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Nordkoreanische Streitkräfte: Gewaltig veraltet

Foto: AP/ KRT

Nordkoreas Streitkräfte Riesenarmee, Riesenprobleme

Soldaten im Stechschritt, Panzer und Raketen in Dauerparade: Nordkorea protzt derzeit mit seiner angeblichen Militärmacht. Doch wie ist es wirklich um die Streitkräfte im Land bestellt?

Seit Wochen provoziert das nordkoreanische Regime um Machthaber Kim Jong Un mit Raketentests, seit Wochen antwortet die amerikanische Regierung mit scharfer Rhetorik: "Wir schicken eine Armada, sehr schlagkräftig", wenn China das Problem mit Nordkorea "nicht löst, werden wir es tun" - nur einige Aussagen von US-Präsident Donald Trump, die er in Richtung Pjöngjang schickte. Dass die "Armada" zunächst tagelang auf falschem Kurs unterwegs war, sorgte für Spott. An der dramatischen Lage ändert es wenig.

Sogar über einen Präventivschlag der amerikanischen Regierung wurde in den US-Medien spekuliert. Schließlich testete Nordkorea zuletzt nicht nur Raketen mit größerer Reichweite, auch über neue Atomtests des Landes war gemutmaßt worden.

Und das isolierte Land lässt nicht locker: Zu Beginn der Woche beging Pjöngjang offiziell den 85. Gründungstag der Streitkräfte, begleitet von einem Großmanöver und der Drohung von "atomaren Erstschlägen". Ein Ende des Schlagabtausches ist nicht in Sicht: Nordkorea werde weiter provozieren, "vor allem in den Wochen, die bis zur Präsidentschaftswahl in Südkorea am 9. Mai vor uns liegen", sagt Amerikas führender Korea-Experte Victor Cha im Interview mit dem SPIEGEL.

So viel zum verbalen Säbelrasseln. Doch wie ist es wirklich um die Schlagkraft der nordkoreanischen Truppen bestellt?

Hinweise darauf gibt unter anderem das Jahrbuch "Military Balance" des britischen Thinktanks IISS (International Institute for Strategic Studies). IISS misst weltweit die militärischen Stärken der Länder. Aufschluss geben aber auch Studien des amerikanischen Verteidigungsministeriums.

  • Ein Heer von Reservisten

Eine 2015 vom US-Verteidigungsministerium für den US-Kongress ausgearbeitete Studie  zeigt: Nordkorea hat die viertgrößte Armee der Welt - verfügt aber über veraltetes Gerät.

Seit Jahren ist Kim Jong Uns wichtigste Waffe die schiere Personalstärke seiner Truppe. Mehr als 1,2 Millionen aktive Soldaten stehen dem Diktator zur Verfügung - bei gerade einmal 24 Millionen Einwohnern. Noch beeindruckender ist die Zahl der Reservisten. Zwischen 25 und 30 Prozent der Bevölkerung sollen in Reserveeinheiten organisiert sein. Das wären sechs bis sieben Millionen zusätzliche Kräfte.

Demgegenüber steht beispielsweise Südkoreas Armee mit mehr als 600.000 aktiven Soldaten und rund drei Millionen Reservisten. Nach früheren Studien des südkoreanischen Economic Research Institute über den Verlauf einer militärischen Auseinandersetzung zwischen Nord- und Südkorea wäre mit Blick auf die militärische Stärke der Norden überlegen - rasche Gebietsgewinne wären wahrscheinlich.

Laut Korea-Experte Cha verfügt das Land über bis zu 21.000 Artilleriewaffen. Ein erheblicher Teil ist an der Grenze zum Süden stationiert. Das birgt vor allem für die südkoreanische Hauptstadt Seoul Gefahren. Sie liegt nur rund 50 Kilometer von der demilitarisierten Zone entfernt - und in Reichweite der nordkoreanischen Artillerie. Allerdings gilt ein großer Teil der Artillerie als veraltet. Konkrete Angaben über den Zustand sind jedoch rar.

  • Veraltete Luftwaffe, neue U-Boote

Rund 3500 leichte und schwere Panzer hat Pjöngjang zur Verfügung, zum größten Teil russischer Bauart und aus den Fünfziger- bis Siebzigerjahren. In den vergangenen Jahren präsentierte das Land aber auch neue Panzer, Geschütze und Infanterie. Trotz Ressourcenknappheit und veralteter Ausrüstung könne Nordkorea ohne große Vorwarnung einen Angriff auf Südkorea starten, hieß es in dem Bericht des US-Verteidigungsministeriums.

Seit Jahrzehnten hat das Land keine neuen Kampfflugzeuge mehr eingekauft. Die leistungsstärksten Jets sind die MiG-29 aus den Achtzigerjahren, die Nordkorea der Sowjetunion abgekauft hatte. Andere Flugzeuge - etwa die MiG-23 und -21, Su-28 oder Iljuschin-28 - stammen gar aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Für alle Maschinen fehlt es häufig an Treibstoff, und die Piloten haben nur wenig Gelegenheit, in der Luft zu trainieren.

Auf See hat Nordkorea rund 60.000 Mann im Einsatz. Die Marine verfügt mit 70 U-Booten unterschiedlicher Größen über eine der größten Flotten dieser Art weltweit. Derzeit modernisiert das Regime einige Schiffe und entwickelt außerdem ein U-Boot, das auch Raketen abfeuern kann. Einen Großteil der Streitkräfte auf See machen nach US-Angaben allerdings kleinere, in die Jahre gekommene Patrouillenschiffe oder Luftkissenboote aus.

  • Machthaber zeigt sich mit angeblicher Atombombe

In den vergangenen Jahren konzentrierte sich Pjöngjang vor allem auf sein Nuklearprogramm und den Ausbau der ballistischen Waffen. Nordkorea arbeitet an der Entwicklung von Mittelstrecken- und Langstreckenraketen, die einen atomaren Sprengkopf tragen können.

In seiner Neujahrsansprache hatte Machthaber Kim Jong Un erklärt, sein Land stehe kurz vor dem Test einer Interkontinentalrakete, die auch Teile der USA erreichen könne. Der britische Thinktank IISS nimmt an, dass Nordkorea über eine dieser Raketen verfügt.

Nach Expertenmeinung gelten die Langstreckenraketen Nordkoreas aber noch nicht als einsatzfähig (mehr dazu lesen Sie hier).

Über wie viele Atomwaffen das Land am Ende genau verfügt, ist nicht bekannt. Der britische Thinktank geht von 20 aus - andere Quellen sprechen von einem Dutzend. Kim Jong Un selbst hatte im März 2016 erstmals persönlich behauptet, eine Atomwaffe zu besitzen, die klein und leicht genug für eine Rakete wäre. Auf Fotos posierte er neben einer Metallkugel, bei der es sich um eine Atombombe handeln sollte.

Diktator Kim Jong Un mit angeblicher Atomwaffe (2016)

Diktator Kim Jong Un mit angeblicher Atomwaffe (2016)

Foto: Kcna/ dpa

Das südkoreanische Verteidigungsministerium erklärte allerdings anschließend, Nordkorea besitze die notwendige Technologie nicht.

Mitarbeit: Almut Cieschinger
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