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30. Juni 2019, 16:11 Uhr

Treffen von Kim und Trump

"Good to see you"

Von , Seoul

Ein Tweet, dann angespanntes Warten - und schließlich ein Handshake: Das Treffen von Donald Trump und Kim Jong Un war spektakulär. Aber wie verlässlich ist der nordkoreanische Diktator?

Es waren wenige Schritte, die für ein historisches Ereignis reichten: Als erster amtierender US-Präsident hat Donald Trump am Sonntag den Boden des kommunistischen Nordkorea betreten.

Er tat dies an der Seite des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong Un, mit dem er zuvor an der Demarkationslinie im Waffenstillstandsdorf Panmunjom zusammengetroffen war. Dort hatten die beiden Männer einige Worte gewechselt. "Good to see you", sagte Kim auf Englisch, "ich hatte nicht erwartet, Sie an diesem Ort zu treffen."

Trump und Kim schritten einige Meter in den Norden, schüttelten sich die Hand. Nach einer Minute ging Trump zurück und nahm dieses Mal Kim mit auf die südkoreanische Seite.

"Großartiges passiert gerade", sagte Trump. Er dankte Kim, dass er gekommen war, "das war alles sehr spontan". Der US-Präsident hatte am Samstag per Twitter Kim vorgeschlagen, ihn an der Grenze zu treffen und später klargestellt, es ginge ihm nur um einen Handschlag, "nur zwei Minuten".

Ob die Begegnung sich tatsächlich so spontan und ungeplant ergab oder schon länger organisiert war, ist unklar. Der Raum, in dem sich der amerikanische Präsident und der nordkoreanische Diktator dann unterhielten, war jedenfalls gut vorbereitet mit Flaggen beider Länder.

Da die Weltöffentlichkeit bis wenige Stunden zuvor nicht wusste, ob das unkonventionelle Treffen überhaupt stattfinden würde, war der Effekt umso größer, als beide Männer sich in der Demilitarisierten Zone die Hand schüttelten. Es war eine Begegnung ganz nach dem Geschmack des US-Präsidenten. "Das war ein großartiger Tag, ein legendärer, historischer Tag", sagte Trump später.

Im Video: "Das hätte keiner erwartet"

53 Minuten unterhielt er sich mit Kim in einem Raum auf südkoreanischer Seite, um "einige Details auszuarbeiten". Denn seit dem gescheiterten Gipfel in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi sind Washington und Pjöngjang mit ihren Verhandlungen über die atomare Abrüstung Nordkoreas nicht vorangekommen.

Die amerikanische Seite betont schon seit Wochen, sie sei bereit. Das Treffen an der Demilitarisierten Zone (DMZ) soll die Gespräche nun wiederbeleben. Ob das gelingt, werden die kommenden Wochen zeigen.

Die innerkoreanische Grenze ist eine der am besten gesicherten der Welt

Die DMZ, in der sich Trump und Kim trafen, trennt Nord und Süd seit Ende des Koreakrieges vor 66 Jahren. Noch immer ist die innerkoreanische Grenze eine der am besten gesicherten der Welt. Doch seit vergangenem Jahr findet hier Bemerkenswertes statt. Wachtürme wurden abgebaut und Landminen geräumt.

Und mitten in der DMZ, auf dem Hügel Arrowhead Ridge, wo Südkoreaner, Amerikaner und Franzosen erbittert gegen Truppen aus dem Norden kämpften, finden nun Ausgrabungen statt. Seit Anfang April wurden die sterblichen Überreste von 70 Männern gefunden. Familien hoffen, ihre Angehörigen endlich begraben zu können.

Es ist ein Projekt, das erst mit der Aussöhnung der beiden koreanischen Staaten, die - wie die Annäherung zwischen Nordkorea und den USA - im vergangenen Jahr begann. Es zeigt jedoch auch, wie schwierig dieser Prozess sein kann. Denn die Ausgrabungen der DMZ waren als gemeinsame Anstrengung von Nord und Süd geplant - doch kein nordkoreanischer Soldat hat bislang dort mitgearbeitet.

Bislang kein Wandel durch Annäherung zwischen Nord- und Südkorea

Auch bei der Sportdiplomatie hakt es. Gaben die Winterspiele in Pyeongchang im Februar 2018 noch Anlass zu Hoffnung oder gar Euphorie, als bei der Eröffnungsfeier die Olympiamannschaften von Nord- und Südkorea unter gemeinsamer Flagge ins Stadion einmarschierten, folgt nun Ernüchterung.

Zur Schwimmweltmeisterschaft im südkoreanischen Gwangju im Juli wird offenbar kein einziger nordkoreanischer Athlet erscheinen. "Eintauchen in den Frieden" lautet das Motto des Wettkampfs. Gwangjus Bürgermeister Lee Yong Seop hofft, dass die Veranstaltung "mehr ist als ein Ort des Wettbewerbs um Medaillen", und "zum Frieden auf der koreanischen Halbinsel und auf der Welt" beiträgt.

Doch die Nordkoreaner reagierten weder auf einen Brief des Bürgermeisters noch auf Einladungen von zwei südkoreanischen Ministerien. Bei mehreren Sportkonferenzen soll die Beteiligung der Nordkoreaner angeregt worden sein, ebenso wie im gemeinsamen Verbindungsbüro in der Stadt Kaesong. Auch Anrufe oder schriftliche Anfragen des internationalen Schwimmverbands Fina blieben nach eigenen Angaben ohne Erfolg.

"Der einzige Weg, Frieden zu erreichen, ist Dialog"

Nordkorea zeigt wenig Interesse an Sport- und Kulturaustausch, drängt den Süden aber zu wirtschaftlichen Projekten. Weil diese aber unter den bestehenden Sanktionen gegen das Regime nicht möglich sind, hat sich das Verhältnis merklich abgekühlt. Vergangene Woche erklärte Pjöngjang ungewöhnlich deutlich, die Regierung in Seoul solle sich nicht mehr in die Gespräche zwischen Nordkorea und den Vereinigten Staaten einmischen.

Darauf am Sonntag angesprochen, sagte Südkoreas Präsident Moon Jae In: "Der einzige Weg, Frieden zu erreichen, ist Dialog." Moon reiste später zwar mit Trump in die DMZ, hielt sich aber merklich zurück.

Obwohl er im vergangenen Jahr die Annäherung zwischen Trump und Kim wesentlich mit angeschoben hat, überließ er die große Bühne dem US-Präsidenten. Dieser sei, so Moon, ein "Friedensbringer" für die koreanische Halbinsel.

Die Gefahr aus dem Norden bleibt real

Seit seinem Amtsantritt 2017 bemüht sich Moon, eine Aussöhnung mit dem Norden voranzutreiben, zwischen Washington und Pjöngjang zu vermitteln und potenziell gefährliche Spannungen zu vermeiden. Wer verstehen möchte warum, muss Seoul nicht einmal verlassen. Im Zentrum der Metropole erinnert das Kriegsdenkmal daran, wie fragil Frieden und Wohlstand sein können.

Kampfjets und Panzer aus dem Koreakrieg sind mitten im Bezirk Yongsan aufgebaut. Auch ein Flugzeug steht dort, mit dessen Hilfe ein nordkoreanisches Kommando aufgespürt werden sollte, das 1968 nach einem missglückten Angriff auf den südkoreanischen Präsidentenpalast in die Berge floh. In einem kleinen See schwimmt ein Semi-Submarine, das nordkoreanische Spione 1983 vor die Küste Busans steuerten.

Um das Boot wachsen jetzt Seerosen, eine Entenfamilie paddelt vorbei und lässt es fast wie die Ausstattung eines James-Bond-Films wirken. Doch die Kriegsgeräte machen deutlich, dass das Regime im Norden über Jahrzehnte eine Gefahr für den Süden geblieben ist.

"Was wir heute tun, ist ein Schritt in die richtige Richtung"

Außerdem: Hinter der Grenze - und der DMZ - stehen Raketenbasen, von denen aus Seoul wohl jederzeit angegriffen werden könnte. Wie groß die Kriegsgefahr auf der koreanischen Halbinsel 2017 tatsächlich war, ist bis heute umstritten. Doch für die Menschen in Südkorea fühlte sich die Bedrohung real an.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, warum Moon mit Trump übereinstimmte, als dieser am Sonntag sagte: "Was wir heute tun, ist ein Schritt in die richtige Richtung." Denn die erklärten Ziele von Moons Präsidentschaft lauten: "Wohlstand und Frieden."

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