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Nordkorea Kim Jong Un macht sich locker

Junge Nordkoreaner tragen plötzlich schicke Outfits und gegelte Haare nach dem Vorbild südkoreanischer Schauspieler. Private Märkte haben auf einmal flexible Öffnungszeiten. Sind die winzigen Veränderungen Signale für einen Kurswechsel des neuen Herrschers Kim Jong Un?

Pjöngjang - Den missglückten Raketenstart im April hat er offen zugegeben, im Fernsehen eine zwanzigminütige Rede gehalten, bei seinen "Vor Ort"-Anleitungen in Kasernen und Fabriken öffnet er an warmen Tagen das Jackett, und die Untertanen dürfen ihn auch mal umarmen. Der neue Herrscher Nordkoreas, Kim Jong Un, nunmehr knapp über sechs Monate "Großer Führer", setzt sich im Stil von seinem Vater ab. Für den kamen das Zugeständnis eines peinlichen Misserfolgs, TV-Auftritte und allzu große Nähe zum Volk nicht in Frage. Der Sohn aber zeigt sich unbeschwert mit einer Frau an seiner Seite und besucht sogar eine Gala, bei der die Akteure als Disney-Figuren verkleidet sind.

Noch ist es zu früh, um zu beurteilen, ob sich der rundliche junge Mann mit dem seltsamen Haarschnitt als Reformer des quasi-religiösen Staats entpuppt, ob er sich aus dem Kreise konservativer Verwandter und Militärs lösen kann und will. Nur winzige Signale einer Öffnung gibt es: Die privaten Märkte in Pjöngjang haben flexiblere Öffnungszeiten, es setzte zudem öffentliche Kritik an der schlechten Verwaltung eines Vergnügungsparks.

Nordkoreaner, vor allem Bewohner der privilegierten Hauptstadt Pjöngjang, treten in den letzten Wochen moderner in der Öffentlichkeit auf, wie Besucher des abgeschotteten Landes berichten. Sie trafen in Pjöngjang zum Beispiel auf Studenten in modischen Outfits. Die jungen Männer trugen gegelte Haare - gekämmt nach dem Vorbild südkoreanischer Schauspieler und Schlagersternchen.

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Kim Jong Un: Vorsichtige Reformsignale

Foto: AFP/ KCNA

Auf privaten Märkten ist neuerdings importierte Kleidung populär - etwa das traditionelle, glockenförmige "Hanbok"-Kleid, das im Süden mit einem leicht anderen Schnitt und bunteren Farben getragen wird.

Diese winzigen Veränderungen im Alltag der Nordkoreaner sind das Ergebnis von immer mehr Informationen über das Leben im Ausland, vor allem über das verfeindete Südkorea, die nach Nordkorea dringen - auf DVDs, CDs, Videos und USB-Sticks.

Sie stammen vor allem aus dem Nachbarland China. An der Grenze leben zahlreiche Koreaner mit chinesischem Pass. Sie pflegen geschäftliche und verwandtschaftliche Beziehungen ins Reich der Kim-Dynastie. Und es sind illegale Grenzgänger, die Informationen mitbringen. Zwar schirmen Wachsoldaten in jüngster Zeit die einst poröse Grenze am Yalu- und Tumen-Fluss strenger ab als früher, doch nach wie vor gelingt es nordkoreanischen Arbeitern, die Demarkationslinie zu überwinden, um ein paar Wochen als Tagelöhner in China zu arbeiten.

Nordkorea ist nicht mehr völlig von Informationen abzuschirmen

Auch Kinder von privilegierten Funktionären mit Reiseerlaubnis decken sich im Ausland mit DVDs und CDs ein. Besonders beliebt: Seifenopern aus Südkorea (etwa: "Allein verliebt"), die von den in China lebenden Koreanern aufgezeichnet und dann an die Landsleute jenseits der Grenze verteilt werden. Auch der Hollywood-Film "Titanic" soll unter den Nordkoreanern sehr beliebt sein.

Zwar ist den Nordkoreanern verboten, ein privates Radio zu haben. Die offiziell zugeteilten Geräte sind nicht in der Lage, ausländische Sender zu empfangen. Doch DVD-Geräte sind erlaubt, eine Fabrik in Pjöngjang stellt sie sogar her. "Sonst kaufen wir Geräte von Schmugglern. Solange man sie registrieren lässt, ist dies nicht illegal, weil es die Behörden erlauben, übersetzte russische und chinesische Disks anzuschauen", berichtete jüngst ein nordkoreanischer Flüchtling auf der südkoreanischen Webseite Daily NK. Inzwischen würden häufig auch USB-Sticks als Datenträger für Computer und Laptop genutzt.

Der Besitz eines Computers ist ebenfalls erlaubt. Wer einen hat, muss ihn allerdings registrieren lassen - und damit rechnen, dass die Polizei die Festplatten auf sogenanntes staatsfeindliches Material hin überprüft. Dazu haben die Behörden jetzt eine Spezialeinheit gegründet - das sogenannte Büro 27. Wie wirksam es arbeitet, ist bislang nicht bekannt. Andere Agenten, die "Gruppe 109", sollen damit beauftragt sein, DVDs und CDs mit "unreinem" Inhalt ausfindig zu machen.

Eines dürfen die Nordkoreaner jedoch nicht: ins Internet. In den Universitäten und Forschungsstätten wird nur ein nach außen abgeschlossenes Intranet genutzt. Surfen auf internationalen Webseiten ist Privilegierten vorbehalten.

Mit seiner Propaganda-Taktik macht sich Pjöngjang unglaubwürdig

Weil aber die nordkoreanische Bevölkerung nicht mehr völlig von Informationen abzuschirmen ist, hat die Führung ihre Propaganda-Taktik geändert: Versuchte sie einst, Südkorea als Brutstätte von Hunger und Elend darzustellen, in der Tausende Arbeitslose auf den Straßen dahinvegetieren, liefert sie nun eine andere Version: Südkorea als zwar wohlhabende, aber seelenlose Gesellschaft, die unter Umweltverschmutzung, Kriminalität und Ungleichheit leidet.

"Bis 2000 glaubten die Menschen, dass Südkorea ein sehr armes Land sei. Wir hatten Mitleid mit den gequälten Südkoreanern", berichtete ein Flüchtling dem Experten Andrei Lankov, einem gebürtigen Russen, der in Nordkorea studierte und nun als Professor an der Kookmin-Universität in Seoul arbeitet. "Aber dann sahen die Leute südkoreanische Filme. Jetzt glauben nur noch Grundschüler, dass Südkorea arm ist."

Könnten all die neuen Informationen das Regime in Pjöngjang destabilisieren, gar eine Revolution auslösen? Fachmann Lankov ist skeptisch: "Die Ausbreitung von Kenntnissen über die Außenwelt dürfte die Nordkoreaner ungläubiger gegenüber der Regierung machen. Aber das bedeutet keine sofortigen Aktionen gegen die Regierung."

Gleichwohl vermutet der Professor: "In fünf bis zehn Jahren dürfte die Mehrheit der nordkoreanischen Bevölkerung gemerkt haben, dass sie in einem sehr armen und ungewöhnlich repressiven Staat lebt."

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