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Rätselhafte Ehrung in Nordkorea Kim und die weinende Verkehrspolizistin

Normalerweise regelt Ri Kyong-Sim in Pjöngjang den Verkehr - jetzt ist sie "Heldin der Republik". Doch warum bekam die junge Polizistin diese spektakuläre Auszeichnung? Es darf spekuliert werden: über einen Unfall von Diktator Kim. Oder gar über ein verhindertes Attentat.

Pjöngjang - "Held der Republik" wird man in Nordkorea nicht mal eben so. Die Auszeichnung ist normalerweise einer kleinen Elite vorbehalten. Die Techniker, die den ersten Satelliten des Landes ins All beförderten, haben eine bekommen. Die Männer hinter dem erfolgreichen Atomtest im Februar ebenso. Solche Kaliber halt. Aber eine einfache Polizistin, die auf einer Kreuzung in Pjöngjang den Verkehr regelt? Ja, tatsächlich: Seit dieser Woche darf sich Ri Kyong-Sim offiziell "Heldin der Republik" nennen. Und es darf munter spekuliert werden, wofür die junge Frau denn nun mit der höchsten Ehrung des Landes ausgezeichnet wurde.

Die staatliche Nachrichtenagentur KCNA gibt sich selbst für nordkoreanische Verhältnisse ungewöhnlich nebulös. Ri habe "heldenhaft und selbstlos die Sicherheit des Zentrums der Revolution unter unvorhersehbaren Bedingungen verteidigt".

Kein Wort verliert die Agentur über die Natur dieser "unvorhersehbaren Bedingungen". Aufhorchen lässt jedoch die Formulierung "Zentrum der Revolution". So wird in den staatlich gesteuerten Medien auch die Führung des Landes umschrieben. Konkret: Diktator Kim Jong Un.

Ein weiteres Indiz liefert ein Vorgesetzter von Polizistin Ri. Er wird im Staats-TV so zitiert: "Ris Taten waren nicht nur vom reinen Zufall bestimmt. Sie hatte schon immer eine große Leidenschaft für den respektierten Führer." So weit, so zweideutig, birgt diese Aussage wenig Erhellendes über den tatsächlichen Vorfall. Sie lässt aber eine direkte Verbindung zu Kim Jong Un vermuten.

Nun wird vor allem im Nachbarland Südkorea gerätselt, was da denn wohl passiert sein möge. Heißer Tipp ist derzeit ein möglicher Verkehrsunfall mit Beteiligung eines Top-Politikers, möglicherweise Kim. Im Internet kursiert zudem eine in etwas holprigem Englisch verfasste Variante, in der Ri im strömenden Winterregen bei der Reparatur eines Autos am Straßenrand hilft. Auch hier ist immer wieder von "Hirn der Revolution" die Rede.

Tränen auf der Bühne, Weinkrampf am Mikro

Noch weiter geht Park Kun-Ha, Mitglied einer Gruppe nordkoreanischer Dissidenten in Seoul. Ihn zitiert die britische Zeitung "Telegraph" mit den Worten: "Ich vermute einen Zusammenhang mit einem versuchten Anschlag, der als Verkehrsunfall getarnt werden sollte." Welche Rolle Ri dabei gespielt haben könnte, lässt er aber offen.

Doch egal, ob sie für einfache Pannenhilfe, Unfallrettung oder gar noch Spektakuläreres ausgezeichnet wurde - allein für ihre Reaktion auf die Ehrung hätte Ri Kyong-Sims schon einen Preis verdient gehabt: Tränenüberströmt und von Weinkrämpfen geschüttelt trat sie in einem Clip der staatlichen Nachrichten auf die Bühne. Nur mühsam brachte sie auf der Pressekonferenz diese Worte ins Mikrofon: "Ich könnte nicht dankbarer sein für die Gnade, die mir unser höchster Führer entgegengebracht hat."

jok
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