Nordkorea-Politik der USA Ruhige Worte, großer Knüppel

Drohungen und Diplomatie: Diktator Kim Jong Un will eine Rakete zünden, US-Außenminister John Kerry fordert mehr Engagement von China. Die Frage ist: Warum wollen die USA nicht selbst mit Nordkorea verhandeln?

Außenminister Kerry und Wang Yi: Druck auf Regime in Nordkorea erhöhen
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Außenminister Kerry und Wang Yi: Druck auf Regime in Nordkorea erhöhen

Von , Washington


Eigentlich wollte sich John Kerry den Chinesen an diesem Samstag einfach mal persönlich vorstellen: Gestatten, Barack Obamas neuer Außenminister. Doch die Lage in Nordkorea macht aus einem entspannten Antrittsbesuch eine recht ernste Angelegenheit.

John Kerry ist plötzlich mittendrin in der Krisendiplomatie. Schon am Vortag hatte er von Südkorea aus die Chinesen unmissverständlich aufgefordert, ihre engen Beziehungen zu Nordkorea zu nutzen, um den Druck auf das Regime zu erhöhen. Bei seinem Antrittsbesuch in Peking konnten sich Kerry und Außenminister Wang Yi nun offenbar auf einen vorsichtigen Kompromiss zur Abrüstung in Korea verständigen.

Die USA hoffen auf China

Es ist offensichtlich, die Amerikaner sehen den Schlüssel zur Lösung der Nordkorea-Krise bei China. Kein Tag vergeht, an dem nicht ein entsprechendes Statement aus dem Weißen Haus abgesetzt wird. Tatsächlich würde das Regime in Pjöngjang ohne die Unterstützung Chinas rasch kollabieren. Doch die Idee vom chinesischen Problemlöser führt in die Sackgasse, das Riesenreich ist vor allem an Stabilität an seinen Grenzen interessiert - und nicht an der Ausdehnung amerikanischen Einflusses.

Was tun? Die USA könnten just die Initiative übernehmen, die sie von China einfordern; sie könnten selbst mit Diktator Kim Jong Un verhandeln. Das würde Sinn machen, denn nicht von den Chinesen, sondern von den Amerikanern forderten die Nordkoreaner schließlich "Sicherheitszusagen, diplomatische Anerkennung und die Normalisierung des Handels", schreiben die Korea-Experten David Shim und Nadine Godehardt in der "Asia Times".

Das Problem: Nordkorea ist kein verlässlicher Partner. Noch nach jeder Vereinbarung hat die Hunger-Diktatur in den vergangenen 20 Jahren getrickst, gelogen und weiter eskaliert. Auf Drohungen folgten Zugeständnisse folgten Drohungen. Um der Außenwelt die bitter nötigen Hilfen abzupressen, gaben sich die Nordkoreaner "gefährlich, unvorhersehbar und irrational", erklärt Andrei Lankov dieses Schema in seinem jüngst erschienen Buch "The Real North Korea". Ein Teufelskreis, inklusive bitterer Dialektik: Erst das Erpressungspotential des Atomprogramms sicherte den Kims ja die Aufmerksamkeit der Welt - und die amerikanischen Hilfen zum Überleben. Allein von 1996 bis 2001 lieferten die USA 1,7 Millionen Tonnen Lebensmittel nach Nordkorea, rechnet Lankov vor.

"Worte müssen Folgen haben"

Obama nun hat sich seit Amtsantritt vorgenommen, nicht mehr auf Nordkoreas Erpressungsversuche einzugehen. Kein Anschluss unter dieser Nummer. Kims Rhetorik, seine atomaren Drohungen gegen US-Basen im Pazifik, gegen US-Städte, all das soll wirkungslos verhallen. "Das Muster kennen wir schon", sagt Obamas Sprecher Jay Carney kühl. Man rüstet sich mit Defensivwaffen für den Fall der Fälle, aber der Irre in Pjöngjang wird ignoriert; das Konzept heißt "strategic patience". Als die Nordkoreaner im April 2009 eine Langstreckenrakete testeten, sagte der US-Präsident: "Regeln müssen bindend sein, ihre Verletzung muss bestraft werden, Worte müssen Folgen haben."

Die US-Regierung selbst hat sich eine simple Regel gegeben: Die nukleare Bewaffnung Nordkoreas wird nicht akzeptiert. Gespräche mit Pjöngjang seien möglich, "wenn das Regime die Denuklearisierung einleitet", erklärte Außenminister Kerry am Freitag. Das ist die Bedingung. Basta. Eine Bedingung, die Nordkorea nicht erfüllen wird. Das Atomprogramm sichert Aufmerksamkeit und Hilfsleistungen, das ist die Erfahrung des Regimes. Wer keines hat, der wird abgeräumt; siehe Saddam Hussein, siehe Muammar al-Gaddafi. So simpel kann das manchmal sein.

Regime von innen aushöhlen

Für die USA ist die Nummer leider weniger einfach. Denn bisher ist noch jede Strategie gescheitert, zumindest wenn sich der Erfolg an Nordkoreas Abrüstung messen lassen soll. Und Obamas Versuch der Nichtbeachtung könnte sich möglicherweise als kontraproduktiv erweisen, scheint doch Kim Jong Un auf immer höhere Dosen der Provokation zu setzen, um gehört zu werden.

Experte Lankov warnt: Wer Pjöngjang mit Gleichgültigkeit strafe, der riskiere, dass Kim das Atomarsenal ausbaue sowie die Waffen an Terrorgruppen oder andere gefährliche Regime weiterverbreite - "sowohl um Druck auszuüben als auch um Geld zu verdienen." Lankovs Vorschlag: Kurzfristig sollten die USA Nordkoreas Nuklearprogramm akzeptieren, auch wenn sie damit einen Präzedenzfall schafften. Im Gegenzug solle Pjöngjang auf den Ausbau seines Arsenals und eine Weiterverbreitung seines Materials verzichten. Langfristig aber müsse das Regime innerlich ausgehöhlt und letztlich transformiert werden, indem man den akademischen und kulturellen Austausch fördere, freie Radioprogramme über die Grenze ausstrahle oder den wirtschaftlichen Erfolg Südkoreas vorführe. Dieser Mix habe auch schon im einstigen Ostblock zu Auflösungstendenzen geführt.

Klar ist: Für diese Strategie müsste Obama das Risiko in Kauf nehmen, daheim als zögerlich zu gelten. Es ist ein Etikett, dass die Konservativen dem Präsidenten - etwa mit Blick auf seine Iran-Politik - immer wieder anzuhängen versuchten. Bisher vergebens. Obama-Getreue sehen ihren Mann eher in der Tradition von Theodore Roosevelt und seiner Big-Stick-Diplomacy: "Sprich' sanft und trage einen großen Knüppel mit dir", pflegte der 26. US-Präsident zu sagen. Heißt: Diplomatie plus starke militärische Rückversicherung. Roosevelt jedenfalls wies auf diese Weise 1902 das deutsche Kaiserreich in die Schranken und verhinderte einen Krieg. Damals saßen die Irren noch in Berlin.

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chrimirk 13.04.2013
1. Mit Ungeheuern verhandelt man nicht!
Zitat von sysopAPDrohungen und Diplomatie: Diktator Kim Jong Un will eine Rakete zünden, US-Außenminister John Kerry fordert mehr Engagement von China. Die Frage ist: Warum wollen die USA nicht selbst mit Nordkorea verhandeln? http://www.spiegel.de/politik/ausland/nordkorea-john-kerry-in-china-a-894161.html
Soll doch das allmächtige China zeigen, was es wirklich kann. Nur mit Billigkram die zuzuwerfen, ist nicht bgenug.
BettyB. 13.04.2013
2. Was ist das denn?
Dass die US-Amerikaner autonme Staaten mit eigener Meinung nicht achten, ist ja bekannt, dass sie aber offiziell Dritte, die sie zudem nicht gerade als Verbündete ansehen, auffordern, die Autonomie anderer zu mißachten, das ist schon bemerkenswert...
tomblu 13.04.2013
3. Warum verhandeln?
Wieso sollte man mit Nordkorea verhandeln? Das bringt doch nichts. Die Vergangenheit zeigt doch, dass sie sich in den allerseltensten Faellen tatsaechlich an Abmachungen halten. Nordkorea verspricht, kassiert im Gegenzug Hilfslieferungen, nur um kurze Zeit spaeter die Abmachung zu brechen. Wieso sollte man mit so einem Land ueberhaupt verhandeln, das sich grundsaetzlich an nichts haelt? Ich halte das fuer Zeitverschwendung...
dunnhaupt 13.04.2013
4. Das Gesetz der unbeabsichtigten Konsequenzen ...
Auch Nichtstun kann Folgen haben. Wenn den Chinesen wirklich daran gelegen hätte, die Ausdehnung der amerikanischen Hegemonie zu hindern, dann hätten sie nicht tatenlos zusehen, sondern Nordkorea stoppen sollen. Weil China aber nichts tat, konnten die Amerikaner ohne jeden Protest ihre Raketenverteidigung in Asien ungehindert ausdehnen. Nordkorea ist Chinas missratenes Baby, um das sich die Eltern nicht mehr kümmern wollen, aber es ist immer noch ihr Baby.
horribilicribrifax 13.04.2013
5. Vom Papiertiger zum Papierfreund
Wer erinnert sich nicht an die Zeit, als China die USA noch als Papiertiger bezeichnete? Papierfreunde werden die Chinesen die Amerikaner nie nennen - dazu sind sie zu höflich - aber schaun Sie auf der Titelfotografie den Gesichtsausdruck des chinesischen Aussenministers an! Überschäumende Begeisterung über den amerikanischen Vorschlag! Die lassen doch diesen dummen Yankee ins Leere laufen und lachen sich zusammen mit ihren nordkoreanischen Freunden kaputt.
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