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11. Juni 2018, 16:54 Uhr

Nordkorea-Gipfel in Singapur

Kim Jong Un macht Sightseeing

Aus Singapur berichtet

Donald Trump und Kim Jong Un treffen sich in Singapur zum Nordkorea-Gipfel. Der Stadtstaat befindet sich im Ausnahmezustand - und der Diktator aus Pjöngjang läuft durch die Stadt.

"Deal" ist das Wort der Stunde in Singapur. Donald Trump und Nordkoreas Diktator Kim Jong Un beginnen am Dienstag ihr groß angekündigtes Treffen, der südostasiatische Stadtstaat befindet sich im Ausnahmezustand, und alle fragen: Gibt es einen "Deal", ein großes Abkommen über den Abbau von Kims Nuklearprogramm, einen Friedensvertrag?

Trump und Kim machen es spannend - und sie geben sich verschlossen. Anders als sonst gibt das Weiße Haus bislang nur wenige Details über den geplanten Ablauf des Gipfeltreffens bekannt. Fest steht wohl, dass Trump und Kim zu Beginn für zwei Stunden allein sprechen wollen, ohne Berater, nur die Dolmetscher sollen dabei sein. Anschießend ist ein Mittagessen geplant, Trump will auch vor die Presse treten.

Beide Staatschefs sind bereits in der Stadt, gehen sich aber noch aus dem Weg. Nacheinander treffen sie sich mit Singapurs Premierminister Lee Hsien Loong, es sind Anstandsbesuche. Der Mann spielt in den Verhandlungen keine Rolle.

Dafür hilft er mit, dass das Treffen am Dienstag auf der kleinen Ferieninsel Sentosa vor der Küste Singapurs möglichst reibungslos abläuft.

Nordkoreaner und Amerikaner haben den Stadtstaat bewusst gewählt, weil er als politisch neutral gilt und eine strenge Regierung hier für maximale Sicherheit sorgt. Als bei einem Diplomatengipfel 2016 ein Betrunkener durch eine Sicherheitsbarriere fuhr, wurde er von einem Mann der örtlichen Gurkha-Spezialeinheit erschossen.

Nichts und niemand soll die große Gipfelshow stören. Schon jetzt sind einige Straßen in der Stadt abgesperrt, Demonstrationen sind nur nach vorheriger Genehmigung erlaubt, was aber kein Problem ist, da ohnehin kaum jemand da ist, der für oder gegen irgendetwas demonstrieren will.

Außer Dominik Ulrich, 22, aus Polen. Er steht vor dem Shangri-La-Hotel, in dem Trump wohnt. Auf dem Kopf trägt er eine rote "Make America Great"-Mütze, in der Hand eine US-Flagge. Damit will er Trump zuwinken, wenn er vorbeifährt. Der Student wohnt in Singapur und ist ein Trump-Fan der ersten Stunde. "Ich hoffe, dass er einen Deal macht. Es geht um den Weltfrieden", sagt er. "Wenn es einer schafft, dann ist das Trump."

Einer der Vorteile eines strengen Sicherheitsregimes ist, dass Trump und Kim so die maximale Kontrolle über die Bilder ihres Gipfels behalten. 3000 Journalisten sind nach Singapur gekommen, um über das Ereignis zu berichten, sie werden zumindest bislang geschickt auf Abstand gehalten.

Weil alles abgeriegelt ist, haben sich einige Reporter darauf verlegt, die Sache im Paparazzi-Stil anzugehen. Zwei koreanische Reporter, die versuchten, an der Residenz des nordkoreanischen Botschafters zu filmen, wurden von der Polizei festgenommen. Am feinen Hotel Capella auf Sentosa, wo sich Trump und Kim am Dienstag treffen wollen, gab es ebenfalls Ärger.

Einige Reporter versuchten, als Gäste getarnt auf das Gelände zu kommen, und wurden gleich wieder hinausbefördert. Der Zugang zu der Insel ist noch frei, denn gleich neben dem Capella befinden sich ein Vergnügungspark und auch andere Hotels.

Besonders neugierig machen natürlich Kim Jong Un und seine Entourage. Der Diktator, der sein Land in seiner Amtszeit bislang nur sehr selten verlassen hat, wohnt im St. Regis, einem Fünf-Sterne-Hochhaus an der Einkaufsmeile Orchard Road im Herzen der Stadt. Polizisten kontrollieren jedes Auto, das sich dem Hotel nähert. Wer direkt an dem Hotel fotografiert, wird höflich, aber bestimmt darauf aufmerksam gemacht, dass dies verboten sei. Reporter müssen mit ihren Kameras vor einer Betonabsperrung stehen.

Am Abend (Ortszeit) jedoch wagte sich Kim dann doch noch einmal vor die Tür - und machte sich mit seiner enormen Entourage auf Sightseeingtour. So besuchte er unter anderem das Marina Bay Sands Hotel, das für seine spektakuläre Poolanlage auf dem Dach bekannt ist. Ein weiteres Ziel war die Anlage "Gardens by the Bay", ein moderner Botanischer Garten mit riesigen Gewächshäusern aus Glas.

Weil Kims betagtes Flugzeug russischer Bauart die Flugstrecke von Pjöngjang nicht in einem Rutsch fliegen kann, reiste er in einem chinesischen Flugzeug an. In der Stadt wird er in einer schwarzen Limousine deutscher Bauart umherchauffiert.

Im Video: Trump und seine joggenden Bodyguards

Die Kim-Dynastie hat eine einigermaßen enge Beziehung zu Singapur. Kims ältester Bruder soll hier eine Weile gelebt haben. Ein anderer Bruder soll vor einigen Jahren bei einem Konzert von Eric Clapton gesichtet worden sein.

Ein Ort, der indes relativ wenig Beachtung findet, ist das Ritz-Carlton-Hotel. Dabei findet hier die eigentliche Arbeit vor dem Gipfel statt. In der Fünf-Sterne-Herberge sitzen die wichtigsten Unterhändler beider Seiten am Montag zusammen, um letzte Details für das Treffen zu besprechen. Man sieht die Diplomaten durch das Foyer schleichen, sie machen keinen besonders glücklichen Eindruck, was vielleicht etwas damit zu tun hat, dass sie unter extremem Druck stehen, zu Ergebnissen zu kommen.

US-Außenminister Mike Pompeo wiederholte erneut die Forderung der USA, dass Nordkorea den "umfassenden, verifizierbaren und unumkehrbaren" Abbau seines Nuklearprogramms zusagen müsse. Vorher werde es keine Lockerung der Sanktionen geben, versicherte er.

Bislang ist aber nicht klar, zu welchen konkreten Schritten Kim schon bei dem Treffen am Dienstag bereit sein wird. Offenbar wollen die Amerikaner erreichen, dass Kim eine schriftliche Zusage macht, dass er seine Waffen abgibt und danach vor allem scharfe Kontrollen durch Inspekteure zulässt. Pompeo zeigte sich optimistisch, dass dies gelingen werde. Es gehe um die Einrichtung eines robusten Kontrollsystems, so Pompeo. Dann sei der "historische Wandel" möglich.

So oder so erscheint Kim schon jetzt als der große Sieger des Gipfels. Dank Trumps Bereitschaft, mit ihm überhaupt zu verhandeln, erscheint der Diktator nun plötzlich als ganz normaler Staatsmann. Bei seinem Treffen mit Singapurs Regierungschef Lee entstehen Bilder, die zwei freundlich lächelnde Herren im Gespräch zeigen.

Aber natürlich könnte Trump die Sache auch noch in letzter Minute platzen lassen. Er schließt dies weiterhin nicht aus. Sein Wahlkampfteam geht jedoch offenbar davon aus, dass der Gipfel stattfinden wird. Wie aus einer Mitteilung des Weißen Hauses hervorgeht, ist für Mittwoch eine Feier in Minnesota geplant, bei der Trump unter anderem vom "historischen Treffen mit Kim Jong Un" sprechen wird.

Alles scheint momentan denkbar. Sogar, dass dann die große Stunde eines Vermittlers schlagen könnte: Der exzentrische Ex-Basketballstar Dennis Rodman kommt ebenfalls nach Singapur. Er kennt sowohl Trump als auch Kim. Er wolle seinen beiden "Freunden" helfen, verkündet er.

Die Amerikaner sagen allerdings: "Rodman hat sich selbst eingeladen."

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