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Nordkoreas Kriegsrhetorik Kim gegen den Rest der Welt

Die Provokationen aus Pjöngjang werden immer schriller. Das nordkoreanische Regime spricht von einem "umfassenden Krieg", droht mit einem Atomschlag gegen die USA. Selbst der letzte Verbündete China geht auf Distanz. Warum setzt Staatschef Kim Jong Un auf Eskalation? Er hat drei Gründe.

Pjöngjang - "Gnadenlos" werde Nordkorea die Amerikaner ins Meer spülen, ihre Einheiten in Südkorea "elendig zerstören", Seoul in ein "nukleares Flammenmeer" verwandeln: Immer wieder haben Nordkoreas Machthaber gedroht, ihre "heldenhafte Armee" werde den Feind auslöschen - angetrieben von einer überlegenen Ideologie und der Liebe zum Führer Kim.

Nun ist eine neue Drohung hinzugekommen: Pjöngjang werde das "Hauptquartier der Aggressoren", gemeint sind die USA, mit einem "nuklearen Präventivschlag" vernichten. Gleichzeitig schürt Nordkoreas Propaganda unter den eigenen Bürgern die Angst: Ein Angriff der Amerikaner stehe unmittelbar bevor, man müsse sich auf das Schlimmste gefasst machen.

Nach dem dritten nordkoreanischen Atomtest und den neuen Sanktionen der Uno setzt das Regime auf schrille Provokation. Ostasien kommt nicht zur Ruhe - im Gegenteil: Diktator Kim Jong Un drohte gar, das Waffenstillstandsabkommen aufzukündigen, das im Jahr 1953 den heißen Krieg auf der koreanischen Halbinsel in einen kalten Krieg verwandelte. Zudem kündigte Pjöngjang ein Übereinkommen mit den südkoreanischen Nachbarn, sich nicht anzugreifen, und kappte den "heißen Draht" mit Seoul, über den Zwischenfälle am 38. Breitengrad schnell entschärft werden sollten.

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Atomkonflikt: Pjöngjangs Drohpolitik

Foto: REUTERS/ KRT

Die Spannungen dürften nach Ansicht von Experten in den kommenden Wochen zunehmen: Nach Informationen des südkoreanischen Verteidigungsministeriums werden die Nordkoreaner schon bald ein großes Militärmanöver starten. Möglich ist zudem ein weiterer Test einer Interkontinentalrakete.

Nordkoreas junger Führer Kim Jong Un besuchte in den vergangenen Tagen mehrere Militäreinheiten. Experten in Seoul schließen nicht aus, dass die Nordkoreaner den Süden erneut provozieren könnten - so wie sie es im November 2010 taten, als sie die Grenzinsel Yeonpyeong mit Granaten beschossen.

Das Säbelrasseln Kims und seiner Militärs hat drei Gründe:

  • Sie sind offenbar fest davon überzeugt, der Rest der Welt wolle ihnen an den Kragen. Sie glauben, dass es ihr gutes Recht sei, Atombomben und Interkontinentalraketen zu besitzen - so wie der Erzfeind Amerika.
  • Kim Jong Un und seine Familienclique müssen den darbenden Untertanen beweisen, dass sie ihre legitimen Führer sind, die in der Lage sind, das Volk vor äußeren Feinden zu beschützen und dass die miserable Wirtschaftslage nicht ihre Schuld ist, sondern die der bösen Nachbarn. Der Atomtest, sagt der Pekinger Professor Shi Yinhong, "hatte vor allem das Ziel, Kim Jong Uns Ruf als Führer in der nordkoreanischen Öffentlichkeit und im Militär zu stärken".
  • Nordkoreas Herrscher versuchen, ihre Grenzen auszutesten, denn die politische Lage in der Region wandelt sich. Gleich drei Länder haben neue Führungen: In China tagt der Nationale Volkskongress, Pekings Pseudo-Parlament. Die Delegierten werden KP-Chef Xi Jinping auch als Staatschef installieren. Südkorea hat mit Park Geun Hye eine neue Präsidentin, und in Japan ist wieder einmal eine rechtskonservative Regierung an der Macht. Zudem hat in den USA John Kerry Außenministerin Hillary Clinton abgelöst. Auch den gilt es, auf seine Geduld zu prüfen.

Uno-Sanktionen schrecken Nordkorea nicht

Dabei wissen die Nordkoreaner: Ihr Schicksal hängt vor allem vom Nachbarn China ab, dem einzigen noch verbliebenen Verbündeten in der Region. Chinesische Wissenschaftler und Journalisten debattieren derzeit heftig, ob Peking überhaupt noch weiter zu den nordkoreanischen Verbündeten halten sollte. Peking müsste nur den Ölhahn zudrehen und keine Lebensmittel mehr liefern - schon wären Kim und Konsorten am Ende.

Nordkorea fallen zu lassen, dafür plädiert etwa der Journalist Deng Yuwen von der Pekinger Parteihochschule. Seiner Ansicht nach ist der dritte Atomtest eine gute Gelegenheit, die Allianz mit der Kim-Dynastie zu überdenken. Chinas strategische Sicherheit mit dem Schicksal Nordkoreas zu verknüpfen, hält Deng für "überholt".

Das chinesische Militär und die internationale Abteilung des Zentralkomitees allerdings wollen die engen Bande zu Nordkorea behalten. Xi plane, so heißt es in Peking, nach dem Ende des Volkskongresses das Problem Nordkorea mit Diplomaten und Experten zu überdenken.

Wie auch immer das Ergebnis der Diskussionen ausfallen wird und welche Kräfte sich in der chinesischen Nordkorea-Politik durchsetzen werden, fest steht, so Fachmann Shi: "Die Beziehungen sind derzeit im Eimer." Den jüngsten Strafmaßnahmen der Uno hat Peking jedenfalls zugestimmt - wohl wissend, dass sie weit interpretierbar sind und den Nordkoreanern nicht besonders wehtun.

So hat die Uno zwar den Verkauf von Juwelen, Yachten, Luxusautos und Rennwagen nach Nordkorea verboten, den von Pelzen und Schnaps aber nicht. Kim und seine Marschälle dürfen weiterhin mit französischem Cognac anstoßen.