Führungsstreit in Nordkorea Onkel Chang und das mächtige Militär

Er war sein wichtigster Berater, doch jetzt hat Nordkoreas Staatschef Kim Jong Un seinen Onkel Chang geopfert. Handelte der junge Herrscher womöglich auf Druck des Militärs? Der Sturz der grauen Eminenz offenbart einen Machtkampf in Pjöngjang.


Pjöngjang - Diktator Kim Jong Un hat seinen angeheirateten Onkel Chang Song Taek entmachtet - es könnte die größte Zäsur in Nordkoreas Elitekader sein seit dem Tod von Kim Jong Il Ende des Jahres 2011. Chang soll seinen Posten als Vizechef des Nationalen Verteidigungsausschusses verloren haben. Zwei seiner Vertrauten sind zudem angeblich öffentlich hingerichtet worden. So berichten es zumindest südkoreanische Medien unter Berufung auf Geheimdienstinformationen.

Doch was steckt hinter dem Sturz des einflussreichen Onkels? Chang Song Taek wurde womöglich Opfer eines Machtkampfes in der Führungsspitze in Pjöngjang, und Kim Jong Un konnte ihn eventuell nicht mehr schützen.

Die möglichen Hintergründe: Kim versucht offenbar, die Landwirtschaft in Nordkorea zu liberalisieren. Die Kolchosen haben neuerdings mehr freie Hand, dürfen selbständiger entscheiden und einen größeren Teil ihrer Ernte auf dem freien Markt verkaufen. Die Fabriken sollen nach "neuen Managementmethoden" arbeiten dürfen. Die Propaganda nennt das: "Maßnahmen des 28. Juni". Entwicklungshelfer berichten, dass die Reformen zumindest in einigen Staatsfarmen greifen, insgesamt sei die Stimmung in der Bevölkerung besser als früher.

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Nordkorea: Absturz der "grauen Eminenz von Pjöngjang"
Gegen diese Reformen stemmen sich offenbar konservative Kräfte im Militär Nordkoreas. Der 67-jährige Chang gehörte nach Angaben von Beobachtern dagegen zu den Neuerern. Es gibt Gerüchte, dass sich Chang mit den Militärs angelegt hat, weil er ihnen das lukrative Bergbau-Geschäft, das offenbar von der Armee kontrolliert wurde, entzog. Das könnte bedeuten: Das Militär hat nach wie vor so viel Macht, dass es sogar den Onkel von Kim Jong Un schassen kann.

Chang war schon einmal von der Bildfläche verschwunden

Chang Song Taek galt als graue Eminenz des kommunistischen Regimes und sollte auf Wunsch von Kim Jong Il dem unerfahrenen Sohn den Rücken freihalten: Chang trat plötzlich in Generalsuniform auf und saß in der Nationalen Verteidigungskommission.

Außerdem war er offenbar für die Beziehungen zum Verbündeten China zuständig, im August 2012 besuchte er Peking und die Nordostprovinzen. Damals ging es unter anderem darum, zwei Sonderwirtschaftszonen an der chinesischen Grenze zu gründen.

Auch unter Kim Jong Il war Chang schon einmal von der Bildfläche verschwunden: Im Sommer 2003 musste er offenbar - wie es in Nordkorea mit in Ungnade gefallenen hohen Parteikadern öfter geschieht - zum Arbeitseinsatz oder gar in ein Lager. Die Gründe des damaligen Sturzes sind jedoch unklar, womöglich gab es in der Kim-Familie Streit um Posten und Pfründe.

Chang Song Taek sei, heißt es in einigen Quellen, "Fraktionsbildung" vorgeworfen worden. Im Januar 2006 tauchte er wieder in der Hauptstadt auf. Er war sogar als neuer Chef der Obersten Volksversammlung im Gespräch.

Ist die Tante die wahre Machthaberin in Nordkorea?

Eine wichtige Rolle spielt auch Changs Frau Kim Kyung Hee, 66, also die Tante des jungen Kim. Sie gehört zum Kreis der Funktionäre, die den jungen Staatschef beraten. Manche südkoreanische Experten vermuten sogar, dass sie die wahre Chefin in Nordkorea ist. Wie ihr Mann und Neffe ist sie General. Bislang war sie aber nicht in Uniform, sondern nur in einem schwarzen Hosenanzug zu sehen - zuletzt im vorigen Jahr in der Grabhalle ihres Vaters und Bruders, in der die beiden nach offizieller Lesart "auf ewig weiterleben".

Chang Song Taek hatte seine spätere Frau während des Studiums der Politischen Ökonomie an der Kim Il Sung-Universität kennengelernt. Staatsgründer Kim Il Sung lehnte die Verbindung jedoch ab. Er hielt den Freund seiner Tochter - einen talentierten Akkordeonspieler, Tänzer und Sohn einfacher Arbeiter - wohl für zu wenig revolutionär. Aber seine Tochter setzte sich durch und heiratete Chang 1972.

Kim Kyung Hee machte ebenfalls Karriere in der Partei: Sie war in der KP verantwortlich für internationale Beziehungen, den Frauenverband und die Leichtindustrie. Inzwischen führt sie die Organisationsabteilung der Partei. Privat kümmerte sie sich lange um den ältesten Sohn ihres Bruders, Jong Nam, der mittlerweile im südchinesischen Spielerparadies Macau lebt.

Ihre einzige Tochter, damals Studentin in Paris, nahm sich 2006 das Leben, als die Familie sie zurück nach Pjöngjang holen wollte. Inzwischen soll Kim Kyung Hui ein Alkoholproblem haben und von ihrem Mann getrennt leben. Und sie soll sich zur Geschäftsfrau gemausert haben. Nach Informationen des amerikanischen Radio Free Asia besitzt sie ein Restaurant in Pjöngjang.

insgesamt 2 Beiträge
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robert.haube 03.12.2013
1. Wirtschaftliche Veränderungen
Der entscheidende Mann der jüngsten Wirtschaftsreformen war nicht der Kim-Onkel. Es ist eindeutig Premier Pak Pong-Ju. Die relative Selbständigkeit der Farmen, die Ernteüberschüsse selbst verkaufen können, gibt es schon seit Oktober 2012. Was in diesem Jahr neu hinzu kam, ist die zunehmende Selbständigkeit von Provinzen und Unternehmen. Es gibt jetzt nicht nur die bislang bekannten industriellen Planprodukte, sondern neu auch die Überplan- und Außerplan-Produkte, die selbst vermarktet werden können. Wie die südkoreanische daily nk berichtet, ist die Folge, dass gut arbeitende Unternehmen die Löhne ihrer Angestellten in den letzten Monaten z.T. drastisch erhöhen konnten.
swandue 03.12.2013
2. Bourgeoise Dekadenz!
Zitat von robert.haubeDer entscheidende Mann der jüngsten Wirtschaftsreformen war nicht der Kim-Onkel. Es ist eindeutig Premier Pak Pong-Ju. Die relative Selbständigkeit der Farmen, die Ernteüberschüsse selbst verkaufen können, gibt es schon seit Oktober 2012. Was in diesem Jahr neu hinzu kam, ist die zunehmende Selbständigkeit von Provinzen und Unternehmen. Es gibt jetzt nicht nur die bislang bekannten industriellen Planprodukte, sondern neu auch die Überplan- und Außerplan-Produkte, die selbst vermarktet werden können. Wie die südkoreanische daily nk berichtet, ist die Folge, dass gut arbeitende Unternehmen die Löhne ihrer Angestellten in den letzten Monaten z.T. drastisch erhöhen konnten.
Nächstes Jahr werden die Kerle erschossen. Übertragen auf Deutschland hieße das, was da berichtet wird: Ein Friedrich Merz schuftet im Steinbruch. ;-)
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