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10. April 2012, 13:30 Uhr

Mindestens 150.000 Gefangene

Menschenrechtler prangern Nordkoreas Gulags an

Sie schuften in Bergwerken, werden gefoltert, viele offenbar willkürlich hingerichtet: Mindestens 150.000 politische Gefangene werden laut einem Bericht von Menschenrechtsaktivisten in nordkoreanischen Lagern gequält. Pjöngjang selbst spricht von "Erziehungsanstalten".

Pjöngjang - Es ist mal wieder Feierstunde in Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang: Das kommunistische Regime hat am Dienstag Hunderte verdiente Bürger ausgezeichnet, Soldaten und Arbeiter erhielten den höchsten Orden des Landes für ihren Beitrag zum Aufbau eines "mächtigen und erfolgreichen sozialistischen Staates". Anlass für die Ehrung sind die Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag des verstorbenen Staatsgründers Kim Il Sung.

Die Auszeichnung verdienter Bürger gehört zur Propaganda des abgeschotteten Landes - über missliebige Andersdenkende und das willkürliche Vorgehen der Behörden gegen angebliche Abtrünnige verliert das Regime dagegen kein Wort. Ein jetzt veröffentlichter Bericht von Menschenrechtsaktivisten gibt einen Einblick in die Brutalität des Regimes. "The Hidden Gulag", so lautet der Titel des 229-seitigen Berichts: "Der versteckte Gulag". Das in den USA ansässige Komitee für Menschenrechte in Nordkorea stützt sich darin auf Interviews mit 60 ehemaligen Häftlingen und Wärtern, die inzwischen nicht mehr in Nordkorea leben, sowie auf Satellitenaufnahmen mutmaßlicher Straflager. Die meisten Straflager, so der Bericht, würden im schwer zugänglichen bergigen Norden des Landes liegen.

Folter, Mangelernährung, Sklavenarbeit

Die Menschenrechtler kommen in ihrem Dokument zu alarmierenden Ergebnissen:

So berichtet der frühere Häftling Kim Yong, dass er während seiner Gefangenschaft in dem Lager Kwan-li-so immer wieder in Tanks mit eiskaltem Wasser stehen musste, das ihm bis zu den Hüften reichte. Sein Vater und sein Bruder waren wegen angeblicher Spionage für die USA hingerichtet worden. Rund zwei Jahre lang musste Kim Yong dem Bericht zufolge in einem Bergwerk arbeiten. Die Häftlinge litten unter den Haft- und Arbeitsbedingungen. Nachts waren sie in engen Baracken eingepfercht, 50 Arbeiter pro Raum, zum Schlafen standen drei Reihen mit Holzbänken zur Verfügung.

Todesstrafe - weil der Häftling Kastanien sammelte

Kim Yong berichtete zudem von willkürlichen Exekutionen. 25 Häftlinge seien in seiner Zeit der Gefangenschaft hingerichtet worden, sagte der Nordkoreaner laut dem Bericht. In einem Fall sei ein Häftling hingerichtet worden, weil er reife Kastanien, die von einem Baum gefallen waren, ohne Erlaubnis aufgesammelt hatte. Die meisten Todesfälle habe es wegen der Folgen von Mangelernährung und Krankheiten geben, berichtete demnach Kim Yong.

Auch Kang Chol-hwan war laut dem Bericht in Kwan-li-so inhaftiert, insgesamt war er zehn Jahre lang in Gefangenschaft. Eines Tages hatten Agenten vor der Tür gestanden und erklärt, dass der Großvater von Kang Chol-hwan, der wenige Wochen zuvor spurlos verschwunden war, Hochverrat begangen habe. Daraufhin wurde die gesamte Familie inhaftiert, lediglich die Mutter, die aus einer Politikerfamilie stammte, blieb frei. Sie musste sich aber auf Befehl des Regimes von ihrem Mann scheiden lassen. 1987 wurde Kang ohne weitere Begründung freigelassen.

Kim Tae-jin beschreibt seine Zeit der Gefangenschaft in dem Bericht der Menschenrechtsaktivsten als "ein Leben in der Hölle". 1986 hatte der gebürtige Chinese, der im Alter von fünf Jahren mit seiner Mutter nach Nordkorea gezogen war, Verwandte in China besucht. Wenige Monate später wurde er verhaftet und während der Verhöre gefoltert. Kim wurde Verrat vorgeworfen. Seine Peiniger schlugen ihn, ließen ihn nicht schlafen, zwangen ihn dazu, sich auf den Boden zu knien, stundenlang durfte Kim sich nicht bewegen. Zu essen bekam er kaum. Um zu überleben, aß er laut dem Bericht unter anderem Gras und Pflanzen. "Jede Woche" habe es Todesfälle wegen Mangelernährung gegeben. Nach viereinhalb Jahren wurde Kim freigelassen, später floh er nach China, inzwischen lebt er in Südkorea.

Pjöngjang hat seine Straflager weiter ausgebaut

Nach offizieller nordkoreanischer Darstellung existieren keine Straflager für politische Häftlinge. Es gebe auch keine politischen Häftlinge, hatte Nordkorea 2009 gegenüber den Vereinten Nationen erklärt. Es gebe lediglich "Erziehungsanstalten" für Bürger, die sich etwa "staatsfeindlicher Verbrechen" schuldig gemacht hätten.

Die Existenz von nordkoreanischen Straflagern für politische Häftlinge ist dem Ausland schon seit Jahren bekannt. Amnesty International hatte im vergangenen Jahr berichtet, dass Pjöngjang die Straflager in den vergangenen zehn Jahren ausgebaut habe. "Hunderttausende Menschen existieren praktisch ohne Rechte und werden im Grunde als Sklaven behandelt", wurde damals Sam Zarifi, Leiter von Amnesty für die Region Asien-Pazifik, zitiert.

AP

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