kim fünf Jahre gefangen gehalten und befragt, bevor er die Seiten wechselt: Fortan arbeitet er für ein Institut des südkoreanischen Geheimdienstes. Mit seiner neuen Frau hat er zwei Söhne. Er identifiziert einen ehemaligen Kollegen aus dem Norden als Mörder - auch deshalb will er bis heute nicht seinen wahren Namen in der "New York Times" lesen.

Seine Memoiren hat er geschrieben, damit sein Sohn irgendwann einmal verstehen kann, was er für einen Vater hat. "Manchmal denke ich, dass mein Leben ein Film ist. Ich wünschte es wäre so."

asp

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